Gott zu nutzen, um Hass zu rechtfertigen, ist echte Gotteslästerung", schreibt der "Osservatore Romano", das Organ des Vatikans, zum aktuellen Titelblatt des französischen Satireblatts "Charlie Hebdo". Vor einem Jahr drangen zwei Islamisten in dessen Redaktionsräume ein und töteten elf Redakteure und Zeichner. Eine beispiellose Welle der Solidarisierung setzte ein ("Je suis Charlie"). Was ist davon übriggeblieben?

Vom "Osservatore Romano" war nicht viel anderes zu erwarten; wer auch nur rudimentär eine Ahnung von 2000 Jahren Kirchengeschichte hat, jenem "Mischmasch von Irrtum und Gewalt" (Goethe), wird je nach Laune empört sein, den Kopf schütteln oder zynisch lächeln. Sicher zu erwarten war nach den Anschlägen eine Flut von Heuchelei. Plötzlich liebten alle die Satire, "es sei denn, sie richtet sich gegen den Lieblingsfußballverein, Religion, Autofahrer, Hunde, Bier, Karneval, Gartenzwerge, Schumi, Jürgen Todenhöfer oder Mutter", wie es aktuell auf der Online-Plattform des deutschen Satiremagazin "Titanic" heißt. Und das "Ja, aber ..." tauchte hundertfach auf. Die Morde seien schrecklich, aber "Gott lästert man nicht, und seinen Propheten verunglimpft man nicht", kommentierte z. B. eine Regionalzeitung fünf Tage danach mit nicht zu überbietender Perfidie. Als der PEN "Charlie" in diesem Jahr mit einem Preis für Meinungsfreiheit auszeichnen wollte, distanzierten sich sechs bekannte Autoren. Begründung: Damit werde die "Islamophobie" gefördert, was Salman Rushdie, von Islamofaschisten schon vor Jahren zum Tod verurteilt, zum verächtlichen Urteil ("Pussies") über eben diese Autoren provozierte.

Mit der "Islamophobie" hat Stéphane "Charb" Charbonnier in seiner kurz vor dem Attentat fertig gestellten Streitschrift "Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen" aufgeräumt. Er war unter den Ermordeten. Im Grunde fixiert er Selbstverständliches, Banales fast. Doch 200 Jahre nach Kant, nach Schopenhauer, Nietzsche, Feuerbach, Marx und etlichen anderen ist ein längst erledigter Fall wieder hoch aktuell: Religionskritik. Religionsfreiheit bedeutet primär nicht die Freiheit der Religion, sondern den Schutz des Individuums vor den Zumutungen der Religion. Das sollte eine auf prinzipiellen Antirassismus fixierte linksliberale Öffentlichkeit endlich begreifen, die bereits die Mohammed-Karikaturen mit wortreich verteidigter Feigheit abtat.

Kritik der Religion ist der Beginn aller Kritik und hat nichts mit der Diffamierung von Individuen zu tun, und Satire ist ein Mittel, die Widerwärtigkeiten der Welt und eben religiöse Absurditäten, "eine Undelikatesse an uns Denker" (Nietzsche) zu ertragen. Dabei muss sie nicht einmal gut gemacht sein. Die Karikaturen von "Charlie Hebdo" sind grobschlächtig und nur aus einer spezifisch französischen anarchistischen Tradition zu verstehen. Es gibt auch schlechte antichristliche Satire, so wie es heute abgeschmackt, dumm und langweilig ist, Witze z. B. über die katholische Sexualmoral zu reißen.

Es erstaunt jedoch immer wieder, wie ein Publikum, das darüber pflichtschuldigst gluckst, empört erstarrt, wenn der wesentlich rigidere, in seinen extremen Auswüchsen ungleich aggressivere Islam lächerlich gemacht werden soll. Die französische Schriftstellerin Caroline Fourest, eine dezidiert Linke, sagt: "Die Linke, die das Recht, unterschiedslos über alle Fanatiker zu lachen, als postkolonialen Rassismus oder als Islamophobie begreift, muss aufwachen. Denn sie arbeitet sowohl den muslimischen Rechtsextremen wie auch den rassistischen Rechtsextremen in die Hände. Das ärgert mich unglaublich!

Dass man sich, unter Lebensgefahr, mit den Fanatikern herumschlagen muss, ist eine Sache. Dass man aber von Progressiven solche Messer in den Rücken kriegt, das ist der schlimmste Verrat überhaupt. Diese Unterstellungen, dieses Durcheinanderwerfen, bringen uns alle in Gefahr und kosten uns irrsinnig viel Zeit - gegenüber den Fanatikern und gegenüber den echten Rassisten." Besser kann es kein Kommentator formulieren.