Druckartikel: Tomaten, Bewegung und lebenslanges Lernen

Tomaten, Bewegung und lebenslanges Lernen


Autor: Tessa Korber

Kitzingen, Donnerstag, 18. Januar 2018

Es gibt viele Dinge, die man gegen die befürchtete Demenz tun kann.
Dr. Martin Lauer macht den Menschen Mut: Gegen die Demenz lässt sich etwas machen.


Die gute Nachricht an diesem Vortragsabend in der Alten Synagoge lautet: Man kann etwas tun gegen Demenz. Im Grunde ist es genau das, was jeder ohnehin tun sollte, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Das heißt allerdings nicht, dass jeder von uns auch genau dies bereits tut. Nicht allen geht es so wie dem Rentner, der sich am Ende des Vortrags meldet, um zu verkünden, er nehme aus diesem Vortrag mit, dass er alles im Leben richtig gemacht habe. Er bekommt herzlichen Applaus. Und so mancher notiert sich für die Zukunft: mehr Tomaten, mehr Bewegung.

Dr. Martin Lauer ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, geschäftsführender Oberarzt an der Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik in Würzburg und vielfach mit dem Thema Demenz befasst. An diesem Mittwochabend in der Alten Synagoge ist er der erste Referent der Wintervortragsreihe des Universitätsbundes Würzburgs. Und sein Thema, Demenz, bewegt die Menschen. Das verrät der volle Saal und auch die gespannte Aufmerksamkeit, mit der die Zuhörer ihm über die angekündigten 90 Minuten hinweg lauschen. Dr. Lauer bekennt, mehr an Menschen als an Zahlen interessiert zu sein, und er spricht entsprechend: verständlich, lebensnah und engagiert.

Er bemüht sich auch um positive Botschaften: dass wir, statistisch gesehen, immer älter und dabei immer fitter werden. Dass es immer etwas gibt, dass man tun kann, selbst wenn die Diagnose da ist.

Diagnose ist überhaupt sein erstes Stichwort, denn: Es gibt nicht eine Demenz, es gibt viele Demenzen. Sie haben verschiedene Ursachen, verschiedene Wirkmechanismen, und einige davon sind reversibel, das heißt: durch eine entsprechende Behandlung kann man sie heilen. Wenn also der Hausarzt den Verdacht auf beginnende Demenz äußert, ist das nicht das Schlusswort, sondern es sollte der Anfang sein.

Zunächst muss diagnostisch ausgeschlossen werden, dass eine heilbare Ursache vorliegt. Dazu gehören Depression, Folsäure oder B12-Mangel oder eine Schilddrüsen-Fehlfunktion. Danach sollte man untersuchen, ob man es mit Alzheimer zu tun hat, oder mit einer der anderen Formen der Demenz, etwa der im Volksmund so genannten Arterienverkalkung. Ein Kernspin oder die Untersuchung der Nervenflüssigkeit können Aufschluss geben. Gegen Alzheimer kann man spezifische Medikamente einsetzen, die die Krankheit zwar nicht heilen, aber ihren Verlauf verlangsamen.

Dennoch warnt Martin Lauer vor zu viel Diagnostik und medizinischen Eingriffen auf den bloßen Verdacht hin. „Wenn Sie hier sitzen und mich fragen, ob Sie möglicherweise dement sind, kann ich schon fast mit Sicherheit sagen: Sie sind es nicht.“ Er verwendet viel Zeit darauf, seinen Zuhörern Ängste zu nehmen. Nicht jeder vergessene Name, nicht jeder verlorene Schlüssel ist ein Zeichen für einsetzende Demenz. Ein Verlust an Fähigkeiten im Alter sei nun einmal normal. „Was aber ist dann Demenz?

Lauer beschreibt es als Verlust der Fähigkeit, im Alltag alleine zurechtzukommen. „Wer das noch kann, ist nicht dement“, erklärt er rigoros. Demenz verursacht ganz andere Defizite: Ganz normale Verrichtungen wie Kochen, Einkaufen oder das Handhaben der Stereoanlage oder der TV-Fernbedienung funktionieren nicht mehr. Der eigentlich vertraute Heimweg von der Bushaltestelle wird nicht mehr gefunden. „Demenz bedeutet, dass der Umgang mit Geld nicht mehr bewältigt wird“, erklärte er. „Dass man Dinge verlegt und dazu neigt, andere zu beschuldigen, sie versteckt oder gestohlen zu haben.“

Weitere Warnhinweise sind die Neigung, ein- und dieselbe Frage wieder und wieder zu stellen. Oder auf Fragen – eben weil man sie nicht mehr beantworten kann – defensiv dadurch zu antworten, dass man die Frage wiederholt.

„Der größte Risikofaktor für Demenz ist das Alter“, stellt Lauer fest. Die meisten Dementen sind um die 80 Jahre, davor ist das Risiko gering. Vor dem 65. Lebensjahr extrem gering. Nach 80 Jahren sinkt es ebenfalls wieder. Doch es gibt auch andere Faktoren. Bewegungsmangel ist der erste. Bluthochdruck der zweite. Fettleibigkeit der dritte. Danach folgen: Rauchen, Diabetes und eine geringe Bildung, also ein untrainiertes Gehirn. Die Devise lautet also: bewegt euch, raucht nicht, bleibt schlank, ernährt euch gesund, behandelt Depressionen und Bluthochdruck. Und lernt lebenslang.

Wobei es nicht unbedingt um angehäuftes Buchwissen geht, sondern auch um neue Fertigkeiten, sei es ein neuer Tanz, ein bislang unbekanntes Gericht, ein neues Hobby, eine Sportart oder ein Handwerk, das einen auf unvertraute Weise fordert.

Und es gibt noch mehr zu tun. Dr. Lauer zählt auf: sich keine Sorgen machen, Vertrauen haben, soziale Kontakte pflegen, sich sozial engagieren, gut schlafen, Routinen entwickeln, genießen, sich entspannen, gelassen sein. Wie gesagt: Alles Dinge, die ohnehin zu einem gelungenen Leben beitragen.

Eine besondere Rolle spielt in der Ernährung offenbar der Konsum von Tomaten. Von der fränkischen Traube – und das ist die schlechte Nachricht zum Schluss – rät der Arzt allerdings ab. Zumindest in größeren Mengen. Sie enthält unvergoren zu viel Zucker und vergoren zu viel Alkohol. Mehr als das Gläschen, dass es im Anschluss an Vortrag und Diskussion im Rahmen des geselligen Beisammenseins gab, wollte Dr. Lauer nicht empfehlen.