Sie haben die Geschichte live erlebt
Autor: Diana Fuchs
Kitzingen, Dienstag, 21. November 2017
Glockensturz, Liebesprämie, evangelische Bratwürste: Zwei Kitzinger Stadtführer wissen alles
Was die beiden alles wissen! Und wie spannend sie es erzählen! Wären Lotte Kern und Reinhold Wagner Bücher, dann wären sie Kitzinger Bestseller. Die 81-Jährige und ihr zwei Jahre jüngerer Stadtführer-Kollege verfügen über einen riesigen Schatz an Lebenserfahrung und Wissen rund um Kitzingen. Als Kinder haben sie den Turm des Deusterschlosses mit seinen Geräten zur Sternen-Beobachtung erkundet und sie haben live den Sturz der St. Hedwig-Glocke miterlebt. Nachdem sie den Charme Kitzingens mehr Gästen vermittelt haben als die Stadt Einwohner hat, sagen Lotte Kern und Reinhold Wagner dem Stadtführer-Leben nun Ade.
Reinhold Wagners Markenzeichen ist sein schelmisches Grinsen. „Ich führ' doch keinen Trauerzug an!“, konstatiert der fidele Kitzinger, der schon als Bayerischer Senioren-Doppel-Tischtennismeister für Furore gesorgt hat. „Viele Gäste haben ja schon zig Führungen anderswo hinter sich – auch grausam langweilige“, stellt der frühere Versicherungsmakler, Klavierstimmer und Organist fest. „Deswegen sollten unsere Stadt- und Kirchenführungen anders sein.“
Der 79-Jährige erzählte seinem Publikum gern „G'schichtli, die nicht so bekannt sind“. Die mündlich überlieferte Marktturm-Story zum Beispiel. Im Turm soll es, sagt Wagner, einen Raum gegeben haben, der so niedrig gewesen sei, dass man darin weder stehen noch sitzen konnte. „Da sind die Weiber, die ihre Männer grün und blau geschlagen haben, 'therapiert' worden.“
Lotte Kern lacht. Die Erinnerungen der dreifachen Mutter sind mit Bildern beweisbar: „Als ich klein war, haben wir oft im Deusterschloss gespielt. Nach dem Krieg ist der weiße Marmoraufgang mit Schutt aufgefüllt und zum Ziegenstall umfunktioniert worden. Nur die Lenze-Oma hat in dem zerbombten Schloss noch einen Raum zum Leben gefunden.“ Auch der 19. Mai 1962 hat sich ins Gedächtnis der Kitzingerin, die einem alteingesessenen Textilgeschäft entstammt, eingebrannt. Es war der Tag, an dem die Nachfolgerin der im Krieg eingeschmolzenen St.-Hedwig-Glocke feierlich in den Turm der evangelischen Stadtkirche gehoben werden sollte. Als ein Stahlträger die Last nicht mehr halten konnte, fiel die Glocke zu Boden, zum Glück ohne jemanden zu verletzen. „Der Glockensturz hat Kitzingen überall in die Medien gebracht.“
Als Lotte Kern ein junges Mädchen war, gab es in der Stadt noch Läden, in denen nach Konfession eingekauft wurde, berichtet die 81-Jährige. Reinhold Wagner fügt hinzu: „Es gibt ja sogar heute noch evangelische und katholische Bratwürste. Die evangelischen sind mit Majoran gewürzt!“
Schlimmer, als die „falsche“ Bratwurst zu essen, sei es früher jedoch gewesen, eine Freundin mit der „falschen“ Konfession zu haben. „Ich war mal mit einer Katholikin zusammen. Damals hatte ich eine unwahrscheinliche Angst vor dem Pfarrer...“
Wer schnappt die Erfolgsprämie?
Wagner berichtet aber nicht nur von Vergangenem. Er macht auch Lust auf die Zukunft. Zum Beispiel, wenn er die „Erfolgsprämie“ ins Spiel bringt. „600 Euro gibt es für das erste Paar, das sich Städtepartnerschafts-intern bildet und heiratet.“ Seit über 30 Jahren warte Kitzingen darauf, dass jemand die „Beute erlegt“.