Kitzingen

Vom Geschmack einer roten Suppe, schmerzenden Bauchmuskeln, dem Leben in einer Zwangsisolation und einem achtsamen Blick auf den eigenen Laufsti bis hin zu einem ersten großen Erfolg: Die zweite Fastenwoche hatte es in sich.

Nina Grötsch

(Heilfasten/Rückblick auf Tag 2): Ich bin stolz auf meine Vorbereitungen: Den Kindern habe ich diese Woche einen festen Platz bei Oma zum Abendessen reserviert. Mein Lebenspartner hat den Auftrag, sich in seiner Mittagspause mit Döner, Leberkäsbrötchen und Co. zu versorgen und abends nur Dinge zu essen, die nicht riechen. Brot zum Beispiel. Ich selbst habe mir Urlaub genommen. Sicher ist sicher. Schließlich kann ich überhaupt nicht einschätzen, wie mir das Fasten bekommt. Die erste verblüffende Feststellung: Ich habe tatsächlich keinen Hunger. Ich hatte nicht wirklich an diese Aussage geglaubt. Höhepunkt meines Tages soll der Verzehr der Fastensuppe sein. In einem YouTube-Video habe ich gesehen, man soll einfach nach Belieben Biogemüse und frische Kräuter in einen Topf mit Wasser geben und das 30 Minuten kochen lassen. Unglücklicherweise ohne Salz.

Ich gebe alles, kaufe Unmengen an Gemüse, auch solches, das noch nie zuvor den Weg in meine Küche gefunden hat. Am Ende siebe ich alles ab, denn für mich gibt es nur die blanke Brühe. Angeblich soll man das Gemüse noch prima für Gemüsebratlinge nutzen können. Ich schaue den ausgekochten Berg an. Und verzichte. Dann steht die Suppe vor mir. Der Geruch, dazu die rote Farbe wegen des ungünstigen Griffs nach Rotkohl – in mir sträubt sich alles. Mit Müh und Not löffle ich den halben Teller.

Abends im Kurs erklärt die Kursleitung, ich hätte es wohl zu gut gemeint mit meiner Vielfalt. Weniger sei oft mehr.

Julia Volkamer

(Fit und gesund – minus vier Kilo): Für mich wird die ausgewogene Ernährung vor allem zur abgewogenen Ernährung: Das Verhältnis von Kohlenhydraten, Eiweiß und Fetten muss – bei fünf Mahlzeiten und einem Gesamtbedarf von 1600 Kalorien am Tag – genau stimmen. Na toll, ich und Zahlen! Ich hasse Zahlen! Vor allem, wenn ich 20 Gramm Reis (so wenig?) und 400 Gramm (so viel?) Brokkoli abzählen muss. Davon kann doch kein Mensch satt werden?

Kann er. Und ich kann es auch. Mein Körper hat nach den Basentagen einen Neustart hingelegt. Ich schaffe es nicht, fünf Garnelenschwänzchen auf einer gewürfelten Zucchini und einem Esslöffel Couscous komplett aufzuessen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich mindestens das Dreifache verdrückt. Einfach, weil es schmeckt. Reine Gewohnheit.

Jetzt gewöhne ich mich an die kleineren Mahlzeiten. Und wundere mich, dass ich so viel Energie habe! Ich bin gut gelaunt, habe keinen Heißhunger und fühle mich gut. Aber ich esse halt auch nur gesunde Sachen... Abnehm-Coach Diana Schmidt warnt mich trotzdem: „Die nächste Woche wird die schwerste. Jetzt ist die Gefahr am größten, dass ihr in alte Muster verfallt...“ Ich kann mir gerade gar nicht vorstellen, dass mir das passieren wird. Sensationelle vier Kilo weniger zeigt die Waage an. Manchmal haben Zahlen eben doch etwas Gutes.

