Das hier ist kein Appell und ich habe auch keine Idee, wie nun alles besser gemacht werden kann. Ich habe einfach keine Lust mehr, mich zusammen zu reißen - und tue es natürlich trotzdem.  

Die Kinder sind aktuell auf Werkseinstellung zurückgestellt. Und die gesamte Tragweite dieser Aussage können nur Eltern mit Kindern von 0 bis 18 Jahren verstehen. 

Täglich grüßt das Murmeltier

Es ist die ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘-Edition von ‚Shining‘. Und die Perspektivlosigkeit ist es, die mir aktuell die Rest-Motivation nimmt. 

Meine Familie hält sich seit dem 15.03.2020 konsequent an alle Regeln und Empfehlungen. Unsere Kinder haben seitdem mit keinem ihrer Freunde gespielt, keinen Supermarkt von innen gesehen und auf keinem Spielplatz gespielt. Ihre Großeltern haben sie (leider) auch vorher schon selten gesehen, weil sie 250 bzw. 1.000 km von uns entfernt wohnen. 

Mein Mann und ich arbeiten beide ausschließlich von zu Hause – und können so die Betreuung unserer Kinder unter uns aufteilen. Es geht immer nur einer von uns mit einer Einkaufsliste einkaufen, um möglichst wenig Zeit im Supermarkt zu verbringen. Wir halten überall den Mindestabstand ein und tragen dort wo es erforderlich ist einen Mundschutz.  

#wirbleibenzuhause? Ja, wir haben es verstanden...

Wir halten uns gerne zum Schutz unserer Mitmenschen an alle Regeln und Empfehlungen.  

Aber dem nächsten, der mir ein ‚Bleib gesund‘ wünscht oder eine Bastel-Spiel-Idee per WhatsApp schickt, trete ich ohne Vorwarnung gegen das (virtuelle) Schienbein.  

Danke an dieser Stelle an alle Unternehmen, die jetzt ganz besonders an mich denken. Aber vielleicht ist die ‚Jede-Krise-birgt-auch-Chancen-und-deswegen-schicken-wir-auch-dem-totesten-Verteiler-eine-‚Hey-wir-sind-weiter-für-Dich-da!‘-E-Mail‘-Taktik, auch einfach mal durch. Hm? 

Jetzt hält auch der meistvergessene “Promi” total nahbar seine Nase aus dem hauseigenen Wohnzimmer in den Fernseh-Bildschirm und formt mit den Armen ein Dach. #wirbleibenzuhause #jaaaaaichhabsverstanden 

Spaß ist etwas anderes

Und das wohl traurigste ‚Digital-Highlight‘ war eindeutig der Verleih des diesjährigen Filmpreises, welcher so verzweifelt mit seinem einsamen Moderator und den drei Bildschirmen daherkam, dass es mir fast die Tränen in die Augen trieb. 

Sport machen, Konzerte anschauen, Familie sehen, Mädelsabend… alles über zoom, WhatsApp und FaceTime. Allein vorm Laptop tanzen oder ein ernstes Gespräch mit einem Smartphone-Bildschirm führen ist ähnlich befriedigend wie ein Mitleids-Smalltalk mit einer Person, die man eher nicht so spannend oder sympathisch findet.   

Man macht halt mit, aber wirklich Spaß macht es nicht. 

Und natürlich ist wunderbar und vor allen Dingen wichtig, dass wir alle weiter machen und nach vorne blicken! Aber, ich will jetzt einmal im Namen aller laut schreien dürfen:  

ES NERVT ALLES UNGLAUBLICH! 

Während aktuell am heißesten diskutiert wird, wann denn Fußball wieder los geht und sich alle ein Loch in den Bauch freuen, weil sie endlich wieder ins Autohaus und zum Friseur gehen können, gehen unsere Kinder weiterhin in keine Kita. Dafür gehen wir langsam am Stock. 

Zu viel Gejammer?

