Faszination Sternenhimmel

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„M106 ist eine wunderschöne Galaxie“, sagt Pater Christoph. Die Galaxie, in der viele junge Sterne entstehen und in deren Zentrum ein Schwarzes Loch vermutet wird, ist 24 ...
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Foto: Christoph Gerhard
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NGC 5566 ist eine Balkenspiralgalaxie im Sternbild Jungfrau auf der Ekliptik. Sie ist rund 70 Millionen Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt und hat einen Durchmesser von etwa 135.000 Lichtjahren ...
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Foto: Christoph Gerhard
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TorrentAlpNacht2
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Strudel- oder auch Whirlpool-Galaxy wird dieses gut 30 Millionen Lichtjahre entfernte Himmelsprodukt im Sternbild Jagdhunde genannt.
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Pater Christoph Gerhard
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Faszinierende Motive am Nachthimmel: Dieses Bild des Mondes ist etwa drei Wochen alt.
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Fotos:FKG/Christoph Gerhard
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So sieht es aus, wenn ein massereicher Stern stirbt und seine Gas-Atmosphäre hinaus ins Weltall bläst. Wasserstoff leuchtet rot, Stickstoff blau ...
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Foto: Christoph Gerhard
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IC 1396 wird auch Elefantenrüssel-Nebel genannt Christoph Gerhard
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Foto:

Pater Christoph aus dem Kloster Münsterschwarzach sagt: "Der Glauben gibt dem Leben Sinn, den die Wissenschaft nicht geben kann."

Ganz still ist es. Kühl. Und stockdunkel. Nur am Himmel nicht. Wie Tausende erstarrte Glühwürmchen leuchten die Sterne, die in Wirklichkeit durch die Weiten des Weltraums fliegen, einem unbekannten Ziel entgegen. Die Dachluke der Klostersternwarte in Münsterschwarzach steht weit offen. Pater Christoph hat das Spiegelteleskop, dessen Bauweise Isaac Newton schon im 17. Jahrhundert erfunden hat, auf den Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules gerichtet. Er ist 25 000 Lichtjahre von uns entfernt. Mit bloßem Auge kann man höchstens ein verwaschenes Fleckchen am Himmel entdecken, nicht größer als der Nagel des kleinen Fingers bei ausgestreckter Hand. Beim Blick durchs Teleskop offenbart sich der winzige Fleck als gigantische Sternen-Versammlung, die mal bläulich, mal orangefarben funkeln und ein gemeinsames Zentrum umkreisen. Die Kraft, der sie ihre Existenz verdanken, muss gigantisch sein.

Was passiert, wenn Sie nachts am Teleskop stehen und in den Himmel schauen?

Dann vergesse ich Zeit und Raum. Der Blick in den Sternenhimmel ist ein wirksames Gegenmittel, wenn der Alltag zu eng wird oder ich meine eigene Person allzu wichtig nehme.

Das heißt konkret?

Während der Woche, wenn ich tagsüber viele Sitzungen und Stress habe, gehe ich nicht oft in die Sternwarte. Ideal ist die Nacht auf Samstag; da kann ich gut ein paar Stunden Schlaf abzwacken. Dann suche ich – wenn es dunkel genug ist – bevorzugt nach Deep-Sky-Objekten, das heißt, nach Sternhaufen, Nebeln und Galaxien außerhalb des Sonnensystems.

Und wenn der Mond groß am Himmel steht?

Dann suche ich Kometen, Asteroiden und Erdbahn-kreuzende Objekte, fotografiere und vermesse sie. Meine Funde melde ich dem „Minor Planet Center“ in den USA, bei dem meine Sternwarte unter dem Code K74 registriert ist; diese Einrichtung der Internationalen Astronomie-Union ist dankbar, wenn Leute wie ich mithelfen, den Himmel und seine Objekte zu vermessen.

Heißt das, noch immer kennt man nicht alle Objekte, nicht mal die in der näheren Umgebung?

