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Maskerade – wem hilft sie (nicht)?


Autor: Diana Fuchs

Kitzingen, Freitag, 24. April 2020

Florian Neumann ist derzeit sehr gefragt. Der Hygiene-Experte klärt auf über Sinn und Unsinn der bevorstehenden Maskenpflicht.
Florian Neumann ist ein Fachmann in Sachen Hygiene. Er erklärt, welche Maske in welcher Situation Sinn ergibt – und warum Handschuhe beim Einkaufen keinen sinnvollen Schutz bieten.


Schluss mit der Freiwilligkeit: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat ab der kommenden Woche eine Maskenpflicht in Geschäften, in Bus und Bahn angeordnet. Söder meint ausdrücklich keine medizinischen Masken, sondern einfachen Mund-Nasen-Schutz, etwa auch einen Schal. Was genau der Unterschied ist – und welche Maske wen schützt –, erklärt Florian Neumann. Er arbeitet als ausgebildete Hygiene-Fachkraft in der Klinik Kitzinger Land und ist derzeit beim Thema Ansteckungs-Vermeidung erster Ansprechpartner im Landkreis Kitzingen.

Im Internet kursieren überall Videos und Nähanleitungen für Gesichtsmasken. Als Laie ist man überfordert. Welche Masken sind im Alltag sinnvoll? Welche nicht?

Neumann: Es gibt grundsätzlich drei unterschiedliche Typen von Masken: Die von Ihnen angesprochenen, selbstgenähten oder aus Stoff ausgeschnittenen Exemplare nennt man Community-Masken. Diese dienen lediglich dem Schutz anderer Menschen. Das gilt auch für die zweite Kategorie, die man MNS nennt, Mund-Nasen-Schutz. Die dritte Kategorie sind die Schutzmasken FFP1, FFP2 und FFP3.

Heißt das, ich kann mich bei infizierten Fremden auch dann anstecken, wenn ich eine selbst genähte Maske trage?

Ja. Es ist ganz wichtig zu wissen: Community-Masken sind ein reiner Fremdschutz. Wenn mir jemand Erkranktes gegenübersteht, der den Mindestabstand von anderthalb Metern nicht einhält und Partikel in die Luft hustet, niest oder atmet, schützt mich eine solche Maske nicht ausreichend. Lediglich umgekehrt funktioniert sie: Die Maske hält meine eigenen Luftpartikel in ausreichendem Maß zurück, so dass ich andere Menschen schütze.

Kann auch ganz feiner Stoff keinen Selbstschutz bieten?

Nein, eine Community-Maske kann mir niemals garantieren, dass ich mich nicht infiziere. Kein Stoff ist dafür fein genug. Man kann nur grundsätzlich sagen: Je mehr Lagen eine Maske hat, desto sicherer ist sie. Eine einlagige bietet natürlich weniger Schutz als eine zwei- oder dreilagige – oder eine mit eingenähtem Vlies.

Birgt Söders Maskenerlass dann nicht die Gefahr einer Scheinsicherheit?

Durchaus. Dennoch ergibt es schon Sinn, eine Community-Maske zu verwenden. Man muss ganz einfach wissen: Wenn ich huste, niese oder auch nur spreche, verhindert die Stoffbarriere, dass sich meine Atempartikel in der Luft verbreiten. Aber man kann damit nur andere vor Ansteckung schützen, nicht sich selbst.

Wie ist das bei der zweiten Kategorie, dem MNS, also-Mund-Nasen-Schutz?

Das sind quasi bessere Community-Masken. Sie bestehen aus einem bestimmten Material, haben eine CE-Kennzeichnung und werden nach Europanorm oder nach deutscher Industrienorm hergestellt. Sie sind dreilagig und haben eine Vlieseinlage. Aber auch sie dienen letztlich nur dem Fremdschutz, nicht dem Eigenschutz. Man könnte sie natürlich auch privat tragen, aber eigentlich sind sie für Krankenhäuser und Altenheime gedacht. Da sie rar sind, weil die meisten in China hergestellt werden und es akute Lieferengpässe gibt, ist davon abzuraten, sie privat zu nutzen; in Krankenhäusern und Seniorenheimen werden sie nötiger gebraucht.

Wie ist das mit Schutzmasken?

