Wärme auf eisigem Gebiet
Autor: Von Julia Volkamer
Marktsteft, Mittwoch, 12. Januar 2022
Der Umweltaspekt wird auch bei der Gestaltung von Gewerbeflächen im Landkreis Kitzingen immer wichtiger. So mancher findet aber: nicht wichtig genug.
Die Größenordnung liegt außerhalb der Vorstellungskraft – in dieser Maßeinheit dürfte sie aber nicht nur für Fußballfans am ehesten nachvollziehbar sein: In Unterfranken messen Gewerbe- und Industriegebiete eine Fläche von 16 000 Fußballfeldern, weitere sind im Entstehen. Neben dem Wirtschaftsfaktor rücken bei der Ausweisung solcher Areale ökologische Gesichtspunkte immer mehr in den Fokus. Das Thema Nachhaltigkeit wird allerdings auf unterschiedliche Art und Weise berücksichtigt. Das zeigen auch zwei Beispiele aus dem Landkreis.
In Geiselwind entstand in den letzten zehn Jahren ein 30 Hektar großes Gelände, auf dem sich, neben etlichen kleineren, einheimischen Betrieben, unter anderem auch der Sportartikelriese Puma ansiedelte. Bürgermeister Ernst Nickel hat mit der Flächenversiegelung seinen Frieden gemacht. Nicht nur, weil die Ausweisung des neuen Gewerbegebiets „Inno-Park“ einfach notwendig gewesen sei – nur so habe man die Abwanderung ortsansässiger Traditionsunternehmen, die modernisieren und sich vergrößern wollten, verhindern können. „So ein Gelände baut man ja nicht jedes Jahr“, erinnert Nickel daran, dass seit der letzten großflächigen Industrie-Ansiedlung mit Autohof Strohofer und Freizeitland schon etliche Jahre ins Land gezogen sind. Zudem habe man bei der Gestaltung „an sehr viel gedacht“: Mindestens fünf bis acht Hektar des Geländes sind begrünt, es konnten „ganz neue Biotope entstehen“, zum Beispiel rund um das Regenrückhaltebecken.
Klimafreundliche Bebauung
In Geiselwind legte die Gemeinde über das Bauleitverfahren außerdem die Bedingungen hinsichtlich einer klimafreundlichen Bebauung fest – ging damit aber nicht so weit wie die Verantwortlichen im niederbayerischen Markt Langquaid. Dort entstand das erste bayerische Öko-Plus-Gewerbegebiet – durch die Festsetzung eines sehr hohen Nachhaltigkeits-Maßstabes, der bei künftigen Ausweisungen Standard werden soll. „Ökonomie und Ökologie kann man in Einklang bringen“, ist Bürgermeister Hubert Blascheck überzeugt – und ermutigt auch andere Gemeinden dazu, nachhaltiger zu planen. Schließlich kann man sich nicht immer darauf verlassen, dass Unternehmen schon selbst auf ihren CO2-Fußabdruck achten – auch wenn das inzwischen großzügig gefördert wird.
„Mit Blick auf den Klimaschutz ist die ökologische Aufwertung von Gewerbegebieten notwendig“, weiß auch Anne Weiß, Flächensparmanagerin an der Regierung von Unterfranken – und meint damit flächenmäßige „Potenziale, die über Aufstockung und die Stapelung von Funktionen effizienter ausgenutzt werden müssen“. So hat Puma nicht nur das Dach seines 116 000 Quadratmeter messenden Logistikzentrums komplett begrünt und eine eigene Buslinie für Mitarbeiter eingerichtet, sondern setzt bei der Energiegewinnung auf Photovoltaik – nur drei von mehreren Säulen, die das Unternehmen zu einer besseren CO2-Bilanz tragen sollen. Was ganz im Sinne von Gemeindeoberhaupt Ernst Nickel sein dürfte. Genauso wie der vogelfreundliche Anstrich der Lagerhalle des Textilherstellers New Wave. Oder die E-Tankstellen von Elektro Müller – die gerne von allen Unternehmen und ihren Mitarbeitern genutzt werden sollen.
Wärme aus Hackschnitzeln
In Marktsteft können die angesiedelten Betriebe – oder diejenigen, die es noch werden wollen – in Zukunft auch ökologische Nutznießer sein. Mit der Gründung der „Nahwärmenetz Marktsteft GmbH“ hat Jürgen Haag von der gleichnamigen Zimmerei die Möglichkeit geschaffen, sich Energie aus regionalen, nachwachsenden Rohstoffen zu sichern: Seit November versorgt das Hackschnitzel-Heizkraftwerk nahe der Staatsstraße nicht nur das örtliche Schulzentrum mit Grundschule, Kindertagesstätte und Mehrzweckhalle mit Wärme – und hat der Stadt Marktsteft enorme Investitionskosten für eine eigene, nötig gewordene Heizungsanlage erspart. Auch Teile der bestehenden Gewerbegebiete „Am Traugraben“ und „Am Sachsen“ sowie alle Grundstücke des inzwischen erschlossenen Areals „Am Alten Wasserhaus“ und „Marktbreiter Straße“ sind an das Netz angeschlossen – sehr zur Freude von Bernhard Etzelmüller.
Der Geschäftsführer der Firma Wiedenmann Seile sprang Jürgen Haag direkt zur Seite, als dieser von seiner Idee eines lokalen Nahwärmenetzes berichtete. Auf dem Weg zum ehrgeizigen Ziel, mit seinem Unternehmen bis 2025 klimaneutral zu agieren, ist der Anschluss an den lokalen Energielieferanten ein wichtiger Schritt. Innerhalb der Marktstefter Niederlassung mit Verwaltung und Produktion setzt er auf Energieeinsparung durch Stand-by-Strom und eine gesteigerte Energieeffizienz via LED-Umrüstung sowie E-Mobilität. Zudem sind sämtliche nutzbaren Flächen mit Photovoltaik belegt – die Investition von rund 80 000 Euro wird sich in sechs Jahren amortisiert haben. „Diese Rechnung müssen viele scheinbar noch verinnerlichen“, wundert sich Etzelmüller. „Auf Dauer tun wir damit nicht nur etwas für unsere Umwelt, sondern sparen auch Geld.“
Vom Konzept überzeugt
Auch für Jürgen Haag ist der finanzielle Aspekt laut eigener Aussage nicht das vordergründige Motiv für den Aufbau des Marktstefter Nahwärmenetzes. „Ich glaube an das Konzept“, betont der Unternehmer seine Überzeugung, die Energiewende auch im Kleinen mit antreiben zu können. „Ich wüsste nicht, welche Art von Energieversorgung regionaler und nachhaltiger sein sollte als diese.“ Die extra gegründete GmbH laufe nicht gewinnorientiert, sondern kostendeckend und sei daher auch finanziell absolut konkurrenzfähig mit anderen Beheizungstechniken – vom Umweltaspekt gar nicht zu reden. „Wenn wir es ernst meinen mit der Energiewende in unserem Land, dann müssen wir endlich anfangen, auch etwas dafür zu tun“, nimmt Haag mögliche Investoren in die Pflicht und ermutigt sie, die bestehenden Fördermöglichkeiten entsprechend auszuschöpfen. „Die sollte jeder Bauherr für sich nutzen, gerade, wenn es um Energieeffizienz geht.“