Im Hinspiel war die Bundesliga noch unentschieden, letztlich aber hat er doch klar gewonnen: der Hang zur unfehlbaren Instanz. Das Todesurteil für Fehlentscheidungen in Sachen "Torlinie überschritten" kommt.

In den Management-Etagen mindestens gut betuchter Vereine und Verbände dürfte die Entscheidung am wohlwollendsten aufgenommen werden, hängt im Fußball-Zirkus heute doch viel mehr an den möglicherweise entscheidenden Toren - neben Sieg und Niederlage nämlich nicht selten auch der Geldregen. Was es heißt, in einem solchen Fall einer Fehlentscheidung aufzusitzen, weiß beispielsweise Borussia Dortmund aus dem Pokalfinale gegen den FC Bayern.

Nun mögen das alle ins Feld führen, die sich über diese Entscheidung freuen und den geräuschlosen Test bei der WM in Brasilien als gelungen bezeichnen. Doch: Die Digitalisierung des Fußballs für einige seltene Momente hat definitiv mehrere Verlierer. Zum einen sind das die kleineren Vereine, die sich - womöglich nicht nur in der Bundesliga - schon bald eine teure technische Errungenschaft zulegen müssen, die nur selten benötigt wird. Zum anderen die Schiedsrichter, denn sie haben ihre bislang für Tatsachenentscheidungen gezollte höchste Anerkennung ein weiteres Stück weit eingebüßt.

Am schlimmsten aber trifft es die Traditionalisten unter den Fans, die sich den Fußball so wünschen, wie er nun einmal schon immer war: manchmal unfair, meist auf Dauer ausgleichend gerecht, aber eben immer für eine rege Diskussion zu gebrauchen. Oder wäre ein Spiel zweier emotional so unheimlich aufwühlender Vereine wie Hoffenheim und Leverkusen denn schon Minuten nach dem Abpfiff auch nur eine Silbe wert gewesen... ohne Kießlings Phantomtor?

Man mag meinen: Allen Befürwortern ist zu wünschen, dass ihrer Mannschaft tatsächlich ein Treffer, den der Schiedsrichter nicht geben würde, dank neuer Technologie umgehend gegeben wird - um anschließend tatenlos zusehen zu müssen, wie ihr Torwart den Ball nach einem unberechtigten Elfmeter aus dem Netz fischt. Aber: Droht den Traditionalisten dann gar noch die Einführung des Videobeweises für Foul, Abseits und Handspiel? Machen wir uns nichts vor: Sie droht auf alle Fälle. Und auch dann ist zu befürchten, dass der Hang zur unfehlbaren Instanz nur ein Hinspiel gewinnt.