Druckartikel: Selbst erleben, wie eine Gesellschaft sich wandelt

Selbst erleben, wie eine Gesellschaft sich wandelt


Autor: Tessy Korber

Wiesentheid, Montag, 02. Oktober 2017

Das Gymnasium Steigerwald Landschulheim begrüßt wieder Austausch-Schüler aus der Ukraine
Die „Veteranen“ des Austausches: Katharina Volk, Madline Kohles, Larissa Müller, Jonas Löchner und Fabian Kleinheim mit Bildern des letztjährigen Ukraine-Aufenthaltes.


21 Stunden dauert die Busfahrt für die elf ukrainischen Schülerinnen und Schüler, die am 4. Oktober in Wiesentheid eintreffen werden. Eine halbe Weltreise ist das, und ein Besuch in einer anderen Welt.

Der Austausch mit Novohrad-Wolynski ist anders als die meisten Schulprogramme: Die Strecke ist weiter, die bürokratischen Hürden sind höher, die Sprach- und Schriftbarrieren sind größer und die Grenzen dichter. „Da die Schüler in einem Bus mit lauter Passagieren aus einem Nicht-EU-Land reisen, sind die Zollkontrollen ausgiebig. Eine genaue Ankunftszeit ist deshalb schwer vorherzusagen“, erklärt Lehrerin Martina Schenk bei einem Vorbereitungsabend. Mit ihrem Lebensgefährten Paul Götzelmann hat sie den Austausch bereits mehrfach begleitet und war auch privat öfter in der Ukraine, etwa, um die Atmosphäre der Proteste auf dem Maidan zu erleben. Ihr Fazit: Es ist eine Gesellschaft, ein Land, in dem die Dinge im Wandel sind.

Wie eine Zeitreise

Wolf-Dieter Gutsch, ehemaliger Lehrer und Wegbereiter des Austausches, empfand die ersten Besuche dorthin als Zeitreise. „Es erinnerte mich an meine Kindheit in der DDR.“ Jetzt ist es ein Land voller Dynamik, in dem Debatten geführt und Gefühle bekundet werden, die einer altgedienten Republik wie der Deutschen manchmal fremd sind. Für die Schüler allerdings sei gerade das spannend.

„Dort ist alles voller Fahnen. In der Schule singen sie die Hymne. Und sie tragen ihre Trachten“, erzählt Katharina Volk. Mit dem jüngst erstarkten Nationalgefühl der Ukrainer haben die Jugendlichen aus Franken offenbar keine Probleme. „Die bestickten Blusen sind echt schön.“ Katharina Volk, Larissa Müller und Madline Kohles sind sich da einig. „Die Tracht dort ist echt alltagstauglich. Die kann man wenigstens auch mal zur Jeans tragen“, meint Madline.

Gemeinsam mit Jonas Löchner und Fabian Kleinheim gehören die drei jungen Frauen zu den „Veteranen“ des Austausches, die bereits einmal in Novohrad-Wolynski waren. Sie alle freuen sich sehr auf die zweite Reise. „Es ist der beste Austausch an der Schule“, meint Katharina Volk. „Die Gastfreundschaft dort ist der Wahnsinn“, erinnert sich Fabian Kleinheim. „Da wird aufgetischt, dass sich die Balken biegen.“ Madline Kohles meint, man könne die Schönheit so eines Besuches nicht wirklich beschreiben. „Es sieht vieles dort abgeranzt aus. Aber die Menschen sind so herzlich. Und so offen. Sie erzählen von sich.“

Offen und herzlich

Offenheit, Herzlichkeit – vieles sei ganz anders als bei anderen Austauschprogrammen. Das mache die Qualität dieses Kontaktes aus, da sind alle sich einig. Gerade auch weil die Teilnehmerzahl klein ist. „Dadurch entsteht eine Gemeinschaft, das ist einfach schön“, sagt Larissa Müller und alle am Tisch nicken.

Damit auf dieser Basis auch politisches Verständnis wachsen kann, gibt es zusätzlich ein Themenprogramm. Dafür sorgen auch die Sponsoren, die diesen Austausch fördern: die Stiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“, der Pädagogische Austauschdienst und der Bayerische Jugendring. „Gesellschaft gemeinsam gestalten im privaten und politischen Alltag“, heißt die Überschrift für dieses Jahr. Die Jugendlichen aus der Ukraine werden durch den Bayerischen Landtag geführt und dürfen mit einer Abgeordneten sprechen. Die Wiesentheider werden ihre Gäste in den eigenen Alltag mitnehmen, so weit das möglich ist – in die Vereine, in denen sie aktiv sind, in ihre Klassen und zu den Veranstaltungen, die ihnen wichtig sind, von der Freiwilligen Feuerwehr bis zum Tanzkreis.

Denise Walter ist zum ersten Mal dabei. Schon der Steckbrief, den ihre künftige Austauschpartnerin ausgefüllt hat, findet sie vielversprechend. „Sie mag auch Volleyball, das ist prima, ich wollte sie doch mit in den Verein nehmen. Dass sie Sport und Chemie mag, und Geschichte nicht, das passt auch.“ Denise ist gespannt, ihre Mutter begeistert. „Sie hat bereits ein Jahr in Mexiko verbracht und freut sich darauf, jetzt etwas von der Gastfreundschaft, die sie dort erfahren hat, zurückgeben zu können.“

Eltern sehen Austausch positiv

Auch die anderen Eltern sehen dem Austausch sehr positiv entgegen. „Dass dort ein Bürgerkrieg herrscht? Ja, anfangs hat uns das beschäftigt“, gibt eine Mutter zu. „Aber das haben wir weggeschoben.“ Das Kriegsgebiet ist 1200 Kilometer entfernt, und von den Ereignissen dort ist in Novohrad-Wolynski praktisch nichts zu bemerken. „Sie reden auch nicht gerne darüber“, beschreibt Jonas Löchner seine Erfahrungen.

Für die Eltern stehen andere Aspekte im Vordergrund. Wann kommen die Kinder schon einmal in ein solches Land? Spätere Urlaube, fürchten sie, werden ans Meer oder in die klassischen Touristenorte führen. Die Ukraine dagegen, der Osten Europas überhaupt, ist Terra Inkognita. Und alle finden es gut, dass sich das für ihre Kinder ändern wird. Ein Vater denkt gar an die künftigen Geschäftsbeziehungen mit der Ukraine, wie die Firma Knauf sie bereits unterhält. „Da ist es ein Vorteil, wenn die Schrift und Sprache einem nicht völlig fremd sind.“

Volles Programm

Die Programme der Besuche und Gegenbesuche sind opulent. Man wird Nürnberg, Würzburg und zwei Tage lang München besuchen. In der Ukraine warten Visiten in Kiew und dem ehemaligen Lemberg, heute Lviv.

Nicht mal, dass man dort „nicht shoppen gehen kann“, stört die Mädchen. „Wir haben eben die traditionellen Märkte und Geschäfte besucht“, erzählt Katharina Volk. Noch während Lehrerin Martina Schenk ihre schriftlichen Instruktionen verteilt, wird eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Es herrscht Abenteuerstimmung in dem abendlichen Klassenzimmer.