Die sogenannten FFP-Masken gibt es in drei Schutzstufen: FFP1, -2 und -3. FFP3 filtert am effektivsten und wird dann verwendet, wenn man Patienten absaugt oder intubiert, weil das mit hohem Risiko verbunden ist, dass Partikel aus der erkrankten Lunge entweichen. Laut Robert-Koch-Institut ist die FFP1-Maske nicht geeignet, ihren Träger zu schützen. Das tun nur FFP2 oder FFP3-Masken. Allerdings gibt es einen großen, entscheidenden Unterschied: FFP-Masken gibt es mit und ohne Ausatemventil.

Das heißt?

Durch alle Schutzmasken, vor allem die mit feinen Filtern, fällt das Atmen natürlich schwerer als gewöhnlich. Ein Ausatemventil erleichtert das Luftholen. Allerdings können dadurch Partikel nach außen gelangen. Das heißt also, wenn zum Beispiel ein Arzt unwissentlich infiziert wäre, könnte er andere Menschen anstecken.

Das wäre dann ein Teufelskreis. Wie haben Sie das Problem in der Klinik Kitzinger Land gelöst?

Ich habe für alle Mitarbeiter, die am Patienten arbeiten, FFP2-Masken ohne Ausatemventil angeordnet. Weil das Arbeiten ohne Ausatemventil anstrengender ist, sind die Mitarbeiter dazu angehalten, immer mal wieder nach draußen zu gehen und frische Luft zu tanken.

Haben Sie in der Klinik genügend Masken?

Mittlerweile ja. Vor Wochen hatten wir allerdings massive Probleme. Da haben uns Firmen aus der Umgebung sehr geholfen.

Unternehmen mussten der Klinik helfen?

Ja. Es war tatsächlich so, dass Unternehmen wie Knauf leichter an Schutzkleidung kamen als die Bundesrepublik Deutschland. Unternehmen hatten bessere Karten bei der Bestellung von Schutzkleidung als Kliniken oder Altenheime. Das finde ich sehr schwach, erschreckend und traurig.

Was ist Ihre Schlussfolgerung daraus?

Medizinische Schutzkleidung muss wieder in Deutschland hergestellt werden. Es war ein Versäumnis der Bundesrepublik, sich abhängig von China zu machen. Die Wege im Ernstfall müssen wieder so kurz und einfach werden wie möglich.

Verstehen Sie Menschen, die sich selbst komplett vor allem schützen wollen und die deshalb FFP2- oder FFP3-Masken haben wollen?

Naja, verständlich ist das schon. Aber FFP2- oder FFP3-Masken sind als Privatmann schwer zu bekommen. Eine einzige kostet zum Beispiel bei Ebay-Kleinanzeigen 25 bis 30 Euro. Und sie hält ja nicht allzu lange, sondern nur, bis sie durchfeuchtet ist. So etwas privat zu tragen, ist nur dann sinnvoll, wenn man nahe an Fremde rankommt. Ich habe schon öfter Taxifahrer gesehen, die alleine im Auto sind und mit Mundschutz rumfahren; dies ist jedoch nicht nötig.

Wie gehen Sie selbst aus dem Haus, beispielsweise zum Einkaufen?

Ohne Handschuhe. Die bringen nicht viel. Schließlich ist es egal, ob man sich mit den bloßen Fingern oder mit dem Handschuh ins Gesicht fasst. Viel wichtiger ist es, die normale Hygiene-Etikette einzuhalten: eineinhalb bis zwei Meter Abstand zu anderen Menschen halten, zuhause gründlich Hände waschen, nicht einfach „grade heraus“ niesen oder husten, sondern nach unten oder in die Ellbeuge, sich nicht ständig ins Gesicht fassen – laut Studien machen manche Menschen das unbewusst bis zu 1000mal am Tag. Und wenn mir eine Person im Nacken klebt, dann spreche ich sie durchaus an und bitte um mehr Abstand.

Was halten Sie persönlich von der Maskenpflicht?

Generell finde ich es schon interessant, das Thema neu zu überdenken. In China zum Beispiel ist es längst alltäglich, dass man, wenn man krank ist, einen Mundschutz trägt – aus Nächstenliebe, zum Fremdschutz. So denkt man bei uns in Europa nicht oder noch nicht. Dabei hat das schon etwas für sich: Man trägt nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern für alle, denen man begegnet.