Ralf Dieter:

(Sport und nichts Süßes) Es läuft. Nicht unbedingt immer geradeaus und problemlos. Aber das Leben ist ja kein Ponyhof, wie die Mitglieder im Haflinger-Verein zu sagen pflegen. Zweimal am Wochenende joggen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Letzte Woche gelang es mir nur einmal. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach – vielleicht ist es auch umgekehrt. Als Buße habe ich mich Montagabend an Liegestützen versucht. Drei mal zehn. Und dazu die gleiche Anzahl an Situps. Klingt lächerlich, hat mir aber einen schmerzhaften Dienstag beschert. Schon beim Versuch, aus dem Bett aufzustehen, haben sich die Bauchmuskeln zu Wort gemeldet und mir überdeutlich signalisiert, dass ich heute besser liegen bleiben sollte. Beim Anziehen, bei der Fahrt zum Arbeitsplatz, beim Schreiben an der Tastatur, kurz: Den ganzen Tag über spürte ich Muskeln, von denen ich noch nicht mal im Entferntesten ahnte, dass sie in meinen Körper zuhause sein könnten. Am kommenden Wochenende jogge ich wieder zwei Mal.

Daniela Röllinger

(Achtsamkeit): Ich kann laufen. Schon ziemlich lange. Sitzen noch ein bisschen länger. Man sollte also meinen, dass ich beides beherrsche. Weit gefehlt. „Hock Dich gscheit hin“, ermahnt mich Kollege Die. schon seit Jahren immer wieder. Ich brumme darauf ein bisschen vor mich hin, nehme die Füße von den Stuhlrädern und stelle sie parallel vor mich auf den Boden, rücke den Rücken gerade. Spätestens zwei Minuten später ziehen unsichtbare Magneten den Körper wieder in eine schiefe Haltung und die Füße überkreuz, ohne dass ich es überhaupt registriere. Jetzt, da ich achtsam bin und meine Aufmerksamkeit gezielt auf meine Haltung beim Sitzen, Stehen und Laufen richte, merke ich, wie recht der Kollege hat. Wann bin ich bloß so krumm geworden? Die linke Schulter ist tiefer als die rechte, der Kopf fast immer leicht gedreht, beim Stehen drücke ich ein Knie durch, das andere nicht, beim Laufen schwingt der eine Arm mehr als der andere. „Hat die ‘nen Knall?“, denkt wahrscheinlich manch einer, der mich im Moment spazierengehen sieht. Alles wird ausprobiert: kleine Schritte, große Schritte, Blick mehr nach vorn, mehr nach unten, in den Knien federnd laufen, den Fuß abrollen, den Fuß hart aufsetzen, mit eingezogenem Bauch laufen, mit angehaltenem Atem, mit zusammengebissenen Zähnen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Was passiert da jeweils mit dem Rest des Körpers? Erstaunlich, wie sich selbst eine kleine Veränderung auswirkt. Meine Erkundungstour verläuft spannender, als ich dachte.

DIANA FUCHS

(jeden Tag eine gute Tat): Meine Freundin Dani steht in sicherer Entfernung jenseits des Gartenzauns und fasst das ganze Dilemma in einem Satz zusammen: „Wie machste das in der Quarantäne jetzt mit den guten Taten?“ Tja, da ist guter Rat teuer. Ich hatte mir tolle Sachen ausgedacht, mit denen ich sogar völlig Fremde beglücken wollte. Doch jetzt sitze ich auf Anweisung des Gesundheitsamts auf wenigen heimischen Quadratmetern fest. Dem Rest der Familie geht es nicht besser. Bei einem von uns war der Corona-Test positiv, bei den anderen drei (bisher) negativ. Jeder soll daheim jedem aus dem Weg gehen, so die gut gemeinte Sicherheitsanweisung vom Amt. Leider haben wir keine vier Bäder und auch keine vier Küchen. Unsere Nervenstränge werden von Tag zu Tag dünner. Ist es nicht schon eine gute Tat, wenn ich vor jeder Tür, die ich passieren muss, ganz laut „Voooorsicht!“ schreie? Dani ist gnädig mit mir. Mehr noch. Im Wissen um scharfe Küchenutensilien und zugleich steigende Stresslevel bei einem 17- und einem 15-Jährigen sowie deren Eltern in Zwangsisolation sinniert sie: „Ich glaube, es gilt auch als gute Tat, wenn man Dinge, die man im Affekt tun möchte, nicht tut.“ Na wenn das so ist, Kollegen, bin ich wieder voll im Rennen um die Fastenkrone!