Druckartikel: Die unterschätzte Gefahr

Die unterschätzte Gefahr


Autor: Ralf Dieter

Kitzingen, Mittwoch, 07. Dezember 2016

Osteoporose ist nicht heilbar. Eine rechtzeitige Erkennung kann trotzdem helfen.
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Sie zählt zu den zehn häufigsten Erkrankungen. Etwa sieben Millionen Menschen sind alleine in Deutschland betroffen. Weltweit sind es rund 200 Millionen. Und dennoch: Die Osteoporose ist in der Öffentlichkeit ein kaum diskutiertes Thema. Barbara Ettinger und Hannelore Eger wollen das ändern.

Jeden Donnerstagabend treffen sich Mitglieder der Osteoporose-Selbsthilfegruppe Kitzingen in der St. Martin-Schule. Bewegung steht auf dem Trainingsplan. Muskelstärkung, Koordination, Schulung des Gleichgewichtes. „Vor zwei Jahren waren wir zu zwölft“, erinnert sich Gruppenleiterin Hannelore Eger. „Jetzt sind wir schon 50.“

Es sind vor allem Frauen ab 60 Jahre, die von der Osteoporose – einer Erkrankung des Knochenstoffwechsels – betroffen sind. Auf 90 Prozent schätzt Barbara Ettinger ihren Anteil. „Männer holen aber auf“, sagt sie. Ettinger hat ihren Befund während einer Reha bekommen. Sechs Jahre ist das jetzt her. Verwundert hat sie das im Rückblick nicht. „Meine vier Schwestern haben auch alle Osteoporose“, erklärt sie. Ans Arbeiten war nicht mehr zu denken. Ettinger hat gleich Rente beantragt. „Ich habe fast durchgehend Schmerzen in den Muskeln und Gelenken“, sagt sie. Außerdem muss sie immer achtsam sein. Schon bei schnellen Drehbewegungen kann es zu Knochenbrüchen kommen, schweres Heben geht gar nicht mehr. Und Stürze muss sie auf jeden Fall vermeiden. „Sonst ist der Knochen durch.“

Die Ursachen für die Krankheit sind mittlerweile grundlegend erforscht. Oft spielen die Gene eine Rolle. „Mein Vater hatte Glasknochen“, erzählt Hannelore Eger. Sie hat sich gerade noch rechtzeitig in ärztliche Behandlung begeben, hat ihre Knochendichte messen lassen. Elf Jahre ist das her. „Seither befinde ich mich in einem Vorstadium der Osteoporose“, erklärt sie. Dank etlicher Maßnahmen hält sie die Krankheit einigermaßen im Zaum. Eger: „Man kann vorbeugend ganz schön viel tun.“

Bewegung, frische Luft, Ernährung: Drei Stichworte, die von allen Osteoporose-Patienten ernst genommen werden sollten. „Bis zum 30. Lebensjahr bauen sich die Knochen auf“, erklärt Ettinger. Je dicker sie werden, desto besser. Deshalb gilt: Sport treiben und den Calcium-Gehalt bei der Ernährung im Blick haben. Milch, Käse, Brokkoli: Alles Lebensmittel, die viel gesünder sind als die Calcium-Tabletten, die es im Handel gibt.

An Schulen sorgen die Mitglieder der Kitzinger Selbsthilfegruppe seit kurzem für Aufklärung, zeigen ein Video und Comic, bereiten ein gesundes Frühstück vor. „Wir müssen früh auf die Gefahren aufmerksam machen“, betont Ettinger. Die Lebenswelt von Kindern habe sich schließlich verändert. Viel Zeit wird vor dem PC oder am Smartphone verbracht. Das Risiko, im Alter an Osteoporose zu erkranken, ist damit gestiegen. „Das Sitzen ist für mich das neue Rauchen“, sagt sie.

