Sinn oder Unsinn? Felix Baumgartners Sprung vom Rande des Weltalls hat eine leidenschaftliche Debatte ausgelöst. So, als ließe sich das Tun des 43-jährigen Österreichers in Kategorien fassen. So, als ließe sich der Sprung nach rationalen Kriterien einordnen. Natürlich gab und gibt es Effekte. Traumhafte Einschaltquoten, höchst mögliche Aufmerksamkeit für den Sponsor Red Bull, Talkshow-Einladungen, eine ganze Kette von Vermarktungsmöglichkeiten.

Doch das ist alles profanes Beiwerk. Denn Baumgartner hat uns etwas ganz anderes gezeigt. Er hat dem menschlichen Streben nach dem Höher, Schneller, Weiter eine eigene, poetische Komponente hinzugefügt. Die Bilder vom Aufstieg, vom Hinaufschweben, die Außenansicht der Kapsel, die Blenden hin zu Baumgartners Familie am Boden, zu den Mitstreitern im Kontrollzentrum. - Die Dramaturgie war beeindruckend, ein Schauspiel des Besonderen wurde aufgeführt, ein dokumentarisch-lyrisches Versatzstück zwischen "Major Tom" und "2001: Odyssee im Weltraum". Dann dieser Moment, als die Tür der Kapsel sich nicht öffnen lassen wollte, als die Möglichkeit des Scheiterns auf 39.000 Metern für den Beobachter greifbar schien. Diese Stille, der einsame Held am Scheidepunkt, das Innehalten. Doch plötzlich: Das Tor hinunter zur Welt weit geöffnet, Baumgartner vor dem Fall. Schließlich der Schritt nach vorn.

Und dann fiel er in diese unglaubliche Tiefe, ewige Sekunden lang. Mehr als tausend Stundenkilometer schnell. Die Kraft des Momentes lag über allem: Wie der Mensch sich verliert, kleiner wird, entfernt, selbst für die scharfsichtigsten Kameras nur zum fliehenden Punkt gerät. Das war, das ist Kunst im wahrsten Sinne. Weil das Geschehen berührte, weil es das noch immer tut. Vielmehr kann ein Künstler nicht erreichen.

Ja, dies alles hat womöglich 50 Millionen Euro gekostet. Ja, man hätte dieses Geld in ein humanitäres Projekt geben können. Aber denen, die bei Baumgartners Stratosphärensprung wahnwitzige Geldverschwendung vermuten, sei erinnert: In der Kunst funktioniert die Kategorie Geld nicht in ihrer üblichen Wirkweise. So wechselte erst kürzlich ein Gemälde des deutschen Malers Gerhard Richter für 26,2 Millionen Euro den Besitzer. Verkäufer war Eric Clapton, der einst 2,6 Millionen dafür bezahlt hatte. Wert und Gegenwert liegen also immer im Auge des Betrachters.

Baumgartners Sprung soll indes ein Solitär bleiben, wie der Extremsportler wissen ließ. Es ist ihm zu wünschen, dass er tatsächlich der Versuchung widerstehen kann. Auch um seiner selbst willen. Man darf das Schicksal herausfordern, nur nicht allzu oft. Und poetischer ist das singuläre Ereignis sowieso.