Politiker sind auch nur Menschen, sie haben gute und schlechte Tage. Und wer unter Strom steht, vergreift sich im Affekt schon mal im Ton. Das wissen auch Journalisten. Und deshalb würde nicht einmal ein stolzer Mediengockel nach dem Verhalten von Barbara Stamm krähen, die auf penetrantes Nachhaken zum Thema Verwandtenaffäre hin beleidigt ein Interview abschmettert und lieber weiter schweigt - auch wenn sie vor wenigen Monaten noch "größtmögliche Transparenz" propagiert hat.

Die Journalisten wissen: Wenn investigative Recherche endet, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder flapsig auf die Informationen der Webseite verwiesen wird, verliert die Gesellschaft die Kontrolle der Mächtigen.

Das Geschehen wäre also längst schon vergessen als eine von vielen kleinen Reibereien zwischen hartnäckigen Fragern und Politikern, die Informationen zurückhalten. Wenn da nicht die Entgleisung Seehofers wäre: "Die müssen raus aus Bayern", lässt der Ministerpräsident auf Niveau eines Stammtisches wissen und auf so manche lederbehoste Schenkel klopfen. Und anstatt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen wegen diesen Fauxpas, teilt die CSU-Landesleitung noch weiter aus: Es sei ihm um Anstandsregeln, nicht um Inhalte gegangen.

Dabei ist es nun vorbei mit dem netten Horst. Sie können das alles senden? Das Bild eines entspannten Verhältnisses zu den Medien, das Seehofer einmal im ZDF-"Heute Journal" einem Millionenpublikum gezeichnet hatte? Weg. War wohl Berechnung. Für ihn zählen in Bayern eigentlich andere Maßstäbe, auch wenn ihm bekannt sein dürfte, dass das Grundgesetz samt Pressefreiheit nicht an den Landesgrenzen Halt macht.

Das hat nichts mit guten oder schlechten Tagen zu tun, es zeugt vielmehr von einem gefährlichen Grundverständnis für die Arbeit der Presse. Und das ist bei weitem unanständiger, als es hartnäckige, vielleicht auch unangenehme Nachfragen an schweigende Politiker nur sein könnten. Denn die werden im Rahmen der Kritik- und Kontrollfunktion gestellt, die in einer Demokratie nun einmal den Medien zugewiesen ist - und nicht dem bayerischen Ministerpräsidenten.