Durch Kurzarbeit während der Corona-Zeit haben viele Menschen - gezwungenermaßen - weniger gearbeitet. Nun taucht wohl auch deswegen wieder die Forderung auf, das gängige Arbeitszeitmodell in Deutschland zu überdenken: Sowohl die IG Metall als auch die Partei „Die Linke“ haben erneut die Vier-Tage-Woche gefordert.

Naturgemäß haben Arbeitgeberverbände und andere Interessensvertreter reflexhaft mit Ablehnung und Kopfschütteln reagiert, haben sie doch vor allem Lohnnebenkosten im Kopf, wenn sie von dieser Idee hören. 

Weniger arbeiten ist gesund

Für eine Neuregelung spricht jedoch einiges und nach anfänglicher Schnappatmung könnte man sicherlich darüber nachdenken. Es gibt nämlich durchaus Beispiele aus der Praxis und auch wissenschaftliche Argumente für eine kürzere Arbeitswoche. So haben bereits mehrere Studien gezeigt, dass kürzere Arbeitszeiten positive Auswirkungen auf Fehltage haben. Dies zeigte eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz. Eine kürzere Arbeitswoche führt, einfach gesagt, zu weniger Stress und somit zu weniger Krankheitstagen. 

Australische Forscher haben bereits vor Jahren berichtet, dass kognitive Fähigkeiten ab 25 Stunden Arbeit pro Woche abnehmen. Die restliche Arbeitszeit ist häufig deutlich weniger effizient. Wäre es da nicht eine Überlegung wert, zu hinterfragen, ob die 40-Stunden-Woche wirklich eine gottgegebene Grenze darstellt, die keinesfalls unterschritten werden darf? Warum wird in anderen Bereichen der Arbeitswelt so auf Effizienz und Effektivität geachtet - aber bei der Arbeitszeit wird nach dem Motto "Viel hilft viel" gehandelt?

Sicherlich gibt es Branchen, in denen eine Reduzierung der Arbeitszeit pro Woche bei gleichen oder nahezu gleichem Lohn leichter machbar wäre. In Branchen nämlich, in denen vor allem kreativ gearbeitet wird und es nicht um die Abdeckung von Schichtzeiten geht, ist Zeit eine eher relative Größe. Wer bestimmte Arbeiten an Projekten schneller erledigt oder Abläufe möglichst einfach und damit effizient gestaltet, kann die gleiche Arbeit in weniger Zeit schaffen und ist am Ende mit einem freien Tag mehr im Rücken sogar frischer und noch effizienter. 

Weniger als 40 Stunden geht nicht überall gleich schnell

Dass eine Verkürzung der Arbeitszeit in Berufen, in denen Schichtzeiten abgedeckt werden müssen, wenn nicht unmöglich, aber doch schwerer umzusetzen ist, ist klar. In solchen Branchen wäre eine Umstellung deutlich teurer als etwa in der Kreativbranche. Aber auch hier darf man nicht aufhören, nachzudenken. Denn: Die 40-Stunden-Woche ist kein ehernes, ewig geltendes Gesetz. Sie ist gar nicht mal so alt, wie man vielleicht glauben mag. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die 40-Stunden-Woche und damit einhergehend die Fünftagewoche in vielen Branchen durch - angefangen mit der Industrie (Zigarettenhersteller und Druckindustrie waren hier die Ersten). 

Auch die acht Stunden pro Tag sind kein Naturgesetz. Hätte man einem Menschen aus dem Kaiserreich erzählt, dass wir fünf Tage pro Woche arbeiten und das „nur“ acht Stunden lang – er hätte wohl die gleichen erschrockenen Fragen gestellt wie sie heute als reflexhafte Antworten auf die Forderung nach der Vier-Tage-Woche auftauchen. „Wie soll man in dieser Zeit etwas schaffen?“, oder „Wer soll das denn bitteschön bezahlen?“ waren auch damals die Abwehrreflexe, als es darum ging, den 10-Stundentag abzubauen. 

Die Coronakrise hat ja bereits gezeigt, dass es nicht unmöglich ist, mit gewohnten Arbeitsritualen zu brechen und neue Wege zu finden. Wie viele Termine sind im März und April ausgefallen, bis wir gemerkt haben, dass es auch genügt hätte, kurz ein Videotelefonat zu führen oder eine Mail zu schreiben. Wie durch Magie sind stundenlange Termine mit viel zu vielen Teilnehmenden verschwunden und keiner vermisst sie wirklich. 

Konzepte wie Präsentismus - also der Klassiker „Vor dem Chef im Büro sein und nach ihm gehen“ - sind Relikte aus dem 20. Jahrhundert. Digitalisierung und Individualisierung machen auch vor der Arbeitswelt nicht Halt und werden sie verändern. Unternehmen wären gut beraten, jetzt zu reagieren.  Denn jetzt bietet sich die Chance, etwas zu ändern. Man darf die Zeichen der Zeit nicht verschlafen.