Ein 500 Jahre alter Wald-Eid
Autor: Diana Fuchs
Iphofen, Dienstag, 03. November 2020
Dem Eigensinn ihrer Vorfahren haben die Iphöfer ein besonderes Recht zu verdanken. Die Altstadtbewohner freuen sich schon aufs „Laubenziehen“ am Donnerstag.
Was haben alteingesessene Altstadtbürger und ein Wahl-Iphöfer aus „Bella Italia“ gemeinsam? Sie haben, salopp gesagt, immer Holz vor der Hütt'n. Seriös ausgedrückt: Sie haben das Recht, im Stadtwald Brennholz zu machen, Jahr für Jahr. Zu verdanken haben sie das einer 500 Jahre alten Tradition, einem historischen Förster-Eid – und der Sturheit der alten Iphöfer.
Einmal im Jahr, immer um Martini herum, spielen sich in der Altstadt sowie im Stadtwald Iphofen spannende Szenen ab. Erst zieht eine Schar Männer mit einer 3,65 Meter langen Stange durch den Wald, bringt Markierungen an und schätzt Holzmengen. Dann lädt der Stadtförster zum „Laubenziehen“ ein. Mitnichten geht es darum, irgendwelche lauschigen Gartenhäuschen zu verlosen. „Lauben“, das sind in Iphofen Waldparzellen.
Eine Laube ist genau 66 Quadrat-ruthen (900 Quadratmeter) groß, so ist es im „Ratsbuch“ festgelegt. Ein Holzausgeber-Eid von 1520 mahnt die gerechte Holzverteilung an. „Förster-Eydt im Walde“ heißt die Überschrift einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1520, die beschreibt, welche Arbeiten der Förster zu tun hat – und dass er „dem Gemeinwohl verpflichtet“ ist. Das Dokument ist ein früher Beleg für die Mittelwaldwirtschaft, die in Iphofen demnach mindestens ein halbes Jahrtausend alt ist und dafür sorgte, dass alle Bürger stets Brenn- und bei Bedarf auch Bauholz zur Verfügung hatten.
„Der Schatz der Stadt Iphofen“
Der Förster-Eid von 1520 wurde im gleichen Jahrhundert noch zweimal ergänzt: durch eine Förster- und eine Waldordnung. Darin findet sich die blumige Formulierung, dass der Wald „als das vornehmste Kleinod und als Schatz der Stadt Iphofen“ besonders gehegt und gepflegt werden solle, „damit die Nachfahren nicht mit weniger Vorlieb nehmen müssen“. Es folgt ein Appell, ähnlich zu handeln wie die Vorfahren.
Stadtförster Rainer Fell übersetzt das in die heutige Zeit: „Wir sagen Nachhaltigkeit dazu. Diesem Ideal folgen wir noch immer.“
500 Jahre Förster-Eid: Eigentlich hatten Fell und sein Team heuer richtig schön feiern wollen. Wegen Corona fallen große Festlichkeiten zwar aus, die Tradition an sich aber wird, wie jedes Jahr, vollzogen. Mittendrin der Wahl-Iphöfer Giovanni Lucia. Er hat mit seiner Frau Julia, einer Iphöferin, ein altes Anwesen in der Innenstadt liebevoll renoviert. Als Besitzer der Immobilie sind die Lucias damit automatisch Holzrechtler. Denn: Mit jedem Anwesen, jeder „Hofstelle“ in der Altstadt, ist grundsätzlich ein altes Holzrecht verknüpft. 163 Rechte sind aktuell im Grundbuch vermerkt. Die Rechtler führen die historische Mittelwaldwirtschaft weiter.
Mittelwald besteht aus zwei Baumschichten: dem Oberholz, das alt werden darf, und dem Unterholz, das etwa alle 30 Jahre flächig als Brennholz geerntet wird. Das läuft so: Jedes Jahr weist der Stadtförster etwa zehn Hektar Stadtwald als aktuelle Laubenfläche aus – das ist rund ein Dreißigstel der Gesamtfläche des Iphöfer Mittelwaldes. Im 30-jährigen Turnus wird so jedes Waldstück einmal genutzt. „An sich ist das ein artenreicher Lebensraum und eine nachhaltige Form der Bewirtschaftung, wenn man sich darum kümmert, dass die Verjüngung gut funktioniert“, stellt Fell klar, „auch wenn man sich als Förster anfangs erst mal daran gewöhnen muss, dass die Lauben ziemlich licht geworden sind, wenn die Rechtler durch sind.“