Die Heimat gemeinsam gestalten
Autor: Daniela Röllinger
Kitzingen, Dienstag, 08. März 2022
Die Balance zwischen Erhalten und Gestalten ist oft nicht leicht zu finden, vor allem bei Bauprojekten und Sanierungen. Ein Vortrag in der FastnachtAkademie in Kitzingen gibt Informationen und zeigt Beispiele.
Alte Gebäude sanieren oder lieber abreißen und durch neue ersetzen? Den Dialekt pflegen oder sich möglichst hochdeutsch ausdrücken? Altes Liedgut singen und spielen oder nur noch moderne Stücke, weil die angeblich besser ankommen? Traditionen aufrechterhalten oder alte Zöpfe abschneiden? Alle diese Fragen haben mit Heimatpflege zu tun. Was Heimat eigentlich ist und wie wir alle dazu beitragen können, sie zu pflegen, darum geht es am 11. März in Kitzingen.
Heimatpflege? Haben wir nichts mit am Hut, denken viele, wenn sie dieses Wort hören. Und doch stimmt die Antwort nicht. „Heimatpflege richtet sich an alle, die sich mit ihrem Lebensumfeld befassen wollen“, sagt Dr. Daniela Sandner, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Oft sind es ältere Menschen, die ein Bewusstsein dafür haben, wie ihr Ort sich entwickelt und was ihn ausmacht. Aber nicht nur. Die Tradition des Wasentanzes in Albertshofen hat etwas mit Heimatpflege zu tun, die Teilnahme der Kinder am Etwashäuser Kirchweihumzug, das Spielen fränkischer Lieder in den Kapellen und Musikvereinen. Und bei jeder Baumaßnahme in den Altorten und Innenstädten spielt der Aspekt eine Rolle.
Offener Austausch ist wichtig
Daniela Sandner leitete jahrelang das Fastnachtmuseum in Kitzingen, kennt die Stadt, die Straßen und die Häuser, das Stadtbild, viele Traditionen. Jetzt, als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landesvereins für Heimatpflege, erklärt sie bei einem Vortrag in Kitzingen, was Heimat eigentlich ist und warum sie gepflegt werden muss. Was haben Flächenversiegelung, die gebaute Umwelt und die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff mit der Heimatpflege zu tun? Wie macht man die Heimat fit für die Zukunft?
„Der problembehaftetste Bereich der Heimatpflege ist die Baukultur“, erklärt Daniela Sandner. Dort treffen Eigeninteresse der Besitzer und das Gemeinwohl aufeinander, nicht immer sind die Vorstellungen gleich. Eine offene Diskussion, ein offener Austausch seien da wichtig, denn Heimatpflege und Denkmalpflege werden oft als Verhinderer angesehen, was beide aber nicht seien. „Es geht darum, dass Besitzer von Altbestand ihn wertschätzen und überlegen, was man erhalten kann.“ Und es geht um Kompromisse. In Kitzingen sei viel Potenzial da, aber es gebe auch Leerstände und Häuser, die verfallen. „Wir würden uns wünschen, dass man Bestehendes nutzt und die Städte und Gemeinden auch innerorts entwickelt und nicht alles nach außen und in Neubaugebiete verlagert.“
Kitzingen hat viel Potenzial
Wie viel Potenzial in Kitzingen vorhanden ist, macht Stadtheimatpfleger Dr. Harald Knobling bei dem Vortragsabend an verschiedenen Projekten deutlich. „Gerade jetzt tut sich in Kitzingen in Bausachen und Denkmalpflege, Sanierungen und Umnutzungen einiges“, so Knobling. Beispielsweise wird das Nieserhaus unter denkmalpflegerischen Aspekten umfassend für die Unterbringung der Tourist-Info saniert. Das Gebäude, direkt an der Alten Mainbrücke gelegen, ist wichtiger Teil der Stadtsilhouette. Bei der Sanierung gilt es, künftige Nutzung und denkmalgeschützten Bestand in Einklang zu bringen. Kommt ein großer Balkon oder lieber nicht? Werden die Gauben vergrößert? „Bei der Entscheidung über solche Fragen schaut man auf die Geschichte des Gebäudes, aber auch auf das bauliche Umfeld“, erklärt Knobling. Dabei gehe es darum, das Alte behutsam zu verändern, aber das Nieserhaus hinsichtlich seiner Funktion zeitgemäß zu gestalten. Einen Balkon aber bekommt es nicht.
Während das Nieserhaus fast jeder Kitzinger kennt, war das Wohnhaus Kaiserstraße 17 von Passanten bislang eher unbeachtet. Neben dem Rathaus gelegen, wird das Haus jetzt für dessen Erweiterung genutzt. Nach und nach kommen bei der Sanierung neue und bauhistorisch interessante Details zum Vorschein (siehe Seite 7). Die vor Jahren getroffene Entscheidung, das Haus nicht abzureißen und durch einen modernen Neubau zu ersetzen, erweist sich als richtig, sagt der Stadtheimatpfleger. Was an historischer Substanz erhalten werden kann, werde saniert, anderes werde modern gestaltet. Denn alte Häuser zu sanieren, bedeute nicht, nur romantisierend rückwärtsgewandt zu denken, betont Harald Knobling, sondern zeitgemäße Gestaltungsmöglichkeiten und Materialien zu nutzen. So wird gerade ein Eingang geplant, bei dem ein Text auf Glas als gestalterisches und informatives Element dessen Erscheinungsbild prägen wird. Der Text stammt vom bedeutenden Kitzinger Reformator Paul Eber. Er beschreibt das Wappen der Stadt Kitzingen und die Mentalität seiner Bewohner.
Und wenn ein Gebäudeteil oder ein ganzes Gebäude sich in ganz schlechtem Zustand befindet? „Wenn etwas nichts mehr erhalten werden kann, bleibt nur noch der Rückbau.“ Ein Beispiel dafür sei das ehemalige Markt-Café, das völlig verfallen war. „Da ist wirklich alles schiefgelaufen, bis man an einem Punkt war, an dem nichts mehr zu retten war.“ An seiner Stelle stehe nun ein neuer, gut gegliederter Komplex. „Die Dimension passt, es ist gestalterisch gut, die Lösung ist ok, die Abstimmung und Zusammenarbeit aller Beteiligten hat funktioniert. Zudem ist neben der gewerblichen Nutzung des Gebäudes noch attraktiver Wohnraum in der Innenstadt entstanden“, findet der Stadtheimatpfleger. Alt und neu stünden sich hier spannungsvoll gegenüber, auch wenn das mancher anders empfinde. „Ein Jugendstilhaus wird neben einem Renaissancegebäude aus heutiger Sicht auch nicht als Fremdkörper gesehen“, sagt Knobling dazu.