Eine Bilanz des Jahres? Björn Grebner muss vernehmlich durchschnaufen. Am Telefon sei das gar nicht so einfach. Also rausgefahren nach Großlangheim. Direkt an der Hauptstraße liegt der Patrizierhof. Außen: ehrwürdiges Gemäuer. Innen: aufwändig renoviert. Gaststätte, Hotel, Biergarten, Party-Scheune, Keller für Hochzeiten und andere größere Veranstaltungen: Im Patrizierhof ist in normalen Zeiten ganz schön was los. An diesem späten Vormittag ist alles ruhig. Kein einziger Gast ist da. Es sind halt keine normalen Zeiten.

„Nach ein paar Wochen wurde es ganz schön langweilig.“
Björn Grebner, Patrizierhof Großlangheim

Auf drei Standbeinen fußt die Familienstrategie: Hotel, Gaststätte, Weinbau. „Alle drei waren heuer nicht ohne“, sagt Björn Grebner. 2019 war die Weinernte schon deutlich geringer als sonst ausgefallen. In diesem Mai schlug der Frost zu. Bilanz: Rund 40 Prozent Ausfall. „Das hatte uns gerade noch gefehlt.“ Denn Mitte März kam bereits die Nachricht vom ersten Lockdown. Der 40-Jährige kann sich noch gut erinnern. Sein Gefühl damals: Dankbarkeit. Im Gegensatz zu seinen Eltern wollten er und seine Schwester, die als Küchenchefin im Betrieb eingebunden ist, lieber früher als später schließen. „Die Verantwortung für die Gesundheit der Gäste wollten wir nicht selbst übernehmen müssen“, erinnert sich Björn Grebner.

Anfang März war die Gaststätte immer wieder voll. Es war Wahlkampf, auch in Großlangheim. „Wir hatten ein mulmiges Gefühl“, erinnert sich Björn Grebner. Vor allem, weil der Vater mittendrin im schweren Kampf gegen den Krebs war. Erst im November kam die erlösende Nachricht, dass er die Krankheit besiegt hatte. „Er gehörte und gehört natürlich zur Hochrisiko-Gruppe“, sagt sein Sohn und bezeichnet es als Horrorszenario, wenn sich der Senior in der Gaststätte angesteckt hätte. Dann lieber den Lockdown, die Schließung des Betriebes – zumal die ersten Wochen gar nicht so schlecht liefen. Die Dorfgemeinschaft unterstützte die beiden verbliebenen Gaststätten im Ort und deren „To-go–Angebote.“

Einen Gewinn warf die Gaststätte mit dem eingeschränkten Betrieb aber nicht ab und im Hotel durfte niemand einchecken. „Nach ein paar Wochen wurde es ganz schön langweilig“, erinnert sich Grebner. Zum Glück wurde der Lockdown aufgehoben – und der Sommer lief richtig gut. Gäste aus ganz Deutschland mieteten sich im Hotel ein, der Biergarten brummte. Die Grebners hatten sich auf die Wiedereröffnung vorbereitet, ein Hygienekonzept erstellt, Plexiglas zwischen den Tischen in der Gaststätte angebracht und in eine Lüftungsanlage investiert. Der Aufwand hat sich gelohnt, auch wenn deutlich weniger Hochzeitsfeiern stattfanden und kleiner ausfielen als sonst und viel mehr Arbeit in der Umsetzung der Vorschriften steckte, als die Gäste mitbekamen.

Björn Grebner und seine Schwester sind keine Träumer. Schon im Juli war der ganzen Familie klar, dass es eine zweite Welle – und damit auch einen zweiten Lockdown geben würde. Entsprechend verärgert ist er über manche Stimmen aus der Politik, die unrealistische Versprechungen machten oder immer wieder neue Regelungen ankündigten. „Was mir fehlte und fehlt, ist die Verlässlichkeit“, sagt der 40-Jährige.

Bereits im Frühjahr hatten die Grebners Hilfe für ihren Gaststätten-Betrieb in Anspruch genommen. Das Ausfüllen der Formulare ging an die Nerven. Im Sommer lief die Finanzhilfe auf dem Konto ein. Ein niedriger vierstelliger Betrag. „Ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt Grebner. Die Verluste können bei weitem nicht kompensiert werden. Seit Anfang November haben Hotel und Gaststätte wieder geschlossen. Die Einnahmen aus dem Straßenverkauf sind übersichtlich. Und dennoch: Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten hält Grebner die Schließung über die Weihnachtsfeiertage für richtig. „Die Leute haben wegen der Nachrichtenlage eh Angst“, weiß er. Und wer Angst hat, der geht nicht in die Gaststätten. Ein Viertel vom normalen Umsatz helfe weder ihm noch irgendeinem seiner Kollegen weiter.

„Lieber eine klare Linie als ständig so ein Schlingerkurs.“
Björn Grebner über die Entscheidungen der Politik

Eine Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA ergab genau dieses Bild. Neun von zehn Mitgliedern sprachen sich unter den gegebenen Umständen für eine Schließung aus. „Lieber eine klare Linie als ständig so ein Schlingerkurs“, kommentiert Grebner.

Über die Weihnachtsfeiertage und die Ferien will er weiterhin Essen „To go“ anbieten. „Wir dürfen uns nicht zurückziehen und nur auf Staatshilfen warten“, meint er. Bei allen Schwierigkeiten: Als Familienbetrieb hätten es die Grebners in diesem Seuchenjahr deutlich einfacher gehabt als manche Kollegen, vor allem diejenigen, die viel Personal haben und Kurzarbeit anmelden mussten.

2020 war aber auch für die Großlangheimer ein Jahr zum Vergessen. Björn Grebner bereitet sich nun auf den 10. Januar 2021 vor. Auf eine Wiedereröffnung von Hotel und Gaststätte. Aber natürlich weiß er, dass dieser Termin alles andere als sicher ist. Flexibel sein, das hat er in diesem Jahr gelernt – und die Hoffnung niemals aufgeben.

Rückblicke: Am Ende dieses ungewöhnlichen Jahres hat sich diese Zeitung mit Menschen aus verschiedenen Branchen über das fordernde Jahr 2020 unterhalten. Am 28. Dezember: Zwei, die sich getraut haben.