Die Prophezeiung der Maulwürfe
Autor: Ralf Dieter
Geiselwind, Montag, 09. Januar 2017
Herbert Rühl beobachtet seit Jahrzehnten die Natur. Von Bauernregeln hält er wenig.
„Ist der Januar kalt und weiß, kommt der Frühling ohne Eis.“ Herbert Rühl muss lachen, wenn er das hört. Bauernregeln wie diese sind ihm wohl bekannt. Er weiß aber auch: Ihr Wahrheitsgehalt tendiert gegen Null.
Im Frühling vorhersagen, wie heiß der Sommer wird? Im Herbst wissen, wie viel Schnee der Winter bringen wird? Herbert Rühl schüttelt den Kopf. So etwas lässt sich nicht verlässlich voraussagen. Und dennoch gibt es Entwicklungen, die eindeutig sind. Den Klimawandel kann der 76-Jährige beispielsweise anhand seiner Aufzeichnungen belegen. Und er weiß, dass ein kalter Winter bevorsteht, wenn der Maulwurf im Herbst besonders tief gräbt.
Herbert Rühl war und ist viel in der Natur. Als Kind ist er auf den zugefrorenen Teichen Schlittschuh gelaufen, als aktiver Landwirt hat er die Jahreszeiten hautnah erlebt und als Rentner ist er ehrenamtlich für den Deutschen Wetterdienst tätig. Phänologischer Beobachter nennt sich sein „Titel“. Einfacher ausgedrückt: Rühl notiert Jahr für Jahr, Monat für Monat, die Veränderungen in der Natur. Wann blüht der Haselnussstrauch? Wann die Apfelbäume? Wann kommen die Schwalben? Und wie schaut es mit der Roggenblüte aus?
60 Beobachter in Unterfranken
Etwa 1150 solcher Beobachter gibt es in ganz Deutschland. In Unterfranken sind es rund 60. Im Landkreis Kitzingen neun. Klingt viel, ist es aber nicht. Nach der Wende lag die Zahl bundesweit noch doppelt so hoch. Anja Engels vom Deutschen Wetterdienst würde sich über neue Melder freuen. „Diese Menschen liefern wichtige Dienste, gerade was langfristige Klimaveränderungen angeht.“
Herbert Rühl notiert seit vielen Jahrzehnten, was ihm in der Natur rund um Wasserberndorf auffällt. Seit 13 Jahren tut er es auch offiziell für den Deutschen Wetterdienst. Insgesamt 170 Beobachtungen werden im Jahresverlauf abgefragt. Am Ende jeden Jahres überträgt er die Daten von seinem Büchlein in einen Bogen, den er nach Offenbach schickt. 50 bis 60 Stunden investiert er dafür Jahr für Jahr. Als Aufwandsentschädigung erhält er 260 Euro.
„Ich habe sowieso viel in der Natur zu tun“, sagt er. Ein paar Mal in der Woche schaut er an seinem Damwildgehege vorbei. Die Sträucher und Bäume beobachtet er dabei ganz genau – und die Tierwelt hat er ebenfalls im Blick.
Vegetationszeit startet früher
„Wenn im März viel Winde weh'n, wird's im Mai dann warm und schön.“ Auch der zweite Versuch mit einer Bauernregel will nicht recht klappen. Herbert Rühl lächelt milde. Er hält sich lieber an seine privaten Aufzeichnungen. Und die belegen eindeutig: Die Vegetationszeit beginnt immer früher und endet immer später. Haben die Primeln in seinen Jugendjahren noch rund um den 23. April geblüht, tun sie es jetzt durchschnittlich zwei Wochen früher. Haben die Winzer in den 70er Jahren noch häufig über Spätfröste geklagt, tun sie es heutzutage nur noch sehr selten. „Minus vier Grad Ende Mai hat es früher alle drei bis vier Jahre gegeben“, erinnert sich Rühl. Jetzt fallen die Temperaturen Ende Mai nur noch sehr selten unter minus zwei Grad. Die Winzer müssen – statistisch gesehen – nur noch alle zehn bis zwölf Jahre über Ernteeinbußen wegen Spätfrost klagen.