Sie könnten Ihren Partner mitunter an die Wand klatschen? Keine Sorge: Sie sind in guter Gesellschaft. Hermann Nickel, der viel Erfahrung in der Ehe- und Lebensberatung hat, berichtet angesichts des anstehenden Valentinstags (14. Februar) Erstaunliches – über die Bedeutung körperlicher Nähe, getrennte Schlafzimmer und die letzten Geheimnisse in der Partnerschaft.

Frage: Wie viele Ehepartner bleiben zusammen, „bis dass der Tod sie scheidet“?

Hermann Nickel: Etwa 40 Prozent. Wobei die Tendenz leicht steigt. Es gibt also offenbar den Trend, die Partnerschaft zu erhalten.

Trotzdem: Die Mehrheit der Menschen wird im Laufe der Zeit mit dem Partner unglücklich. Ist das Schicksal? Oder machen all diese Leute vermeidbare Fehler?

Nickel: Es gibt unvorhersehbare, plötzliche Schicksalsschläge, mit denen einer der Partner nicht zurecht kommt und die ein weiteres Zusammenleben unmöglich machen – schwere Krankheiten, Unfälle und so weiter. Nicht jeder schafft es, einen unvorhergesehenen Weg mitzugehen. Das muss man respektieren. Häufiger ist es aber so, dass sich die Partner im Laufe der Zeit langsam voneinander entfernen, nicht nur körperlich, auch seelisch. Das ist ein längerer Prozess. Ein Prozess, den man stoppen oder umkehren kann, wenn beide aktiv etwas dafür tun.

Ältere Paare sagen oft, Humor und Geduld seien ganz wichtig. In der ersten Zeit der Partnerschaft findet man aber oft andere Werte viel wichtiger…

Nickel: Genau. Im Laufe der Zeit ändert sich die Definition von Liebe und Partnerschaft – und leider nicht immer bei beiden Partnern zugleich. Nach der ersten Phase des Verliebtseins mit viel körperlicher Nähe folgt eine konfliktreiche Zeit, in der es um Hausbau oder Umzug in eine größere Wohnung geht, um die Kindererziehung und oft auch eine berufliche Neuorientierung. Über all dem vergessen Paare, dass man jede Partnerschaft pflegen muss. Sonst schläft sie ein.

Apropos einschlafen: Es gibt Zeiten, in denen Job und Kinder so stressig sind, dass man abends Glück hat, wenn man?s noch ins eigene Bett schafft, bevor man im Land der Träume versinkt. Energie für schöne Stunden zu zweit? Fehlanzeige…

Nickel: So ist das, ja. Aber es hilft nichts: Man muss lernen, sich auch in stressigen Phasen immer wieder dem Partner bewusst zuzuwenden, vielleicht ein bisschen „Love-Talk“ zu halten, ein liebevolles Gespräch. Und man legt sich halt abends vorm Fernseher nicht auf die andere Seite der Couch, sondern kuschelt sich trotz der eigenen Müdigkeit an den Partner.

Kommt es denn immer nur auf körperliche Nähe an?

Nickel: Körperliche und seelische Nähe sind eng miteinander verbunden. Wenn man den anderen körperlich nicht mehr spürt, entfernt man sich auch geistig von ihm. Und dann kommt noch dazu, dass Männer – das ist statistisch belegt – durchschnittlich mehr sexuelle Begierde empfinden als Frauen. Das ist natürlich von Paar zu Paar verschieden. Aber ein häufiger Konflikt entsteht dadurch, dass er will und sie nicht…

Und was dann?

Nickel: Wichtig ist, dass man lernt, ein „Nein“ nicht als persönliche Abfuhr zu sehen, sondern es zu akzeptieren – ohne beleidigt zu sein oder zu schmollen. Beide Seiten sollten Respekt vor dem Partner und seiner aktuellen Situation haben! Dazu braucht es soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit.

Sie würden also niemandem raten, dem Partner zuliebe halt doch „zu wollen“, obwohl man eigentlich todmüde ist?

Nickel: sollte immer ehrlich sagen, was man will. Seine Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, ist das A und O jeder Beziehung. Ebenso wichtig ist aber, nicht darauf zu bestehen, dass diese sofort und auf der Stelle erfüllt werden. Paarbeziehung ist ein lebenslanges Spiel, in dem es nach der ersten Frischverliebtseins-Phase viele weitere Spielzüge gibt. Wichtig ist, immer wieder Zugang zum anderen zu suchen. Umgekehrt heißt das: Sich selbst zu öffnen, seine Gedanken und Gefühle zu teilen, ist ein ganz entscheidender Punkt, damit eine Beziehung gelingt.

Wann ist eine Partnerschaft nicht mehr zu retten?

