Uwe Ungerer ist in ganz Franken unterwegs. Seine Mission: Einen Film drehen, um möglichst viele Menschen auf die Bedeutung der Gesangvereine und Chöre aufmerksam zu machen. Die dürfen sich seit Monaten nicht mehr treffen. Der Mainstockheimer Chorleiter befragt vor laufender Kamera Kollegen von Fürth bis Marktheidenfeld. Deren Stimmungsbild ist eindeutig. Die Lage ist mehr als ernst. Von einer großen Unsicherheit spricht Guntram Zielonka und warnt: „Das soziale Miteinander geht den Bach hinunter.“

„Wir sind schlichtweg vergessen worden.“
Guntram Zielonka, Kleinlangheimer Gesangverein

Von Juli bis Anfang September 2020 durften die drei Kleinlangheimer Chöre proben. Seither? Stille. „Alles liegt brach“, bedauert der Vorsitzende des Kleinlangheimer Gesangvereins. Dabei habe man schon im Mai des letzten Jahres in ein Luftreinigungsgerät und eine CO2-Meldeanlage investiert. Fast 2000 Euro hat der Verein ausgegeben, um hygienisch einwandfreie Voraussetzungen für Proben zu schaffen. „Wir dürfen trotzdem nicht“, sagt Zielonka und zuckt mit den Schultern. Wer glaubt, dass virtuelle Proben ein gleichwertiger Ersatz sind, der irre. „Man muss den Chorkollegen hören und spüren“, sagt Zielonka.

Nicht einmal der achtköpfige Vorstand darf sich zu Besprechungen treffen. Und das kann der Kleinlangheimer gleich gar nicht verstehen. „Gemeinde- und Stadträte treffen sich doch auch“, sagt er und warnt: Nicht nur Gesangvereine würden auf diese Art und Weise kaputt gemacht. Dass es im neuesten Infektionsschutzgesetz keinen einzigen Absatz zum Vereinswesen gibt, will ihm nicht in den Kopf. „Wir sind schlichtweg vergessen worden.“

Die Konsequenz: Mehr als zwei Personen aus fremden Haushalten dürfen sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht treffen. Wichtige Versammlungen müssen immer wieder verschoben werden. „Das ist undemokratisch und mit den Grundsätzen unserer Republik kaum zu vereinbaren“, so Zielonka. Im Moment ruhen die Hoffnungen bei den Sängern auf dem Herbst. Dann werden viele Menschen geimpft sein, dann können vielleicht wieder Veranstaltungen stattfinden. Ob die Vereine dann allerdings noch genug Geld haben, um Veranstaltungen finanzieren zu können, ist für Ungerer die große Frage. „Und werden die Besucher gleich wieder in Massen strömen?“ Der Mainstockheimer ist skeptisch. „Die Verunsicherung nach einem Jahr Corona ist in weiten Teilen der Bevölkerung groß“, sagt er. Es wird dauern, bis wieder eine Gewöhnung an ein normales Leben einsetzt.

Mit zwölf Vereinen hat Uwe Ungerer für sein Filmprojekt schon gesprochen. Die Tendenz ist überall die Gleiche: Die Verantwortlichen gehen von einem großen Vereins- und Chöresterben aus.

„Es wird nichts mehr so sein wie vor Corona“, sagt er. In seinem gemischten Chor in Mainstockheim haben sieben von 25 Sängern seit Ausbruch der Pandemie ihren Abschied verkündet. Anderswo stehen ganze Chöre vor dem Aus. „Die Situation ist desaströs“, sagt er. Was ihn am meisten wundert: Dass es offensichtlich niemanden stört. „Wir werden nicht gesehen und gehört“, ärgert er sich.

Der Aufschrei der Verbände sei nicht groß genug, kritisiert Guntram Zielonka. Dabei hätte man eine große Lobby. Rund 60.000 Chöre gibt es in Deutschland, die Zahl der Mitglieder reicht locker in die Millionen. In normalen Jahren werden bei all den Veranstaltungen deutschlandweit Umsätze in Milliardenhöhe generiert– von denen unter anderem die örtlichen Bäcker, Metzger, Caterer und Veranstalter profitieren.

„Es wird nichts mehr so sein wie vor Corona.“
Uwe Ungerer, Chorleiter und Projektinitiator

Warum die Wichtigkeit dieser Branche angesichts dieser Dimensionen nicht erkannt wird, ist Ungerer absolut schleierhaft. Zumal es viele andere Aspekte gibt, die eine Unterstützung der Gesangvereine und Chöre notwendig erscheinen lassen.

2014 ist die Chormusik in deutschen Amateurchören von der Unesco zum „Immateriellen Kulturerbe“ ernannt worden. Die Erklärung: Musik wird durch sie tief in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt, die Laienchöre sind Nährboden für künstlerischen Nachwuchs, die Praxis des Singens richtet sich auf identitätsstiftende Gemeinsamkeiten.

In den deutschen Amateurchören würden sich kulturelle Tradition, gesellschaftlicher Aufbruch und lebendiges Engagement miteinander verbinden. Wenn Uwe Ungerer diese Argumente aufzählt und mit der aktuellen Situation in Verbindung bringt, muss er mit dem Kopf schütteln. „Es wird nichts getan, um dieses Erbe zu bewahren“, kritisiert er. „Genau deshalb habe ich auch mein Filmprojekt gestartet.“

Bis Ende Juni will er noch Chorleiter und Vereinsvorsitzende aufsuchen und sie zu Wort kommen lassen. Dann will er die wichtigsten Sequenzen zusammenschneiden und den Film auf youtube einstellen und den Chorverbänden zur Weiterverbreitung anbieten. Möglichst viel Aufmerksamkeit will Ungerer erreichen, eine breite Bewegung starten, die Öffentlichkeit über die Sorgen der Sänger informieren. Weil er absolut überzeugt davon ist, dass es die Amateurchöre und Gesangvereine wert sind.