Vor elf Monaten war ihr Leben noch ganz anders. Romana Hofmann lebte unbeschwert, befreit. Die Arbeit war lange nicht so anstrengend wie heute, der Spaziergang mit dem Hund eine Lust und keine Last. Die 33-jährige Krankenschwester an der Klinik Kitzinger Land hat Long Covid. Sie ist eine von tausenden Patienten in ganz Deutschland.

„Ich hätte nie gedacht, dass es mir einmal so gehen könnte“, sagt die junge Frau. Seit Monaten fühlt sie sich kraftlos, nach einem Arbeitstag geht nicht mehr viel. „Dann muss ich mich erst einmal hinlegen.“ Sie kann sich nicht mehr so gut konzentrieren wie früher und ihr Immunsystem hat gelitten. „Ich werde schneller krank und muss mich vermehrt abmelden von der Arbeit“, erzählt sie. Es gibt Tage, an denen möchte sie nur noch schlafen – und wenn sie Treppen steigt, dann schnauft sie „wie eine alte Großmutter.“

Die Symptome verstärken sich

Im Januar dieses Jahres ist Ramona Hofmann positiv auf Corona getestet worden. Ein paar Fälle hat es auf ihrer Station in der Klinik gegeben. „Da hatte ich schon ein komisches Gefühl“, erinnert sie sich. Kopfweh und Übelkeit verstärkten die Vorahnung. Als der Schnelltest positiv anschlug, wurde gleich ein PCR-Test durchgeführt. Ramona Hofmann war schon zuhause, als die Nachricht kam: positiv, 14 Tage Quarantäne. Die Symptome verstärkten sich. „Ich wollte nur noch schlafen.“ Nach zehn Tagen waren Geschmack- und Geruchssinn vollständig weg. „Damit habe ich heute noch Probleme“, erzählt die 33-Jährige.

Seit elf Jahren arbeitet Ramona Hofmann als Krankenschwester. Ein schöner, wenn auch fordernder Beruf. Gerade in Zeiten von Corona. Maske tragen, Hände desinfizieren, aufpassen, dass man sich und andere nicht ansteckt. Gleichzeitig arbeiten die Schwestern mit Menschen. „Da lassen sich enge Kontakte gar nicht immer vermeiden.“ Ramona Hofmann ist klar, dass sie sich an ihrem Arbeitsplatz angesteckt hat. Die Frage ist nur, wie sie wieder vollständig genesen kann.

Viele Besuche bei Ärzten

Von Januar bis Juni war sie daheim. Sechs Monate lang war sie zu schwach, um wieder arbeiten zu können. Mehrere Male war sie beim Hausarzt, sie ging zum Kardiologen und zum Pneumologen. „Ich war noch nie bei so vielen Ärzten wie in dieser Zeit“, sagt sie und lächelt. Die Diagnose war schnell gestellt: Long Covid. Eine schnelle Lösung gibt es nicht, ein Allheilmittel ist nicht gefunden. Der Ratschlag lautete bei allen Medizinern gleich: Ramona Hofmann braucht vor allem eines, Geduld. Die geht ihr aber langsam verloren.

Noch immer ist sie kaum belastbar, noch immer geht ihr die Puste aus, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht. Manchmal hat ihr Herz kleine Aussetzer, dann erschrickt die junge Frau jedes Mal aufs Neue, obwohl sie weiß, dass ihr Herz-Kreislauf-System in Ordnung ist. Im Sommer war sie ein paar Tage an der Nordsee. „Das hat richtig gut getan.“ Bei der Arbeit hat ihr im Sommer die veränderte Maskenpflicht geholfen. Jetzt herrscht wieder eine FFP2-Pflicht. „Das macht es für mich nicht einfacher.“

Arbeitszeit reduziert

Die 33-Jährige ist nicht die einzige Patientin mit Long Covid in der Klinik. Sie kennt einen jungen Mann, Anfang 20, dem es ähnlich schlecht geht wie ihr selbst. „Der hat früher Fußball gespielt und ist jetzt genauso kurzatmig wie ich“, sagt sie und staunt immer noch, dass Covid auch bei jungen Menschen ohne Vorerkrankung solche langfristigen Auswirkungen haben kann.

Auf 85 Prozent hat Ramona Hofmann ihre Arbeitszeit reduziert. „Vollzeit wäre gar nicht mehr möglich.“ Es kommt vor, dass sie sich während einer Schicht mal ein paar kleine Pausen gönnen muss. „Zum Glück haben meine Kollegen alle Verständnis für meine Situation“, freut sie sich. Die Freunde und die Familie sind ebenfalls für sie da. Dennoch geht so eine Krankheit nicht ganz spurlos an der Psyche vorbei. „Eine gewisse Unsicherheit ist ständig da“, bekennt die 33-Jährige. Wie lange dauert es noch, bis die Gesundheit wiederhergestellt ist? Wird sie wieder Sport treiben können wie früher? Wird sie ihr altes Leben wieder führen können?

Am liebsten würde sie eine Reha machen, ein paar Wochen nur an ihrer Gesundung arbeiten. „Das würde mir sicher gut tun“, sagt sie. Nur: Die Berufsgenossenschaft hat ihrem Antrag nicht zugestimmt. „Angeblich sind meine Symptome nicht schlimm genug.“

Appell an die Mitbürger

Die aktuellen Entwicklungen im Land beobachtet die Krankenschwester mittlerweile aus ganz anderen Augen. Im Januar, als sie sich angesteckt hat, war sie noch nicht geimpft. Die Impfkampagne startete erst. „Vielleicht wäre es mit einer Impfung ganz anders ausgegangen“, sagt sie. Jeder könne seinen Beitrag leisten, um das Virus aufzuhalten. Bilder wie vom Faschingsauftakt in Köln verstören sie immens. „Ich wünsche mir, dass sich die Leute an die bestehenden Regeln halten“, sagt sie. „Wenn wir nicht alle zusammenhalten, kann es auch keine Lösung geben.“

Long Covid

Da COVID-19 als Krankheitsbild erst seit etwas mehr als einem Jahr bekannt ist, sind die Ursachen von COVID-19-Langzeitfolgen, das Risikoprofil der Betroffenen und die unterschiedlichen Symptomkomplexe und Krankheitsverläufe noch nicht vollständig erforscht. Es ist aktuell noch nicht möglich sicher abzuschätzen, wie lange längerfristige Auswirkungen von COVID-19 andauern können, wie gut sie therapierbar sind und wie groß der Anteil der Betroffenen ist, der bleibende Auswirkungen mit sich tragen wird. Besonders über die gesundheitlichen Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen ist noch wenig bekannt.

Unterschiedliche Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Schätzungen für den Anteil der COVID-19 Erkrankten, die an langfristigen Auswirkungen der Krankheit leiden. Der tatsächliche Anteil kann noch nicht verlässlich geschätzt werden. Quelle: RKI