0,75 Quadratmeter. So viel Platz steht jedem Schwein (bis 110 Kilo) in Deutschland gesetzlich zu. Man kann sich leicht vorstellen, dass es eng wird, auf einem dreiviertel Quadratmeter eine Kot- und eine Schlafecke einzurichten und dazwischen noch ein bisschen „Spielraum“ zu lassen, wie es dem Naturell des Schweines entgegenkäme. So mancher Landwirt würde deshalb gerne einen größeren Stall mit Freilauf bauen. Doch um investieren zu können, müsste er pro Kilo Schlachtgewicht mindestens ein Viertel mehr als den derzeitigen Durchschnittspreis von 1,40 Euro erzielen.

Viele Verbraucher sind unsicher. Woher stammt das Schweinefilet, das Schnitzel oder das Hackfleisch, das wir an der Metzgertheke oder im Supermarkt kaufen? „Bisher ist Fleisch bei uns eine sehr anonyme Ware“, sagt Dr. Peter Lindner, Leiter des bayerischen Lehr-, Versuchs- und Fachzentrums für Schweinehaltung in Schwarzenau. Man sieht es dem Stück Fleisch nicht an, ob das Schwein, von dem es stammt, mal Sonnenlicht gesehen und im Stroh gewühlt hat oder ob es zeitlebens unter Kunstlicht im gleichmäßig temperierten Spaltenbodenstall stand. Zwei neue Initiativen, eine staatliche und eine des Lebensmitteleinzelhandels, sollen jetzt mehr Transparenz bringen.

Der Kunde soll sich beim Kauf entscheiden können, ob er Fleisch von Tieren aus reiner Stallhaltung essen möchte oder von Tieren, die Frischluft schnupperten und ein Außengehege hatten. Die Discounter und Supermärkte Aldi, Lidl, Edeka, Kaufland, Penny, Netto und Rewe führen deshalb zum 1. April 2019 ein vierstufiges Label ein. Sie kommen damit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zuvor, die ein staatliches Tierwohlsiegel plant.

„Wir schwimmen unter Wasser“

Alle bayerischen Dialekte waren jüngst in Schwarzenau zu hören, als sich Schweinehalter, Berater, Tierärzte und Vertreter des Fleischerzeugerrings zur Schweinefachtagung trafen. Sie diskutierten aktuelle Herausforderungen. Davon gibt es jede Menge: von Umwelt- bis Tierschutz, von der neuen Düngeverordnung bis hin zur Finanzierbarkeit zukunftsfähiger Stallsysteme.

„Das natürliche Verhalten der Tiere soll bei künftigen Stallplanungen im Vordergrund stehen.“ Das ist für Dr. Peter Lindner eine Erkenntnis der tagesfüllenden Sitzung. Dr. Stefan Berenz, Leiter des Fachzentrums Schweinezucht und -haltung am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Würzburg, stellt fest: „In ganz Franken, ja sogar bayernweit, wurden in den letzten drei, vier Jahren kaum neue, große Stallanlagen mehr gebaut. Nun wird sich zeigen, ob die Verbraucher mehr Tierwohl honorieren und den Schweinehaltern, die ihren Tieren mehr Raum geben, sichere Absatzmöglichkeiten bieten. Nur so können diese ins Tierwohl investieren.“

Wie ein modernes Stallsystem für die Ferkelaufzucht oder die Mast aussieht? Experten haben sich dafür das Verhaltensmuster des wilden Verwandten unseres Nutzschweins angesehen. Wildsäue wühlen gern im Boden, wollen aber auch einen komfortablen Liegeplatz haben und einen „Toiletten-Bereich“. Ställe brauchen also mehrere Funktionsbereiche. Dr. Lindner: „Das Schwein an sich ist ein sehr sauberes Tier!“

Mehr Platz für die Tiere bedeutet höhere Kosten für den Landwirt. Und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. „Wir schwimmen derzeit unter Wasser“, formuliert Dr. Lindner die Diskrepanz zwischen dem Marktpreis von 1,40 Euro pro Kilo Schlachtgewicht und dem Preis, der nötig wäre, um zukunftsweisende Investitionen zu tätigen – mindestens zwei Euro pro Kilo. „Vollkostendeckung haben wir derzeit bei 1,60 bis 1,80 Euro je Kilo. Bei alternativen Haltungsformen fallen Mehrkosten von 30 bis 40 Cent an.“

Vier statt zwei Qualitätsstufen

Bisher gibt es in Deutschland im Wesentlichen zwei Haltungsformen für Schweine: herkömmliche Stallhaltung und Biohaltung, wobei der Anteil an Biofleisch unter einem Prozent liegt. „Ein Nischenprodukt“, sagt Berenz, „für das der Landwirt mehr als den doppelten Preis verlangen und bekommen muss, wenn sein Hof langfristig überleben soll.“ Nun wird es im Einzelhandel zwischen „Stallhaltung“ und „Bio“ beziehungsweise „Premium“ zwei weitere Tierwohlabstufungen geben.

Herkömmliche Stallhaltung sieht so aus: Die abgeriegelten Ställe sind immer gleich temperiert und mit Vollspaltenböden versehen. Zugluft wird vermieden. Nun gehen die Forderungen bezüglich Tierwohl genau in die andere Richtung: Die Tiere sollen Klimareize spüren, auch mal Feuchtigkeit, Sonne und Wind erleben. Sie sollen verschiedene Bereiche zur Verfügung haben, zum Spielen, Schlafen, Koten. In der höchsten Tierwohl-Stufe, die an Bioqualität heranreicht, sollen die Tiere auch einen Außenauslauf haben und im Stroh wühlen können. Alte Ställe umzubauen sei schwierig und teuer, aber oft möglich, sagt Dr. Lindner.

In Deutschland werden aktuell 20 Prozent mehr Schweine gemästet als für den deutschen Eigenbedarf gebraucht werden. Die allermeisten Schlachtkörper werden nicht am Stück vermarktet, sondern in kleinen Teilen: Hochwertiges Filetfleisch bleibt meist im Inland, während Rüssel, Pfoten, Schwänze besonders oft nach China exportiert werden. „Den Chinesen ist die Haltungsform allerdings noch völlig egal“, macht Stefan Berenz klar, dass mehr Tierwohl nicht überall honoriert wird. „Wir müssen immer mit dem Weltmarktpreis konkurrieren. Das wäre auch so, wenn wir einen Selbstversorgergrad von unter 100 Prozent hätten“, gibt Lindner zu bedenken.

Berenz formuliert die Zukunft der Schweinehaltung so: „Wir fangen gerade an, uns auf eine neue Reise zu begeben – nachdem wir 30, 40 Jahre lang den Vollspaltenstall perfektioniert haben.“ Als „zartes Pflänzchen“ bezeichnet Peter Lindner die Tierwohl-Initiativen des Staates und des Lebensmittelhandels. Ob das Pflänzchen groß und stark wird, entscheiden in unserer Marktwirtschaft die Verbraucher. Also wir alle.

INFO: Die Einzelhandelsriesen Aldi, Lidl, Edeka, Kaufland, Penny, Netto und Rewe haben eine vierstufige Tierwohlkennzeichnung (1. Stallhaltung, 2. StallhaltungPlus, 3. Außenklima, 4. Premium) entworfen, die künftig überall im Fleischhandel für mehr Transparenz sorgen soll (www.haltungsform.de). Infos zum geplanten dreistufigen Tierwohllabel des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft: www.bmel.de