Kitzingen Die Intensivmediziner schlagen Alarm. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Klingt bekannt? Ist es auch. Klinik-Vorstand Thilo Penzhorn und Chefarzt Dr. Volker Fackeldey kommen sich deshalb auch vor, als wären sie im falschen Film. Sie erwarten schnelle und konsequente Maßnahmen und rufen die Bevölkerung auf, wachsam zu bleiben und sich impfen zu lassen.

Frage: Wie viele Covid-19-Patienten werden in der Klinik Kitzinger Land derzeit behandelt?

Thilo Penzhorn: Zwölf Patienten, davon sind zwei auf Intensiv. Tendenz steigend.

Sinkt das Alter der Patienten?

Dr. Volker Fackeldey: Absolut. Seit einigen Wochen beobachten wir dieses Phänomen. Die Menschen über 80 Jahre sind größtenteils geimpft, jetzt haben wir vor allem Patienten zwischen 40 und 70 Jahren bei uns. Einige wenige sind sogar noch jünger.

Wie schwer sind die Verläufe?

Fackeldey: Unterschiedlich. Bei den über 80-Jährigen hatten wir bedauerlicherweise viele Todesfälle zu beklagen. Die jüngeren Patienten haben mehr Energiereserven, bleiben länger auf der Intensivstation. Wir haben einen 60-Jährigen, der vier Wochen lang künstlich beatmet wurde. Jetzt erholt er sich langsam.

Todesfälle?

Fackeldey: In diesem Alter eher selten.

Haben alle jüngeren Patienten auf der Intensivstation Vorerkrankungen?

Fackeldey: Nein, wir behandeln derzeit viele Menschen ohne Vorerkrankungen.

Die Zahl der Betten wird knapp

Warum leiden manche Menschen mehr unter dem Virus?

Fackeldey: Das ist noch nicht abschließend erforscht, es bleibt ein Rest der Unberechenbarkeit des Virus. Es lässt sich im Moment einfach noch nicht sagen, warum der Verlauf bei einem Patienten eher mild und beim anderen eher schwer ist.

Wie werden die derzeit zehn Patienten behandelt, die nicht auf der Intensivstation sind?

Fackeldey: Sie sind auf der Isolierstation untergebracht. Diese Menschen müssen nicht künstlich beatmet werden, brauchen aber eine Sauerstoffbehandlung. Sie werden permanent überwacht.

Sie sind auch Pandemiebeauftragter der Klinik und regelmäßig in Kontakt mit ihren Kollegen von anderen Krankenhäusern. Wie sieht die Situation aktuell in Unterfranken aus?

Fackeldey: Die großen Häuser laufen langsam zu, in Nachbarbezirken müssen Intensivpatienten schon verlegt werden. Auch bei uns wird die Zahl freier Intensivbetten langsam knapp.

Thilo Penzhorn: Diese überregionale Abstimmung macht absolut Sinn. Sie soll die Versorgung von Covid-19-Patienten über den gesamten Bereich Unterfrankens – und wenn nötig darüber hinaus – effektiv und effizient sicherstellen. Wenn beispielsweise in einer Region zu viele Covid-Patienten in einer Klinik auftreten, die dort nicht alle behandelt werden könnten, stehen die anderen Kliniken bereit, diese Patienten aufzunehmen. Hier wird nicht nur geredet, sondern auch gehandelt.

Maßnahmen ergreifen

Wie hoch ist die Auslastung der Intensivbetten in der Klinik Kitzinger Land?

Fackeldey: 90 bis 100 Prozent. Deshalb muss die Politik jetzt handeln. Wir haben keine Zeit mehr für diese ewigen Diskussionen und das Hin und Her.

Welche Entscheidungen erwarten Sie von der Politik?

Thilo Penzhorn: Dass Maßnahmen ergriffen werden, die helfen. Impfen, Lockdown, Shutdown, Testen. Das sind probate Mittel, die – gezielt eingesetzt – sicherlich helfen. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten im föderalen System sind dabei allerdings sehr komplex und wegen der häufigen und schnellen Anpassungen sowie der regional unterschiedlichen Bedingungen manchmal schwierig nachzuvollziehen und umzusetzen.

Brauchen wir einen neuen und harten Lockdown?

Fackeldey: Aus medizinischer Sicht sind dringend schnelle und konsequente Maßnahmen zu fordern. Sonst stehen die Kliniken bald vor unlösbaren Problemen. Wir haben ja nicht nur die Covid-19-Patienten, sondern auch Menschen mit anderen Erkrankungen.

Deren Behandlung lässt sich nicht verschieben?

Fackeldey: Zu uns kommen unter anderem Patienten mit fortgeschrittenen Karzinomen oder anderen schweren Leiden, die sich seit Monaten einfach nicht trauen, einen Arzt aufzusuchen oder in die Klinik zu kommen, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben. Für viele von ihnen wird es kritisch. Wir können nur appellieren, bei Beschwerden den Hausarzt oder uns aufzusuchen, unsere Hygienemaßnahmen sind strikt und werden laufend aktualisiert.

Personal am Limit

Wie geht es dem Personal?

Fackeldey: Gut, dass Sie fragen. Mehr als 9.000 Pflegekräfte haben im Lauf des letzten Jahres deutschlandweit gekündigt. Wir in Kitzingen sind davon zum Glück verschont geblieben. Aber die Kollegen schieben seit einem Jahr Überstunden vor sich her, sind voll ausgelastet. Diese Entwicklung sehen wir mit größter Sorge.

Betrifft das die Ärzte und Pflegekräfte gleichermaßen?

Fackeldey: Auf der ärztlichen Seite sind wir in unserer Klinik verhältnismäßig gut aufgestellt, bei den Pflegekräften haben wir echt ein Problem. Die Kollegen dort sind häufig überlastet, es fehlt Fachpersonal.

Gibt es schon Erfahrungen mit Covid-Langzeitpatienten?

Fackeldey: In meine Sprechstunden kommen vermehrt Patienten, die wir vor einem Jahr wegen Corona behandelt haben. Den meisten geht es ganz gut, aber es gibt auch Menschen, die kaum Kraft haben, um die Treppe hochzukommen.

Welche Langzeitfolgen befürchten Sie?

Fackeldey: Schwer zu sagen, das Thema ist noch nicht gut genug erforscht worden. Aber ich bin sicher: Da wird noch einiges auf uns zukommen.

Was sagen Sie den Corona-Leugnern, die es ja immer noch geben soll?

Fackeldey: Corona ist eine schlimme Krankheit, wer etwas Anderes behauptet, ist ein Zyniker. Ich darf erinnern, dass wir in Deutschland bereits fast 80.000 Tote zu beklagen haben. Ich kann die Bevölkerung nur dazu aufrufen durchzuhalten, die Regeln einzuhalten und sich impfen zu lassen.