Druckartikel: Gelassen läuft's

Gelassen läuft's


Autor: Ralf Dieter

Kitzingen, Dienstag, 17. März 2020

Fest am Fasten: Zur Halbzeit ein Prosit auf die Gesundheit. Coronavirus macht natürlich auch die Mitglieder der Fastenredaktion nachdenklich.
Wenn gar nichts anderes hilft, hilft vielleicht ein Schnaps? Die Redaktion dieser Zeitung hat drei Wochen Fastenzeit hinter sich gebracht und stößt auf unterschiedlich große Erfolge an.


Kitzingen

In diesen Zeiten rückt das Thema Fasten natürlich in den Hintergrund. Wir haben lange überlegt, ob wir die Aktion abbrechen sollen und haben uns letztendlich dagegen entschieden. Unsere Hoffnung: Ein wenig Abwechslung und Aufmunterung tut unseren Lesern gut. Vielleicht können Sie bei den kommenden Zeilen schmunzeln und tun so ganz nebenbei ein bisschen was für Ihre Gesundheit.

Nina Grötsch

(Autofasten): Was ich nach den ersten Wochen ohne Auto feststelle: Ich kaufe weniger ein. Was kein Wunder ist, betrachtet man das Platzangebot in einem Rucksack, einem Fahrradkorb beziehungsweise einem Helmfach. Immer nur das Nötigste. Von Tag zu Tag. Klopapier transportieren wäre aktuell eine besondere Herausforderung – gibt es ja aber eh keines mehr. „Mama, es ist gar nix mehr zu naschen da!“, jammerten kürzlich auch meine Kinder – und blickten mit hängenden Köpfen auf die spärlichen Überbleibsel der Faschingsumzugs-Ausbeute. Da auch der Kühlschrank zu diesem Zeitpunkt schon besser bestückt ausgesehen hatte, führte kein Weg an einem „Großeinkauf“ vorbei. Mit dem Auto – und demnach natürlich auch mit Fahrer. Mein Partner war wenig erfreut. Er gehört zu den Männern, für die Einkaufen ein Graus ist. Leider ist es auch für mich ein Graus, wenn er dabei ist.

Wie ein Kind im Spielzeugladen reichte er mir ständig Dinge aus den Regalen, die kein Mensch braucht. Ich kam mit dem Ausräumen des Einkaufswagens kaum mehr nach. Am Abend waren dennoch alle glücklich. Es rasselten die Chipstüten und ich atmete durch: Morgen mal nicht einkaufen!

Daniela Röllinger

(Fleisch und Überflüssiges): Es ist schwierig. Nicht das Fasten auf Fleisch. Dieser Verzicht fällt mir leicht, das merke ich schon gar nicht mehr. Aber die Entscheidung darüber, was ich diese Woche über meine Fastenziele schreibe – die fällt mir schwer. Die Lage ist ernst, Corona hat das Land im Griff, das öffentliche Leben steht still. Da kommt es mir lächerlich vor, darüber nachzudenken, ob meine Schubladen mal ausgemistet werden müssten und über das Ergebnis in der Zeitung zu berichten. Manch einer würde mir vielleicht vorschlagen, ich solle doch die ganzen Vorsichtsmaßnahmen für überflüssig erklären. Aber darüber kann er mit mir nicht debattieren, denn meiner Ansicht nach sind sie es nicht. Ganz ehrlich: Mir fehlt momentan die Leichtigkeit für flotte Zeilen. Dabei ist gerade das eine Aufgabe, die wir jetzt haben: Trotz des Ernstes der Lage die Leichtigkeit, die Freude nicht zu verlieren. Daran müssen wir arbeiten – und das ist alles andere als überflüssig.

Julia Volkamer

(Fernsehfasten): Ich hatte mich wirklich schon an die Tage ohne Fernseher gewöhnt. Und dann kam Corona. Hausarrest ohne Fernseher, dazu noch fünf Wochen Kindergartenferien – meine Herausforderung nimmt eine ganz neue Qualität an.

Alternativen zu finden war bis dahin nicht schwer. Beim Durchsuchen unseres Kleinkram-Schubfachs kam ein Gutschein für die Therme zum Vorschein. Mit dem „(Tages-)Ticket zur Entspannung“ einfach „alles um sich herum vergessen“? Perfekt, dachte ich. Ob Sprudel, Sole oder Sauna: Dort würde ich keinen Gedanken an Talkshows, Tagesthemen und Topmodels verschwenden. Also packte ich Bikini, Bademantel und Begleitung ein und machte mich auf den Weg. Die Bedenken, die Schwiegermama geäußert hatte („Wollt Ihr wirklich fahren? Nicht dass ihr euch ansteckt!“) wischten wir zu diesem Zeitpunkt noch beiseite und setzten sogar noch eins drauf: Unserem Lieblingsgriechen würden wir auch noch einen Schlemmerbesuch abstatten. Und die Kinder brachten wir ihr zur Übernachtung vorbei.