Schädlich für die Knochen ist zudem die Behandlung von Darm- oder anderen Krankheiten mit Cortison. „Viele junge Leute sind deshalb gefährdet“, warnt Ettinger, die als Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes Osteoporose nicht nur für eine wirksamere Öffentlichkeitsarbeit kämpft, sondern auch für eine Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen. Viele Ärzte machen nach Informationen von Ettinger geltend, dass das Entgelt für die Leistung zu gering sei, um wirtschaftlich arbeiten zu können. So wurden bereits Kassenzulassungen von Ärzten für die Messung der Knochendichte zurückgeben beziehungsweise Geräte stillgelegt. „Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar“, bedauert sie. Zumal der Gesetzgeber mit der Übernahme der Vorsorgeleistung immense Folgekosten vermeiden könnte. „Ein Oberschenkelhalsbruch kostet inklusive aller Rehabilitationsmaßnahmen bis zu 20 000 Euro.“

Etwa 700 000 Knochenbrüche pro Jahr sind in Deutschland auf Osteoporose zurückzuführen. Etwa 120 000 davon sind folgenreich, wie Brüche des Oberschenkelhalsknochens. 30 Prozent dieser Patienten sterben innerhalb eines Jahres an den mittelbaren Folgen eines solchen Bruchs – wie Immobilisation, Lungenentzündung oder Lungenembolie. „Diese Fälle wären eigentlich vermeidbar“, sagt Dr. Robert Nowak, Orthopäde aus Kitzingen und Leiter einer osteologischen Schwerpunktpraxis.

Voraussetzung wäre allerdings ein rechtzeitiges Erfassen des individuellen Frakturrisikoprofils. Mit anderen Worten: Patienten müssten frühzeitig daraufhin untersucht werden, ob sie zur Risikogruppe gehören, die später einmal Osteoporose bekommen könnte. Die Messung der Knochendichte ist dabei nur ein Aspekt. Der Orthopäde zählt etliche Parameter auf, die zu einer vernünftigen Untersuchung gehören. Wesentlich sei die Abklärung der Lebensumstände: Familiäre Belastungen, anderweitige Erkrankungen, Medikamenteneinnahme und die Sturzneigung müssten abgeklärt werden, ein Röntgenbild der Wirbelsäule gemacht werden. „Um anderweitige bereits bestehende Frakturen aufzudecken.“

Dr. Nowaks Bestandsaufnahme deckt sich mit der Kritik von Eger und Ettinger: Osteoporose wird unterschätzt – von Ärzten und Patienten gleichermaßen. Etwa die Hälfte der Betroffenen bricht die eingeleitete medikamentöse Therapie ab. Weil sie in der Regel keine Beschwerden haben und weil ihnen die Folgeprobleme nicht bewusst sind. Weil sie die Krankheit und ihre Folgen schlichtweg nicht ernst genug nehmen.

Barbara Ettinger und Hannelore Eger kann das nicht passieren. Sie haben ihre leidvollen Erfahrungen mit der Osteoporose gemacht. Und wollen diese Informationen möglichst vielen Menschen weitergeben.

Kontakt: Hannelore Eger, Tel. 0 93 21 / 38 37 77; Email: Hannelore.Eger@web.de; Barbara Ettinger, Tel. 09321/5032, Email: LfO-bayern@osteoporose-deutschland.de; Weitere Informationen im Netz unter www. bayern.osteoporose-deutschland.de

Osteoporose

Risikofaktoren: Erbliche Faktoren, hormonelle Störungen (Wechsel vor dem 47. Lebensjahr, Ausbleiben der Menstruation im jungen Erwachsenenalter, bei Männern Testosteronmangel), viele chronische Krankheiten (z.B. Schilddrüsenüberfunktion, rheumatoide Arthritis, Schlaganfall, Darmerkrankungen, Nierenerkrankungen), Immobilität und Inaktivität (z. B. längere Bettruhe), ungesunder Lebensstil (Nikotin, übermäßiger Alkoholkonsum, Nahrungsverweigerung oder extreme Abmagerungskuren), Medikamente (z.B. Kortison, krampflösende Medikamente).

Häufigkeit: das statistische Risiko einer Frau, sich den Oberschenkelhals zu brechen, ist genauso groß wie das Risiko für Krebs an der Brust, der Gebärmutter oder den Eierstöcken zusammen. Osteoporose bleibt oft jahrelang unerkannt, weil der Verlust der Knochendichte unauffällig voranschreitet. Erst beim Auftreten von Knochenbrüchen wird die Krankheit wahrgenommen.

Quelle: Netzwerk Osteoporose e.V.