Raus aus der Opferrolle
Autor: Daniela Röllinger
Iphofen, Dienstag, 19. November 2019
Mit der richtigen Denkweise ans Ziel: Sebastian Wächter will helfen, die Barrieren im Kopf zu überwinden
Sebastian Wächter sitzt oben auf der Bühne, in seinem Rollstuhl. Direkt neben ihm ein Plakat, auf dem eine Frau einen Luftsprung macht. Symbol für pure Lebensenergie. Ein Widerspruch nur auf den ersten Blick, wie die Besucherinnen des vlf-Frauentages in Iphofen beim Vortrag des 30-Jährigen schnell merkten. Denn oft sind es nicht in erster Linie die äußerlichen Umstände, die dem eigenen Lebensglück im Weg stehen. Es sind die Barrieren im Kopf.
Ein 18-Jähriger macht einen Ausflug mit seinem Bruder. Sie springen über einen Bach. Der Bruder kommt wohlbehalten auf der anderen Seite an. Der 18-Jährige bleibt an einer Wurzel hängen, fällt in den Bach. Es ist der Moment, der das Leben von Sebastian Wächter verändert. Sein Bruder zieht ihn aus dem kalten Wasser, rettet ihn vor dem Ertrinken. Die Rettungskräfte kommen, kümmern sich um ihn. Doch er hat sich den 5. Halswirbel gebrochen, 95 Prozent seiner Muskeln sind gelähmt.
Es herrscht Stille in der Karl-Knauf-Halle, als Sebastian Wächter den schicksalshaften Tag wieder aufleben lässt. Und basses Erstaunen, als er wenige Sekunden später einen Film einspielt, auf dem ein Rollstuhl-Rugby-Team über den Platz rast, die Rollstühle aufeinanderknallen, der eine oder andere aus dem Gefährt purzelt. Wächter kennt dieses Erstaunen: „Rugby passt nicht in die Vorstellung, die ein Fußgänger hat, wenn er mich das erste Mal sieht.“
Worauf liegt der Fokus?
Fußgänger, so nennt der Rollstuhlfahrer diejenigen, die auf ihren Beinen durchs Leben gehen. Was aber nicht bedeutet, dass diese Fußgänger barrierefrei leben würden. Sie haben viele Barrieren, vor allem in ihrem Kopf. Ihr Denken hält sie davon ab, etwas in ihrem Leben zu ändern.
„Was ist dir passiert?“, fragen Fußgänger meist, wenn sie auf Sebastian Wächter treffen. Die Rugby-Kollegen haben einen anderen Blickwinkel: „Was kannst du noch?“, lautet deren Frage. „Wo liegt Euer Fokus?“, fragte der 30-Jährige die Besucher des Frauentages, und provozierte zugleich ein bisschen, den mal zu ändern: Ob sie sich in der Opferrolle sähen, wollte er wissen. Schließlich werde in der Landwirtschaft ja gerne gejammert. „Einem Landwirt, der nicht jammert, dem geht es nicht gut“, sagte er mit einem Grinsen. Er wisse das sehr wohl, schließlich stamme er aus einem landwirtschaftlichen Betrieb.
Sebastian Wächter fordert dazu auf, nach vorn zu schauen und nicht zurück. In der Vergangenheit zu leben, bringt einen nicht voran. Seinen Unfall kann er nicht rückgängig machen. Er ist nun mal gelähmt. Aber er hat sich nicht damit abgefunden, was die Ärzte ihm nach dem Unfall gesagt haben: Dass er nie ein selbstständiges Leben führen könne. Sieben Jahre später und nach langem, hartem Training konnte er das eben doch. Er hat sein Abitur nachgemacht, studierte Wirtschaftsmathematik und machte ein Auslandssemester in den USA. Er arbeitete als Portfoliomanager in einer Bank, hat sich inzwischen als Coach selbstständig gemacht, sein eigenes Unternehmen gegründet – die Barrierefrei im Kopf UG. Er schaffte es zum Rugby-Bundesligaspieler, gewann im Juli den European Speaker Award. Er kann sich selbst anziehen und alleine versorgen. Drei bis vier Stunden Zeit kostet ihn die Behinderung am Tag sagt er, alleine 40 Minuten braucht er zum Anziehen. Dafür aber kann er selbstständig leben, entscheiden, was er anzieht, was er kocht, wohin er geht. „Ich kann machen, was ich will, wann ich es will.“
„Next play“ heißt es im Rugby, wenn etwas schief läuft. Da wird nicht lange an den Fehler gedacht, der passiert ist, da geht es um die nächste Chance. „Wo schauen Sie hin?“, wollte er von den Frauen wissen. Er erlebe immer häufiger, dass sich die Menschen in Gedanken verlieren, in der Vergangenheit, die sie nicht mehr beeinflussen können. „Kaum jemand ist in der Gegenwart.“