Ich muss zugeben, dass sich unsere Gefühlslage im Lauf des Restwochenendes veränderte: von unbekümmert und verwundert über sarkastisch und sprachlos hin zu nachdenklich und verunsichert. Die Entscheidung, ob wir einen solchen Ausflug in nächster Zeit wiederholen könnten, wurde uns aber eh abgenommen: Versammlungsverbot, Ausgehverbot, Betreuungsverbot. Und jetzt?

Wie gesagt, Corona verändert alles – auch die Qualität der Challenges. Autofasten? Bei Hausarrest kein Problem. 15 000 Schritte am Tag? Frische Luft stärkt doch bekanntlich das Immunsystem. Verzicht auf Unnützes? Bei leeren Supermarktregalen muss man sich eh auf das Wesentliche beschränken. Apropos beschränken: der Kollege Die. kann bezüglich seiner angeblichen Fasterei eh nicht für voll genommen werden. Wer, außer mir, kann also die alleinige Fastengewinnerin sein?

Ralf Dieter

(Sport und keine Süßigkeiten): Man muss auch gönnen können. In diesen Zeiten noch mehr als sonst. Zwei Mal wurde ich selbsternannter Wochenkönig dieser Aktion. Warum also nicht Kollegin Vo. den Vortritt lassen? Da bricht mir doch keinen Zacken aus der Krone! Zumal ich nach wie vor sehr zufrieden mit meiner Performance bin. Süßigkeiten kenne ich nur noch vom Hörensagen. Schon der Gedanke an einen Schokoriegel riegelt mein Lustzentrum im frontalen Cortex ab. Ich habe so wenig Lust auf Süßes wie früher auf Hausaufgaben. Wenn ich so darüber nachdenke, sind auch die körperlichen Symptome durchaus vergleichbar: leichte Übelkeit, gepaart mit erhöhter Reizbarkeit und der Erkenntnis, dass manche Dinge lieber nicht angepackt werden.

Sportlich hat mich das Coronavirus etwas zurückgeworfen. Der wöchentliche Männersport fällt aus, die Turnhalle ist gesperrt. Jetzt überlege ich intensiv, ob ich zum Joggen gehe – zumal das Wetter besser wird. Das Ergebnis meiner Überlegungen teile ich nächsten Mittwoch mit – dann wieder als Wochenkönig.

Diana Fuchs

(15.000 Schritte täglich und Lügenfasten): Ich liiiiiebe es, wenn der männliche Kollege Überlegungen zum Sporteln anstellt. So süß und so lustig... Ich hab' ihm gesagt, er soll endlich mal ernsthaft in die Gänge kommen. Hab' ihm sogar angeboten, mal meinen „laufenden Schreibtisch“ namens Walkolution auszuprobieren. Aber er wagt sich ja nicht mal in die Nähe des bewegten und bewegenden Arbeitsplatzes. Zumindest für unser Wochenbild – Sie sehen es – hat er den Sicherheitsabstand mal auf unter einen Meter verringert. Nach dem Fotografieren setzte er sich freilich schnellstmöglich wieder auf seinen Schreibtischstuhl, nur ich betätigte für die nächsten Stunden per Beinmuskeln das Laufband unter meinen Bildschirmen.

Zwischen 2.000 und 8.500 Schritte kommen so täglich zusammen – je nachdem, wie oft ich draußen „auf Termin“ bin (derzeit ja leider nicht mehr so häufig) und wie kompliziert meine zu schreibenden Artikel sind. Denn noch immer gilt: Wenn es oben (im Hirn) gut läuft, läuft es unten (in den Beinen) nicht. Und umgekehrt. Daran muss ich noch arbeiten. Vorerst bleibe ich gelassen und tu einfach, was ich kann – an den allermeisten Tagen schaffe ich die 15.000, weil ich abends noch fleißig durch die Gegend laufe (Danke an alle, die sich schon erbarmt haben und 'ne Runde mitgelaufen sind). Mein Ziel für die nächsten Wochen: Egal, was kommt, ich bleib' gelassen und lauf' weiter.