Gesucht: Lehrer
Autor: Ralf Dieter
Kitzingen, Donnerstag, 19. Januar 2017
Fachkräftemangel macht nicht vor Schulen halt. Grund- und Mittelschule betroffen
Wir kennen es von Bäckern, von Metzgern, vom Handwerk allgemein. Zu wenig Auszubildende, zu wenig Fachkräfte. Zumindest Letzteres trifft jetzt auch auf ein Berufsfeld zu, das wir bislang nicht mit diesem Thema in Verbindung gebracht hätten. „Wir sind mittendrin im Lehrermangel“, sagt Gerhard Bleß, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes in Unterfranken (ULLV).
Lehrer, die gleichzeitig zwei Klassen unterrichten, in dem sie beispielsweise die Verbindungstür zwischen den Klassenräumen auflassen; Lehrer, die um 8 Uhr in der Früh mit 20 Kindern rechnen und dann 30 oder mehr in der Klasse sitzen haben. Weil ein Kollege krank geworden ist und dessen Schüler auf andere Klassen aufgeteilt wurden. Weil die mobile Reserve, die eigentlich in solchen Fällen einspringen sollte, keine Reserven mehr hat. Alles Realität, wie Bleß versichert.
Während ausgebildete Lehrer an Gymnasien und Realschulen noch immer Warteschleifen einlegen müssen, weil es nicht genug Stellen gibt, suchen Grund-, Mittel- und Förderschulen zum Teil händeringend nach Personal. „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“, sagt Bleß. „Es gibt in diesen Bereichen keine jungen Menschen mehr, die eingestellt werden könnten.“
Im Schulamt Kitzingen ist man sich der Problematik bewusst. Leiter Kurt Krause spricht dennoch von einem „großen Glück.“ Die Nähe zur Universitätsstadt Würzburg mache es möglich, dass in der Regel genug Bewerbungen einlaufen. Dennoch gebe es Lücken – vor allem im Bereich der Mittelschulen. Kollegen, die in Ruhestand gehen, werden nicht selten durch – eigentlich – fachfremde Lehrer ersetzt. Wer Lehramt Gymnasium studiert und keine Anstellung bekommen hat, der kann in einem zweiten Qualifikationsschritt auf Lehramt Mittelschule umschwenken. Eineinhalb Jahre dauert die „Bewährungszeit“, in der die jungen Kollegen aber schon voll unterrichten.
Andreas Liebald, Personalrat des ULLV im Kreis Kitzingen, berichtet von Studenten, die nach ihrem ersten Staatsexamen ins kalte Wasser geworfen werden. Ohne Referendariat, ohne praktische Erfahrungen, werden sie eingesetzt – teils sogar als Klassenleiter. Genaue Zahlen hat Liebald nicht. Er schätzt, dass es im gesamten Schulamtsbereich derzeit fünf solcher Fälle gibt. „Das ist sicher nicht ideal“, sagt er. „Aber immerhin: es funktioniert.“
Sabine Huppmann, BLLV-Kreisvorsitzende, berichtet von einer jungen Kollegin, die Mitte November in Mutterschutz gehen sollte. „Sie hatte eine 1. Klasse, hat dann aber im Mutterschutz weitergearbeitet, weil einfach niemand da war, der die Klasse übernahm.“ Auch Gerhard Bleß werden einzelne Fälle wie der von einer jungen Frau zugetragen, die ihren Master in Biologie gemacht hat und jetzt vor einer Klasse steht. Ohne didaktische Kenntnisse, ohne Referendariat. „Ins eiskalte Wasser geworfen“, kommentiert Bleß. Dass die Qualität des Unterrichtes zunächst darunter leidet, müsse jedem klar sein, selbst wenn diese jungen Kollegen Nachqualifizierungsprogramme absolvieren.
Laut einer Pressemitteilung der Bildungsgewerkschaft GEW haben in Berlin schon jetzt rund 30 Prozent der Lehrer keine passgenaue Ausbildung. „So weit sind wir in Bayern noch lange nicht“, beruhigt Gerhard Bleß. Aber die Tendenz sei beunruhigend. „Auch bei uns ist der Bildungsauftrag mittelfristig gefährdet“, warnt der GEW-Vorsitzende für Unterfranken, Jörg Nellen. Der Staatsregierung – und insbesondere dem Finanzminister – wirft er eine Fehlplanung vor. Die Geburtenzahlen seien bekannt gewesen, dennoch habe es vor sechs Jahren geheißen, dass kein Bedarf zur Aufstockung in Grund- und Mittelschulen herrsche. Diese Fehlplanung habe eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Leiden müssten so sinnvolle Einrichtungen wie die mobile Reserve oder der mobile sonderpädagogische Dienst. Schon an den Universitäten fange das Dilemma an. Befristete Arbeitsverträge für Dozenten seien keine Motivation, gute Leute wandern ab.