"Sie müssen ihr Kind abholen. Es hat einmal genießt", "Es hat gehustet" oder "... die Nase läuft" sind aktuell die Top 3 Gründe, warum Eltern ihre Kinder aus Kitas und Krippen abholen müssen – oder gar nicht erst bringen dürfen.

Wer selbst Kinder hat oder sie regelmäßig sieht, weiß: Sie haben 10 bis 12 Infekte im Jahr. Im Schnitt also einen im Monat. Und das es sich mit den Rotznasen verhält wie mit den Winterreifen – nämlich von O bis O – ist auch nichts Neues. Wie soll es also für die Kinder und ihre Familien ab diesem Herbst weitergehen?

Wie soll ich es meinen Kindern erklären?

Wir Erwachsenen sind ganz groß darin unseren Kindern zu sagen was sie tun und lassen sollen. "Erstmal Hände waschen", "Putz dir die Zähne" und "Hänge bitte deine Jacke auf", sind wohl Sätze die alle Eltern, je nach Alter des Kindes, schon eine Million Mal gesagt haben. Und wenn es um ein soziales Miteinander geht, ermahnen wir unsere Kinder mit: "Du kannst deinen Bagger doch auch mit den anderen teilen.", "Bitte schrei nicht so laut, das stört die anderen", oder "Nimm bitte Rücksicht, er ist viel kleiner als du."

Wenn ich mir dann die Bilder der Demo in Berlin anschaue, auf der Menschen dicht an dicht und ohne Mundschutz für "ihr gutes Recht" auf die Straße gehen, oder feuchtfröhliche 'Corona Partys' feiern , da frage ich mich schon das ein oder andere Mal: Hat man euch allen eigentlich in den Kopf gehustet?

Versteht ihr nicht, dass es weiterhin Menschen gibt, die darauf angewiesen sind, dass wir uns in der Gruppe sozial und rücksichtsvoll verhalten, damit auch sie wieder am öffentlichen Leben teilnehmen können?

Wie soll ich meinem Dreijährigen glaubhaft verständlich machen, dass er nicht zum Schnuppertag in den Kindergarten gehen kann, wenn seine Nase läuft, während die Dame in der Supermarktschlange vor uns so schlimm hustet, dass ich mir nicht sicher bin, ob es sich um Tuberkulose, Bronchitis oder am Ende doch um Corona handelt? Und wie kann ich meiner Tochter guten Gewissens erklären, dass bei ihrer Einschulung dieses Jahr nur ihre Eltern und ihr Bruder dabei sein werden, während in der Sandstraße die Erwachsenen dicht an dicht mit ihren fünf besten Kumpels, zwei, drei Bierchen zischen?

Fair ist etwas anderes

Diese schier endlose Egozentrik und Rücksichtslosigkeit vieler Erwachsenen kann und will ich nicht verstehen. Kinder haben keine Lobby und werden für Wirtschaft und Politik erst dann relevant, wenn sie mit der Schule fertig und eine potenzielle Arbeitskraft sind. Es wunderte mich daher auch schon vor Corona nicht, warum es keinen interessierte, wenn Frauen keine Hebammen finden, Kreißsäle schließen, weil sie nicht wirtschaftlich sind und die Kaiserschnitt-Rate in Deutschland bei 30 % liegt, weil sie mehr Geld bringen als spontane Geburten.

Aber mal ganz unabhängig davon: Bevor der Herbst kommt und damit die konstant laufenden Nasen der Kleinsten, muss eine neue ‚Wann darf ein Kind in eine Einrichtung gehen‘- Regelung her. Es kann nicht sein, dass die Erwachsenen sich saufend dicht an dicht in die Sandstraße stellen und sich auf Demos lauthals darüber beklagen, dass sie in den 20 Minuten im Supermarkt einen Mundschutz anziehen müssen, während meine Tochter parallel dazu in ihrem allerersten Schuljahr das gesamte Schulgelände nur mit Mundschutz betreten und, wenn es richtig blöd läuft, auch nicht jeden Tag, sondern nur jede zweite Woche in die Schule gehen darf.

Fühlt sich irgendwie nicht so ganz fair an. Oder?

Mein Wunsch und mein Appell an die Erwachsenen: Seid doch alle Mal ein gutes Vorbild! Und an die Politik: schenkt unseren Kindern die gleiche Aufmerksamkeit und stellt ihre Bedürfnisse auf die gleiche Stufe wie die der arbeitenden Bevölkerung. Passt die Hygiene Konzepte für die Kitas so an, dass sie für Familien und die Einrichtungen auch alltagstauglich umsetzbar sind.

Die Regelung muss überarbeitet werden

Die meisten Eltern müssen arbeiten gehen und Geld verdienen, um sich und ihre Kinder versorgen und umsorgen zu können. Wenn jedes Kind dass einmal genießt hat zu Hause bleiben muss, können wir die Kitas & Krippen ab Oktober bis Ostern schließen – denn es wird nie ein Kind hineingehen dürfen. Wenn die Regelung wirklich so bleibt, zwingt es ein Elternteil dazu, wenn nicht mindestens einer im Homeoffice arbeiten darf, ihren/seinen Job zu kündigen. Denn die Kinder werden quasi immer zu Hause sein. Und was Alleinerziehende tun sollen… ich weiß es nicht.

Einzelne Kinder oder Kitas waren bisher kein Auslöser lokaler Corona-Hotspots, die bis zum totalen Lockdown einer Gemeinde führten. Fleischereibetriebe, private Partys und Gottesdienste hingegen schon. Auch wenn ich damit nicht sagen will, dass man diese nun pauschal verbieten sollte.

Warum ist mein Nieser im Büro ungefährlich, der meiner Tochter in der Kita aber schon? Und wenn man wirklich krank ist, bleibt man natürlich zu Hause. So hat meine Familie es, auch schon vor Corona, gehandhabt. Bei Kindern sind zwischen krank und einer laufenden Nase, dann doch mehrere Nuancen.

Es muss jetzt eine überarbeitete Regelung her. Eine, welche zusammen mit Kinderärzten, Erziehern und Virologinnen erarbeitet wird. Von Menschen, die ein Kind in der Gesamtheit verstehen und bestätigen, dass sie eben nicht die Superspreader sind und sie am Anfang ihrer Immunabwehr stehen, die sich nur mit regelmäßigen Infekten aufbauen kann.

Wenn eine neue Regelung nicht noch vor dem Herbst kommt, werden viele Eltern über kurz oder lang kapitulieren – und das hilft der Wirtschaft dann auch nicht weiter. Und wer mir jetzt sagen möchte: 'Aber du wolltest ja unbedingt Kinder haben' möchte ich ganz offen antworten: 'Ja! Und es war die beste Entscheidung meines Lebens!‘