Wer oder was ist das Christkind wirklich?
Autor: Diana Fuchs
Kitzingen, Freitag, 22. Dezember 2017
Eine Fränkin hat herausgefunden, was Frau Holle, Frau Percht und Geistergestalten mit unserem Weihnachtsfest zu tun haben.
Weihnachten als wüstes Gelage? Mit lärmenden Umzügen vermummter Gestalten? Mit Schellenklang und Kettengeklirr in dunkler Nacht? Tatsächlich erlebten unsere Vorfahren ein ganz anderes Weihnachtsfest als die Familienfeier, die viele von uns zelebrieren. Dass wir heutzutage dennoch unbewusst viel altes, vorchristliches Brauchtum weitertragen, hat Dr. Renate Reuther herausgefunden. Die Historikerin aus Coburg hat mit fast schon kriminalistischem Spürsinn nach den Ursprüngen von Weihnachten gefahndet – und Überraschendes entdeckt.
Was würde wohl ein Pfarrer über Ihr Buch sagen? Darin steht, dass Maria, die Mutter Jesu, ein Ersatz für die „Urmutter“ Holle/Percht ist und dass die Festlegung von Jesu Geburtstermin eine politische Entscheidung war, um ältere Feiertage auszuschalten.
Renate Reuther: Zum Glück wird ja heute niemand mehr als Hexe verbrannt. Außerdem geht es mir ganz und gar nicht darum, eine Front gegen die Kirche aufzubauen, sondern einfach darum, den Ursprung unserer heutigen Weihnacht darzustellen. Die Kirche hat 1000 Jahre lang versucht, Weihnachtsbräuche zu verbieten. Christbaum, Geschenke, Lebkuchen, Singen, Tannenreisig in die Stube legen – alles war verboten. Doch die Leute haben sich nicht an das Verbot gehalten. Sie haben darauf bestanden, mit lärmenden Umzügen die Geister zu vertreiben, im Sinn von Frau Holle oder Frau Percht Lebkuchen zu backen und die Stube zu schmücken. Letztendlich hat die Kirche ihren Frieden damit gemacht – und viele alte Bräuche einfach zu ihren eigenen umgeformt. Zum Beispiel, indem sie die Urmutter Holle/Percht teilweise durch Mutter Maria ersetzte.
Auch der Nikolaus mit seiner Rute ist auf die Ur-Weihnacht zurückzuführen, schreiben Sie. Die Figur ist damit wesentlich älter als der Bischof von Myra, aus dem 3. Jahrhundert, von dem wir heute den Kindern erzählen.
Ja, auch er gehört zur vorchristlichen Welt um Frau Holle und Frau Percht. Diese Figuren, die je nach Region auch ähnlich lautende Namen tragen, sind personifizierte Gottesvorstellungen der Antike, der keltischen und auch der germanischen Überlieferung nach. Verallgemeinernd spricht man von „Perchtengestalten“. Die katholische Kirche ging gegen die ursprüngliche Perchtengestalt des Nikolauses mit Sack und Rute auf besondere Weise vor: Sie erschuf mit dem Bischof Nikolaus eine Konkurrenzfigur.
Wie viel von der Ur-Weihnacht steckt noch in unseren Weihnachtsritualen?
Bis auf die Christmette ist fast der ganze Rest von der Ur-Weihnacht beeinflusst. Bis ins Mittelalter war Weihnachten ein rein kirchliches Fest, so wie es Pfingsten heute noch ist. In den Kirchen wurden Gottesdienste abgehalten. Doch draußen, auf dem Dorf und in den Gassen der Städte, fand bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die Ur-Weihnacht statt, mit Umzügen, mit Lärmen, Schreien – man hat in der Gemeinschaft gegen Angst und Winterdepression angefeiert. Nur so ist man durch die dunkle Zeit gekommen.