Sie sind jetzt 53. Verstehen Sie sich als Trainer der alten Schule?Bozesan: Ich habe jahrelang Jugendmannschaften trainiert, habe bis 41 selbst gespielt und hatte immer auch mit jüngeren Spielern zu tun. Meine drei Söhne spielen Fußball. Ich weiß also, wie die Jugend tickt. Im Fußball hat sich seit meiner aktiven Zeit einiges geändert, aber nicht alles. Ich denke, ich bin schon zeitgemäß.
Sie standen – mit kurzen Unterbrechungen – fast ein Vierteljahrhundert lang im Dienst der Würzburger Kickers. Wie schwer fällt einem da der Abschied?Bozesan: Nicht leicht. Ich habe mit den Kickers alle Höhen und Tiefen erlebt. Aber ich suchte eine neue Herausforderung. Ich hatte dem Verein schon im August mitgeteilt, dass dies mein letztes Jahr dort sein würde. Jetzt bin ich in Abtswind und werde dort Vollgas geben.
Man hatte als Beobachter immer den Eindruck: Claudiu Bozesan und die Kickers, das sei eine nie vergängliche Liebe.Bozesan: Also, es gab kein böses Blut, wenn Sie das meinen. Aber es war jetzt an der Zeit, zu wechseln.
Was nehmen Sie denn mit aus Ihrer Zeit bei den Kickers?Bozesan: Ganz viele Erfahrungen und Erlebnisse. Ich war ja dort nicht nur Spieler, sondern auch Trainer, habe Niedergang und Aufstiege erlebt. Anfang 2000 spielte der Klub in der Bezirksliga und stand vor dem Beinahe-Konkurs. Er hatte damals nur noch insgesamt 40 Jugendspieler, und fast alle Mannschaften spielten in der untersten Klasse. In dieser Zeit haben wir unheimlich viel aufgebaut. Ein Teil des Sanierungstrupps gewesen zu sein macht einen schon stolz. Ich bin dem Verein dankbar für das, was er mir als Spieler und Trainer ermöglicht hat.
Sie waren Auswahlspieler in Ihrer Heimat Rumänien, haben bei den Kickers einiges erreicht. Was verdanken Sie dem Fußball?
Bozesan: Sehr viel. Ich habe mit fünf Jahren im Verein angefangen und habe bis heute nie eine Auszeit genommen, wie das andere machen. Natürlich war ich mal verletzt, aber ich bin immer aktiv geblieben. Das ist eine lange Zeit. Dafür bin ich auch meiner Frau und meiner Familie dankbar: dass sie immer alles mitgemacht haben. So konnte ich mir den Spaß erhalten. Wenn man Spaß hat, kommen auch die Erfolge.
Was, glauben Sie, wäre ohne den Fußball aus Ihnen geworden?Bozesan: Oh, das ist schwer zu sagen. Unsere ganze Familie war ja dem Fußball verbunden. Mein Vater hat gespielt, mein Bruder war Nationalspieler, hat lange mit Gheorghe Hagi gespielt, der rumänischen Legende. Hagi war gerade ein Jahr älter als ich. Wir spielten zusammen in der Juniorennationalmannschaft und wohnten im gleichen Internat, ein paar Zimmer auseinander. Den letzten Kontakt zu ihm gab es, als mein Bruder starb, das war vor etwa 15 Jahren. Zwischendurch haben wir ab und zu miteinander telefoniert oder uns mal getroffen.
Sie selbst haben zehn Länderspiele für Rumänien gemacht?Bozesan: Das war eine Stufe unterhalb der Nationalmannschaft, in der rumänischen Ligaauswahl. Das muss – lassen Sie mich kurz überlegen – von 1986 bis 1988 gewesen sein. In dieser Auswahl standen einige, die später auch in der Nationalelf spielten. Wenn Sie so wollen, gehörte ich der goldenen Generation unseres Landes an, in der Hagi, Lupescu, Popescu oder Raducioiu spielten und die in den 1990er Jahren eine der besten Mannschaften Europas war.
Wieso haben Sie es nicht weiter geschafft?Bozesan: Es gab eine wahnsinnige Konkurrenz damals in der Mannschaft. Ich hatte einige Verletzungen und verlor dadurch etwas den Anschluss. Als Steaua Bukarest 1986 die Champions League gewann, hatte ich mehr oder weniger ein Angebot, im Winter dorthin zu wechseln. Dann brach ich mir das Schien- und Wadenbein, und die Sache war geplatzt. Ich ging dann nach Timisoara, heute zweite Liga und finanziell am Ende. Damals spielten wir bei großen Derbys manchmal vor 50 000 Zuschauern. Das war die große Zeit des rumänischen Fußballs von Mitte der 80er bis in die 90er Jahre. Heute ist der Fußball in Rumänien am Boden.
Wann kamen Sie nach Deutschland?Bozesan: Das war 1989, also kurz vor dem politischen Umsturz. Die Revolution ging ja damals von Timisoara aus. Das war auch mit ein Grund dafür, dass ich nach Deutschland ging.
Welche Erinnerungen haben Sie an das kommunistische Rumänien?Bozesan: Ein Fußballer war wie ein König, sehr populär und geschätzt überall – und die Türen standen einem offen. Man hatte schon Vorteile. Aber das war halt eine andere Zeit. Auch heute gilt man noch etwas im Land als ehemaliger Fußballer, auch wenn man nicht Hagi heißt.
Haben Sie Kontakt in Ihre Heimat?Bozesan: Da gibt es nur noch sehr wenige. Mein Bruder ist wie gesagt gestorben, meine Schwester lebt in Kanada, und meine Mutter holen wir in der Winterzeit immer zu mir. Zu ehemaligen Mitspielern gibt es schon noch Kontakt.
Hat Ihnen der Fußball geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen?Bozesan: Ja, das hat mir bei der Integration sehr geholfen. Ich lernte viele Leute kennen, und ich gewöhnte mich schnell an die deutsche Sprache und Mentalität. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich aus der Nähe von Hermannstadt stamme und die Gegend von der Mentalität her ähnlich ist wie hier in Deutschland.