Immer mehr Politiker wenden sich über Twitter direkt an die Öffentlichkeit.
Weit über 34000. So viele Kurznachrichten („Tweets“) hat der zukünftige US-Präsident Donald Trump bisher über „Twitter“ abgesetzt. Seit März 2009 ist er dort registriert, schon lange vor seiner Präsidentschaftskandidatur. Sein Auftreten dort war von Beginn an ruppig, laut und ohne Rücksicht auf Verluste. Das setzte er auch im Wahlkampf fort. Er provozierte und polarisierte. Und gewann.
Der Kurznachrichtendienst Twitter scheint mittlerweile einen nicht zu unterschätzenden Wert in der politischen Landschaft zu haben. Ausgelöst nicht zuletzt durch das Lieblingsziel von Trumps Twitter-Attacken: Barack Obama. Auch er hatte einst 2007 zu Wahlkampfzwecken angefangen zu „twittern“. Und auch er gewann.
In der deutschen Politiklandschaft ist Twitter mittlerweile auch angekommen: 630 Sitze gibt es aktuell im Bundestag, 351 Twitterprofile von Abgeordneten hat die Plattform in einer Liste zusammengetragen. Auch Anja Weisgerber (CSU), Vertreterin des Wahlkreises von Schweinfurt und Kitzingen im Bundestag, gehört dazu. Seit April 2010 berichtet sie dort ihren Mitlesern („Follower“) über ihre politischen Ansichten und ihren beruflichen Alltag. Aktuell folgen 895 Nutzer ihrem Profil.
In der Regel verfasst sie die Einträge selbst, was nicht selbstverständlich ist: „Nur manchmal helfen meine Mitarbeiter nach Rücksprache, zum Beispiel, wenn ich nach einer Veranstaltung auf dem Weg zum nächsten Termin bin und kurz mit dem Büro telefoniere“, so Weisgerber. Ohne Rücksprache kann Twitter problematisch werden: Bundesjustizminister Heiko Maas musste sich im vergangenen Sommer für einen Tweet rechtfertigen, in dem er einer Band für das Engagement bei einer Konzertveranstaltung gegen Rassismus dankte. Das Problem: Die Gruppe wird vom Verfassungsschutz als linksextrem eingestuft. Es stellte sich schließlich heraus, dass der Tweet nicht von Maas selbst, sondern von seinen Mitarbeitern verfasst wurde.
Tatsächlich machen nicht viele Politiker, durch Kürzel am Ende der Nachricht beispielsweise, klar erkennbar, wer den Tweet verfasst hat. Kerstin Celina (Bündnis 90/Die Grünen), Landtagsabgeordnete für den Stimmkreis Würzburg-Land, geht hier den sicheren Weg: „Ich mache das alles selbst.“ Sie ist seit März 2014 bei Twitter aktiv.
Der große Vorteil, den Twitter aus ihrer Sicht bietet, ist die Schnelligkeit. Und die Funktion, auf einen Blick zu sehen, welche Schlagworte („Hashtags“) gerade besonders häufig verwendet werden. „Man sieht schnell, was aktuell ein Thema ist.“ Für Anja Weisgerber bietet Twitter einen weiteren Kanal, um Menschen zu erreichen. „Alle sozialen Medien sind gute Plattformen, um sich auszutauschen und Informationen mit anderen zu teilen.“ Im Bürgerbüro des Würzburger Landtagsabgeordneten Georg Rosenthal (SPD) sieht man noch mehr Vorteile: Die Möglichkeit, andere Politiker, einzelne Journalisten oder auch Medien gezielt öffentlich ansprechen zu können, mache Twitter quasi zu einer Ergänzung der Plenardebatte. Außerdem könne man sich gut einen Überblick über die Berichterstattung in den Medien verschaffen.
Wahlkampfrelevant werde Twitter nämlich vor allem dann, wenn die Medien Tweets aufgreifen und ihre Reichweite so extrem erhöhen. Kerstin Celina war zur Zeit der Wahl Trumps selbst in den USA und schätzt die Rolle von Twitter im Wahlkampf so ein: „Ich glaube nicht, dass Twitter letztendlich entscheidet, wen die Leute wählen. Aber Meinungen lassen sich so einfach sehr schnell verbreiten.“