Die Berliner tummeln sich wieder glücklich auf Spielplätzen und lächeln uns in Bayern nur mitleidig zu, wenn wir uns darüber freuen, dass wir jetzt für drei Monate unsere Kita-Beiträge erstattet bekommen (weil sie auch ohne Corona keine bezahlen). Wir hingegen schauen auf dem Spielplatz lediglich den Eichen-Setzlingen beim Wachsen im Sandkasten zu. Aus der Ferne... 

Und während ich so vor mich hin fluche und mir selbst leidtue, ist eines klar: meine Familie und ich haben Glück. Gehören zu den Privilegierteren in der Krise, mit gesunden Kindern, einem Dach über dem Kopf, in dem wir uns gerne aufhalten und das ohne finanzielle Sorgen. 

Meine Freundin aus Argentinien sitzt mit ihren 2-und 5-jährigen Kindern seit über einem Monat ausschließlich in der Wohnung fest und darf lediglich zum Einkaufen raus. Ihr Mann ist seit Mitte März in Spanien und kann nicht zu ihnen zurückfliegen. 

Meine Freundin aus Italien lebt seit Monaten mit ihrem Sohn, der Anfang des Jahres eine schlimme Infektion durchmachte, im totalen Ausnahmezustand und hat täglich Angst um ihn und ihre gesundheitlich angeschlagene Mutter. 

Der Onkel einer Freundin aus Schweden ist vergangene Woche an einem Herzinfarkt gestorben. Ihre Tante ist dement, hat kein Kurzzeitgedächtnis mehr und muss jetzt wahrscheinlich in ein Altersheim. In Stockholm beklagen aber aktuell 56 der 64 Altersheime Corona-Tote. 

Und die weltweite Katastrophe ist final noch lange nicht abzusehen. 

Die Bevölkerung der Ersten Welt spendet weniger Geld, weil jetzt jeder vorwiegend mit sich selbst beschäftigt ist. 80% der Kinder der dritten Welt bekommen keine lebenswichtigen Impfungen mehr, weil weniger Flugzeuge fliegen. Das ohnehin schon große Leid in den vielen Flüchtlingslagern wird durch das Virus vergrößert und viele afrikanische Staaten stehen im totalen Chaos, weil die ärmsten der Armen aufgrund der Ausgangssperren nicht arbeiten können und somit kein Geld für Lebensmittel haben. Und die Liste geht endlos weiter. 

Ich reiße mich zusammen

Mit welchem Recht heule also ich als privilegierte Erste-Weltlerin hier eigentlich rum? 

Als die Kinder und ich neulich auf einer Wiese seilhüpften, rief ein an uns vorbei spazierender Mann zu: "Das ist doch alles eine große Scheiße! Die sollen die Kinder endlich wieder auf den Spielplatz lassen! Jetzt haben Sie uns klein gekriegt diese Politiker. Und mal unter uns: ich glaube das alles mit diesem Virus nicht!" 

Großartig. Da stehe ich dann. Murmele ein höfliches "Na ja, natürlich gibt es den Virus…" vor mich hin und weiß zwei Dinge ganz sicher: Es gibt "dieses" Coronavirus und es ist genauso unsichtbar wie die unendliche Dummheit der Menschheit. 

Und solange es noch zu viele Menschen in Deutschland gibt, die nicht verstehen wollen, dass wir uns jetzt noch eine Weile lang einschränken müssen, um langfristig wieder gemeinsam ein freieres Leben zu führen, ja, solange wird es die Einschränkungen wohl auch noch geben müssen. 

Also reiße ich mich zusammen. Akzeptiere, dass aktuell meine größte Herausforderung eigentlich nur darin besteht, beim Video-Call nicht aus Versehen laut zu rülpsen oder vor Schreck laut zu schreien, wenn mir mein eigenes ungeschminktes Antlitz entgegenblickt, bevor der Kollege oder die Kollegin den Anruf annimmt. 

Rette mich in laute Musik auf den Ohren, fülle meine Lieblingstasse stets bis zum Rand mit Kaffee ein und bin dankbar für meinen Mann und meine gesunden (wenn auch sehr lauten) Kinder. Und warte eben einfach weiter ab. Auch, wenn es nervt.