Nein, noch längst nicht. Ich allein habe schon über 3000 Meldungen gemacht. Es waren Objekte darunter, die sehr nah an der Erde vorbeikamen, etwa nur 40 000 Kilometer entfernt waren. Zehn Minuten nach meiner Meldung konnte man die Koordinaten schon auf der „Minor Planet Center“-Seite im Internet finden. Das freut mich, spornt mich an – und ist mein wissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung des Universums.

Waren Sie schon immer von den Weiten des Alls fasziniert?

Ja, ich habe mit zwölf Jahren das „Kosmos Himmelsjahr“ verschlungen, nachdem mir einer meiner Onkel eines Nachts den Sternenhimmel erklärt hatte. Mein erstes selbst verdientes Geld aus einem Ferienjob habe ich in den Kauf eines Teleskops investiert und nächtelang versucht, die Grenze des Sichtbaren immer weiter hinauszuschieben. Die Physik, die wir auf der Erde kennen, funktioniert im All auch. Allerdings kommt man irgendwann eben an die Grenzen der Physik.

Wann kommt man an diese Grenzen?

Wenn man zum Beispiel versucht zu verstehen, was innerhalb von Schwarzen Löchern vor sich geht. Man vermutet, dass inmitten jeder Galaxie ein Schwarzes Loch existiert, das eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Licht oder Radiosignale diese Umgebung verlassen können. Man kann ein solches Schwarzes Loch also nicht direkt beobachten, denn es „schluckt“ ja alles Licht; man kann es nur indirekt beobachten, wenn beispielsweise andere Himmelskörper daran vorbeikommen.

Können Sie mit solchen Beobachtungen Ihre Mitbrüder begeistern?

Sagen wir so: Es ist nicht jedermanns Sache, stundenlang ruhig in Kälte und Dunkelheit auszuharren. Aber immer wieder einmal schaut eine Gruppe von Brüdern mit mir am Teleskop in die Sterne.

Wie kam es dazu, dass Sie in der Abtei eine Sternwarte errichtet haben? Oder gab es die schon vor Ihnen?

Nein, ein Teleskop gab es vorher nicht. Aber es gab einen Bruder Godefried, der Mathematiker und Pfarrer in Sommerach war und sich Anfang des 18. Jahrhunderts mit astronomischen Phänomenen befasst hat. Er hat sogar Bücher darüber geschrieben. Als ich in die Abtei eingezogen bin, dachte ich erst, ich müsste mein Hobby jetzt aufgeben. Aber dann kam Pater Meinrad und sagte: Mach? weiter! Also habe ich – vor der Profess, vor der man alle irdischen Güter verschenkt – mit meinem letzten Geld ein leistungsstarkes Teleskop gekauft und es an die finsterste Ecke der Abtei gestellt. Meine Mitbrüder hatten dann wohl Mitleid mit mir und haben gemeint, ich solle mir halt ?ne Hütte drumrum bauen. Seit 1998 hat sie ein Rolldach und ist die Sternwarte der Abtei.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über Astronomie und Glauben zu schreiben?

Ich hab? an einer Predigt für Dreikönig gearbeitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass die Weisen aus dem Osten ja Naturwissenschaftler der damaligen Zeit waren. Naturwissenschaftler, die zur Krippe und zum Glauben gefunden haben. Die Thematik „Naturwissenschaft und Glaube“ fand ich spannend.

Wissenschaft – also das empirisch Beweisbare – und der Glaube als etwas nicht Beweisbares sind doch zwei genaue Gegenpole, oder?

Für mich sind Glaube und Wissenschaft die beiden Seiten einer Medaille. Mathematik und Physik machen wissenschaftliche Zusammenhänge im Universum klar, aber nicht dessen Ursprung. Der wird durch wissenschaftliche Berechnungen und Analysen nicht weniger geheimnisvoll und faszinierend. Die Naturwissenschaft vertieft eher noch das Wunder des Seins.

Aber eigentlich versucht sie doch, diesem Wunder auf den Grund zu gehen, es mit Logik und Mathematik zu entschlüsseln.

