Ruhe, Frieden und Klarheit
Autor: Ralf Dieter
Kitzingen, Dienstag, 20. Juni 2017
Wie Yoga unser Leben bereichern kann – und uns reifen lässt.
Yoga ist viel mehr als tief atmen, meditieren und Mantras aufsagen. Yoga ist eine Lebensphilosophie und Lebenshilfe. Kaum einer weiß das so gut wie Holger Seel. Der gelernte Fotograf praktiziert seit 21 Jahren Yoga und hat vor zehn Jahren seine Ausbildung zum Yoga-Lehrer abgeschlossen. Mit der Yoga-Suite in Kitzingen hat er schließlich endgültig seine Passion zum Beruf gemacht. Er ist davon überzeugt: Yoga kann heilen.
Der heutige 21. Juni ist nicht nur kalendarischer Sommeranfang, sondern auch Welttag des Yogas. Kursangebote gibt es mittlerweile auch in der westlichen Welt mehr als genug: Mutter-Kinder-Yoga, Schwangeren-Yoga. Es gibt Klangyoga, Hormonyoga und viele andere – manchmal exotische – Abwandlungen. „Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten“, weiß der 40-Jährige. Letztlich gehe es bei den „integralen Kursen“, die sich nicht nur alleine auf den sportlichen Effekt konzentrieren, immer um das Gleiche: „Den eigenen Körper wieder zu spüren, um sich innerer Vorgänge bewusst zu werden, damit die Energie wieder fließen kann. Damit auch die körperlichen Systeme Ausgleich finden“.
90 Minuten dauert eine Yogastunde in der Regel bei Holger Seel. Sie läuft immer ähnlich ab: Ankommen, hinlegen, beide Hände auf die Brust legen und die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Vereinfacht ausgedrückt, stoßen an diesem Punkt im Brustbereich die Bahnen des Verstandes, des Herzens und der Intuition zusammen. „Hier kann eine Verbindung zwischen diesen Elementen hergestellt werden“, sagt Seel. Leicht sei das gerade für viele Neueinsteiger nicht. „Ihre Gedanken fliegen noch.“
Viele Menschen hätten im Laufe ihres Lebens gelernt, die Triebe und Sehnsüchte zu vergraben. Die Folge: Funktionierende Erwachsene, die den Alltag äußerst erfolgreich und konditioniert leben, sind in bestimmten emotionalen Bereichen immer noch auf dem Reifestand eines Kindes. Seel sieht seine Aufgabe darin, Ruhe, Frieden und Klarheit zu fördern. Er möchte den Weg zu einem selbstverantwortlichen Menschen weisen. Einen Menschen, der den „bewussten Umgang aller seiner Lebensinhalte anstrebt.“
„Jedes Gefühl darf da sein“, betont der Yoga-Lehrer. Ärger, Wut, Angst, Trauer, aber auch Freude dürfen und sollten wahrgenommen werden, wenn die Kursstunde losgeht. „Sie bedeutet für viele die allererste Entlastung nach dem Alltagsgeschehen.“ Dann wird es für den Verstand ein wenig kompliziert: Der Praktizierende übernimmt idealerweise die Rolle des eigenen Beobachters. „So können Intuition und Kopf besser getrennt voneinander wahrgenommen werden, denn nur so finden wir die Lösungsansätze für alte, belastende Prägungen im Unterbewusstsein“, erklärt der Yogalehrer.
„Das betrifft ja schon unser Schulsystem“, kritisiert Seel. Die Lerninhalte für Kinder sind bis auf wenige Ausnahmen rein logisch orientiert und sollen den Verstand (das Großhirn) trainieren. Bewegung, frische Luft und Empathie kämen zu kurz. „Und wann wird dem Schüler schon der richtige Umgang mit all den Emotionen gelehrt?“ So seien wir als Erwachsene noch gefordert, in diesen Dingen nachzureifen.
Die Auswirkungen können unter Umständen sehr stark werden. Angststörungen und andere psychische Leiden sowie psychosomatische Erkrankungen seien oft die Folge. Letztendlich könne sich das stressbedingte Verhalten überall im Körper ausdrücken – und irgendwann auch krank machen.