Senioren kommen auf den Hund
Autor: Diana Fuchs
Iphofen, Freitag, 15. Dezember 2017
Ein Gast zum Gernhaben: Sammy weckt Erinnerungen und sorgt für freudige Momente, mehr Kommunikation und Mobilität.
Mittwoch ist ihr Lieblingstag. Denn mittwochs kommt Sammy. Sammy ist ein kohlschwarzer Labrador-Rüde mit großen, dunklen Knopfaugen, die treuherziger in die Welt blicken als Heintje zu seinen besten Zeiten. „Wie er schaut“, sagt Irene H. verzückt, während sie sich in ihrem Rollstuhl so weit wie möglich nach vorne beugt, um das weiche Fell hinter den Hundeohren streicheln zu können. „Der Sammy ist so ein Lieber!“ Schnell bekommt der kontaktfreudige Hund ein Stückchen Karotte zugesteckt, das er zufrieden verschlingt.
Irene H. lebt im Altenbetreuungszentrum (ABZ) Iphofen. Im Lauf ihres Lebens hatte sie mehrere Hunde. Angst vor Sammy war ihr deshalb von Anfang an fremd. Aber auch diejenigen, die dem Hund zunächst mit Skepsis begegneten, sind längst große Fans. Günther M. zum Beispiel. Der Rollstuhlfahrer aus Mainbernheimer berichtet: „Meine Angst war ganz schnell weg. Der passt schön auf, wenn er sich seine Leckerli aus meiner Hand nimmt.“
Seit vier Jahren besucht das aufmerksame Tier, das Heike Krückel aus dem Casteller Ortsteil Greuth gehört, einmal pro Woche die ABZ-Senioren, und zwar zusammen mit Heikes Schwiegermutter, der Iphöferin Inge Krückel. Die rüstigen Bewohner kommen im Aufenthaltsraum zusammen, die bettlägerigen werden in ihren Zimmern aufgesucht, wenn sie das möchten. Heike Krückel arbeitet im ABZ: „Irgendwann hat Helen mich gefragt, ob Sammy nicht mal mitkommen möchte. Das nötige Gesundheitszeugnis hat er. Also hab‘ ich zugesagt.“ Helen von Hoyningen-Huene ist Ergotherapeutin und leitet die Beschäftigungsstunden, die jeden Mittwoch stattfinden. Sie sagt: „Der Hund ist ein echter Wohlfühlfaktor. Man sieht, wie die Menschen strahlen, wenn Sammy in der Nähe ist.“
Tatsächlich ist die Stimmung in der Runde gut. Die Senioren, die teils im Rollstuhl sitzen, haben einen Kreis gebildet. In dessen Mitte steht eine Wasserschale für Sammy, aus der er gerade laut schlürfend trinkt und dabei allerlei Spritzer auf dem Boden verteilt. Die Senioren lachen. Helen von Hoyningen-Huene drückt ihnen Karottenstücke in die Hand, was nicht lange unbemerkt bleibt. Schon ist Sammy zur Stelle. Vor Hedwig H. bleibt er stehen. „Gib Pfote, Sammy“, sagt die ältere Dame lächelnd. Der Hund folgt – und ein knackiges Leckerle wechselt den Besitzer. „Du bist der Beste, des wiss‘ mer scho“, sagt Hedwig H., während sie Sammy den Hals krault. „Wir haben früher auch einen Hund gehabt“, berichtet sie den Mitbewohnern. „Und einmal haben wir auch ein Eichhörnchen gehabt. Das war verwaist und wir haben es mit der Flasche aufgezogen.“ Als es groß und stark genug war, um in der Freiheit überleben zu können, ließen die Heilands das Küchenfenster offen, so dass das quirlige Tierchen mit der Zeit wieder verwilderte. Als Hedwig H. fertig erzählt hat, gibt Sammy kurz Laut. Alle lachen. Der Hund blickt auffordernd auf ihre Hände. „Der weiß genau, dass sie noch ein Stück gelbe Rübe hat“, wirft Nachbarin Berta B. ein. Die 97-Jährige ist die älteste ABZ-Bewohnerin. Auch sie steuert tierische Erlebnisse von früher bei. Ihre Familie hielt Ziegen. „Wenn junge Mütter nicht stillen konnten, sind sie zu uns gekommen.“ Ziegenmilch war damals der beste Ersatz für Muttermilch, den man bekommen konnte. Milchpulver gab es noch nicht. „Außerdem haben wir aus der Ziegenmilch Butter und Käsekuchen gemacht – große Bleche voll. Die haben wir immer gern gegessen. Ich weiß noch, wie wir bei den Großeltern in Hohenfeld waren. Die hatten keine Ziegen, sondern Kühe. Den Käsekuchen aus Kuhmilch habe ich damals bald nicht runtergebracht.“ Berta B. schüttelt sich. Die ABZ-Mitbewohner grinsen und nicken. „Ja, wie mer?s halt gewohnt is…“
Die „tierische Stunde“ im ABZ vergeht schnell. Viel zu schnell für Theres R., Betty W. und Karl V., bei denen Sammy noch ein paar Karöttchen abstaubt. „Er ist sehr gut erzogen“, findet Theres R., die ihn erst belohnt, nachdem er ihr formvollendet die Pfote gegeben hat. Inge Krückel nickt. „Meine Schwiegertochter Heike hat ihm beigebracht, sich klar an Regeln zu halten.“
Heike Krückel selbst sagt: „Sammy ist ein reinrassiger Labrador aus einer Zucht, die auch Blindenhunde ausbildet. Er ist ein ganz ruhiger, zuverlässiger Geselle.“ Helen von Hoyningen-Huene kann das nur bestätigen. In den vier Jahren, in denen der Labrador regelmäßig zu Gast ist, hat sie „nur Positives“ mit ihm erlebt. „Mir fällt auf, dass auch Menschen, die sonst apathisch herumsitzen, plötzlich aktiv mitmachen, wenn der Hund da ist.“ Betreuungsassistentin Laura Lechner nickt: „Die Schläfrigen wachen dann richtig auf.“ Selbst Leute, die sonst nicht viel reden, beteiligen sich am Gespräch. „Der Hund ist eine Kommunikationsmethode“, sagt Helen von Hoyningen-Huene. „In seiner Gegenwart erzählen die Menschen von ihrem früheren Leben. Das ist wertvolle Biografie-Arbeit. Und das Streicheln des Fells ist zugleich ein beruhigender Körperkontakt, für beide Seiten.“
Warum haben dann nicht alle Seniorenheime generell einen Hund? „Weil man immer einen Verantwortlichen für das Tier braucht. Das Personal bei uns arbeitet in Schichten und könnte den Hund deshalb nicht geregelt versorgen. Aber zumindest haben wir ein paar Katzen“, erklärt Helen von Hoyningen-Huene. Und Sammy kommt ja zuverlässig jede Woche zu Besuch. Am Mittwoch, dem Lieblingstag der meisten Bewohner.