Jedes Rätsel, dass die Wissenschaft löst, rückt zehn neue in den Fokus. Das verweist auf ein tiefes Geheimnis, das eben nicht lösbar ist. Die Größe des Alls ist so gewaltig, dass wir sie mit unseren menschlichen Möglichkeiten kaum erfassen können. Denken Sie nur an die Problematik mit den Schwarzen Löchern…

Geben solche ungelösten Geheimnisse nicht auch der Astrologie Vorschub? Ist das Zufall, Humbug oder irgendwie erklärbar, dass Sternzeichen-Horoskope oft so gut passen?

Astrologie ist zusammen mit Astronomie entstanden. Man hat versucht, die Beobachtungen mit Erfahrungen des Alltags in Verbindung zu bringen. Das war in einer Zeit, in der man die Sterne für Götter hielt, vielleicht noch angebracht. Einen nach heutigen Maßstäben naturwissenschaftlichen Beweis für die Astrologie gibt es allerdings nicht – im Gegenteil. Sternzeichen-Horoskope passen meist deshalb gut, weil sie mehrere Angebote machen, von denen eines passt. Und damit „stimmt“ das Horoskop.

Gibt es außerhalb der Erde Leben im Weltall?

Ich glaube schon, dass es irgendwo Leben gibt. Aber intelligentes Leben? Das ist sehr fraglich. Es gibt zwar Milliarden sonnenähnliche Sterne. Aber die bräuchten ja erst einmal die richtige Zusammensetzung der Elemente, die richtige Entfernung zu einem Licht und Wärme spendenden Planeten, eine Atmosphäre mit Treibhaus- und zugleich Kühleffekt. Ein großer Mond wäre zudem gut – ein solcher stabilisiert die Rotationsachse langfristig. Damit intelligentes Leben entstehen kann, müssen also viele Faktoren zusammentreffen.

Könnten sich nicht auch Lebensformen entwickelt haben, die sich unser menschliches Gehirn gar nicht vorstellen kann, weil diese ganz andere Voraussetzungen zum Leben brauchen?

Ja, das könnte sein. Wir kennen ja nur eine Form von Leben, das auf Kohlenstoff und seinen vielfältigen Verbindungen aufgebaut ist.

In der Bibel wird die Schöpfungsgeschichte als Sache von sieben Tagen beschrieben. Manche Menschen nehmen das noch immer wörtlich.

Diese biblische Erzählung drückt meines Erachtens nach eine tiefere Wahrheit bildlich aus. Sie ist nicht wörtlich als naturwissenschaftlicher Bericht zu lesen, sondern erzählt anschaulich von einer schöpferischen, kreativen Kraft, dem Heiligen Geist, der alles ins Dasein gebracht hat.

An welches astronomische Erlebnis erinnern Sie sich besonders gerne?

Da gibt es viele! Zum Beispiel erinnere ich mich an einen Kometen im Sternbild Kleiner Wagen, den ich mit 19 Jahren „entdeckt“ hatte – ich war begeistert, besonders, weil das Foto, das ich vom Kometen gemacht hatte, ganz ähnlich aussah wie das, was am nächsten Tag in der Zeitung erschien!

Zur Person: Pater Christoph Gerhard, Jahrgang 1964, ist Mönch und Cellerar (wirtschaftlicher Leiter) der Benediktinerabtei Münsterschwarzach sowie Geschäftsführer der Vier-Türme-GmbH. Er hat bereits zwei Bücher veröffentlicht und arbeitet derzeit an seinem dritten.

„Und sie bewegt sich doch“ heißt sein zweites Buch, das sich mit Astronomie und Glauben befasst und 2017 im Vier-Türme-Verlag erschien. 126 Seiten, ISBN 978-3-7365-0052-5, 14,95 Euro.

Vortrag: Pater Christoph Gerhard beleuchtet in einem Vortrag am Dienstag, 24. April, die Verbindung von Glauben und Astronomie. Veranstaltungsort ist das Historische Pfarrhaus, Schlossplatz 2, Wiesentheid. Der Eintritt ist frei.

Infos: www.klostersternwarte.de.