Wie Michael Glos vom Fall der Mauer erfuhr
Autor: Michael Czygan
Prichsenstadt, Samstag, 09. November 2019
9. November 1989: Während sich in Berlin die Ereignisse überschlagen, diskutiert der Bundestag in Bonn über das Vereinsförderungsgesetz. Michael Glos erinnert sich.
Michael Glos hat in der Politik eine eindrucksvolle Karriere hingelegt. 37 Jahre, von 1976 bis 2013, vertrat der Müllermeister aus Prichsenstadt (Lkr. Kitzingen) den Wahlkreis Schweinfurt im Bundestag, von 2005 bis 2009 war der CSU-Politiker Bundeswirtschaftsminister. Den meisten Einfluss indes hatte Glos als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe. Von 1993 bis 2005, so lange wie kein anderer davor und danach, hatte er diesen Posten inne.
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Schon während der turbulenten Tage rund um Mauerfall und Wiedervereinigung war der heute 74-Jährige in vorderer Reihe dabei. Gefragt nach seinen Erlebnissen, muss Michael Glos manchmal ein wenig überlegen. Nicht jedes Detail der historischen Momente vor 30 Jahren hat der Prichsenstadter gleich präsent. Dann aber fällt ein Stichwort – und die Erinnerung sprudelt.
Michael Glos: Ich saß im Bundestag, im Bonner Wasserwerk. Wir haben bis in den Abend hinein über das Vereinsförderungsgesetz beraten. Als finanz- und steuerpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion hatte ich Parlamentspflicht. Ansonsten waren gar nicht viele Abgeordnete im Plenum. Plötzlich machte sich Unruhe breit. Kollege Rudi Kraus, der Geschäftsführer unserer Fraktion, saß neben mir in der ersten Reihe und bekam laufend von den Saaldienern Zettel reingereicht. Das waren Ticker-Meldungen, abgerissen aus dem Fernschreiber. Damals gab es ja weder Handys noch Emails.
Glos: Zunächst die Nachricht aus der Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, dass die DDR ab sofort freies Reisen in den Westen und nach Westberlin erlaubt. Bald darauf gab es dann erste Hinweise, dass viele Menschen in Ostberlin in Richtung Brandenburger Tor und der Grenzübergänge strömen. Da war ich mir sicher: Das ist das Ende der DDR, damit ist Deutschland wiedervereinigt. Das habe ich so auch gesagt.
Und wie ging die Debatte weiter? Immerhin hatten sie das spannende Thema Vereinsförderung.Glos (lacht): Mir war sofort klar, das kann so jetzt nicht weitergehen. Ich rief im Kanzleramt an und sprach mit Rudolf Seiters, dem Kanzleramtsminister. Helmut Kohl war zu diesem Zeitpunkt nicht im Lande, er war mit einigen Ministern auf Staatsbesuch in Polen und flog erst am nächsten Morgen nach Deutschland zurück. Seiters kam dann in den Bundestag und gab eine kurze Regierungserklärung ab.
Wann war das?Glos: Das muss gegen 21 Uhr gewesen sein. Wir haben Druck gemacht, dass das Thema Vereinsförderungsgesetz von der Tagesordnung genommen wurde. Jetzt gab es Wichtigeres. Seiters würdigte die Entscheidung der DDR, Reisefreiheit zu gewähren. Immer mehr Abgeordnete kamen aus ihren Büros ins Plenum. Wir sind dann spontan aufgestanden haben die Nationalhymne gesungen: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Leider haben nicht alle mitgesungen.