Zehn Jahre nach der großen Beitrittswelle steht der Europäischen Union ihre eigentliche Bewährungsprobe noch bevor. Jahrzehntelang galt die EU den Europäern als Garant für Frieden und wachsenden Wohlstand. Noch in den damaligen Beitrittsländern hat dies zunächst funktioniert.

Doch dieses Modell ist inzwischen an seine Grenzen gelangt. Die EU ist nicht mehr der Garant des Wohlstands. In der Finanzkrise hat die EU den Absturz ganzer Volkswirtschaften nicht nur nicht verhindern können, sondern mit ihrer Austeritätspolitik noch gefördert. Soziale Standards spielen in der EU weniger denn je eine Rolle. Ihre Politik hat sich auf das neoliberale Credo von "immer mehr Wettbewerb" verengt, das im Vertrag von Lissavon festgeschrieben ist.

Auch als Vorbild für ein friedliches Miteinander taugt die EU immer weniger. Die Finanzkrise hat alte Ressentiments und Feindschaften im Innern der EU wieder aufbrechen lassen. Nach außen versucht sich die EU andererseits immer öfter in Machtpolitik alten Stils und hat auch eine militärische Komponente entwickelt.

Und drittens wird angesichts immer neuer Erweiterungspläne auch die Antwort auf die Frage noch drängender, was Europa eigentlich ist. Wie steht es um die kulturelle Identität? Muss sich die EU nicht auf das lateinische - also katholisch und protestantisch geprägte - West- und Mitteleuropa beschränken? Kann das orthodoxe Osteuropa dazugehören oder die moslemische Türkei? Und wenn das orthodoxe Europa dazu gehört, kann man dann Russland ausschließen?

All diese Fragen müssen offen diskutiert werden und nicht in den Hinterzimmern politischer und wirtschaftlicher Eliten. Womit wir beim vierten großen Problem sind, dem Defizit an Demokratie. Das EU-Parlament hat zwar seit dem Vertrag von Lissabon Macht hinzugewonnen.Doch an der heimlichtuerischen Hinterzimmerpolitik hat sich nichts geändert. Die Krise um die Ukraine hat die Lösung all dieser Fragen noch dringlicher gemacht als vielen lieb ist. Schiebt man sie weiter auf die lange Bank, wird uns das Ganze eines Tages um die Ohren fliegen.