Nickel: Generell ist es ein schlechtes Zeichen, wenn immer wieder Schuldzuweisungen kommen oder Sprüche wie „Du bist nicht anders als deine Mutter!“ Wenn man den Partner fortlaufend in einem schlechten Licht sieht oder immer schlechte Taten von früher herauskramt – etwa weil er oder sie einen Seitensprung einfach nicht verzeihen kann –, dann hilft manchmal nur noch die Trennung.

Muss es gleich „für immer“ sein oder hilft manchmal eine „Trennung auf Zeit“?

Nickel: Oft ist eine Trennung auf Zeit erstmal sinnvoll. Diese kann zu weiterer Entfremdung führen – oder aber auch dazu, den anderen in einem neuen, schöneren Licht zu sehen. Übrigens gilt auch in funktionierenden Partnerschaften: Manchmal ist ein bisschen Abstand ganz gut…

Getrennte Schlafzimmer?

Nickel: Auch hier liegen Chance und Gefahr eng beieinander. Grundsätzlich sehe ich getrennte Schlafzimmer eher positiv: Es kann durchaus reizvoll sein, den Partner mal einzuladen oder zu ihm ins Schlafzimmer eingeladen zu werden…

Gerade im Lockdown ist das Verhältnis von Nähe und Distanz zum Partner ohnehin oft gestört…

Nickel: Corona weckt alte Verhaltensmuster. Im Home-Office sind es verstärkt die Frauen, die einen Teil ihrer sonstigen Selbstständigkeit aufgeben und sich neben dem Job ums Homeschooling kümmern, Essen kochen, bügeln, waschen… Das birgt durchaus die Gefahr, unzufrieden zu werden.

Ist der Valentinstag ein guter Anlass, miteinander über all das zu sprechen?

Nickel: Klar – jeder Tag, an dem wir miteinander sprechen, ist ein guter Tag! Wie sehr man den Partner liebt und begehrt, sieht man daran, ob und wie man ihn betrachtet. Es gibt den schönen Spruch: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Der Valentinstag ist ein guter Anlass, den Partner mit Liebe und Verständnis anzugucken.

Und was machen Singles an Valentin?

Nickel: Egal, ob für Singles oder Paare: Der Fantasie sind doch keine Grenzen gesetzt! Wenn eh schon alles anders ist als in normalen Jahren, dann kann man es sich doch auf ganz neue Art schön machen. Vielleicht gönnt man sich einen Wellnesstag im eigenen Bad, bestellt sich tolles Essen oder lädt einen netten Menschen zum Winterpicknick ein…

Für alle unfreiwilligen Singles ist die Corona-Zeit besonders doof. Sie können höchstens online Kontakte knüpfen. Aber geht das nicht oft schief?

Nickel: Das sehe ich nicht. Im Gegenteil: Online-Dating ist eine gute Chance, jemanden kennenzulernen, der gut zu einem passt – wenn man eine seriöse Plattform wählt. Ich mache seit Jahren die Erfahrung, dass gerade für ältere Menschen die Möglichkeiten des Internets immer wichtiger werden.

Nach Jahrzehnten Arbeit im Ehe-TÜV: Kennen Sie das Geheimnis der Liebe?

Nickel: (lacht) Grundsätzlich besteht man den Ehe-TÜV, wenn man als Paar zusammen schöne Zukunftspläne schmieden kann. Das Geheimnis der Liebe ist das Geheimnis des Lebens! Man kann immer noch etwas Neues am Partner entdecken, auch nach Jahrzehnten. Wenn die Liebe kein Geheimnis mehr bleibt, dann haben wir verloren.

Was haben Sie selbst für den Valentinstag geplant?

Nickel: Vielleicht schreibe ich meiner Frau wieder mal einen Brief – wir schreiben uns öfter gegenseitig „Wonne-Worte“. Oder vielleicht machen wir es wie an Weihnachten und setzen uns nach einer langen Wanderung mit einer Kanne heißem Tee an unseren Lieblingsplatz im Wald. Oder was ganz Anderes. Wie gesagt: Man muss nicht alle Geheimnisse verraten.

Zur Person

Pastoralreferent Hermann Nickel wuchs in Bad Neustadt in der Rhön auf, studierte in Würzburg und Eichstätt Theologie und absolvierte dann die Ausbildung zum Ehe-, Familien- und Lebensberater. Er steht Menschen aller religiösen und sexuellen Orientierungen zur Seite. Seit 1996 leitet er die Außenstelle Kitzingen der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Diözese Würzburg. Im Juli wird der 65-Jährige in den Ruhestand gehen. Nickel ist verheiratet, hat drei Kinder und drei Enkel. FOTO: DIANA FUCHS