Den Heilkräften der Natur auf der Spur
Autor: Diana Fuchs
Rödelsee, Montag, 14. Mai 2018
Nützliche heimische Pflanzen erkennen: Mit Kräuterfrau Stefanie Roßmark in der "grünen Apotheke"
Wie das duftet! So richtig nach Frühling, nach Blüten, Gras und Erde. Die Nachmittagssonne lässt all die jungen Pflanzentriebe hellgrün leuchten. Eine junge, blonde Frau schreitet in einem langen Leinengewand über die Wiese. An ihrem Handgelenk baumelt ein Weidenkorb. Die Szene wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wie aus dem Mittelalter. Die Kräuterfrau ist unterwegs.
Kriege, Unglücksfälle, Krankheiten: Leicht hatten sie es nicht, unsere Vorfahren. Und zimperlich durften sie auch nicht sein: Bei Knochenbrüchen strichen sie eine Tinktur aus der Beinwell-Wurzel auf die Bruchstelle. Wenn sie von einem Insekt gestochen wurden, sammelten sie Wegerich-Blätter und legten sie auf die schmerzende Stelle. Und wenn sie unter Erkältung litten, gab es einen schleimlösenden, schweißtreibenden Tee aus Lindenblüten. Als man noch nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit den Arzt oder Apotheker fragen konnte, war die Natur ein guter Freund und Helfer. Das kann sie auch heute noch sein – wenn man sie kennt.
Stefanie Roßmark tut das. Die 27-Jährige aus Rödelsee interessiert sich seit Jahren für die Heilkräfte der Natur. Sie sammelt mit Leidenschaft Kräuter, kocht und isst sie oder verarbeitet sie zu Salben und Tinkturen. Lachend erzählt die gelernte Bankkauffrau, die auch als „Gästeführerin Weinerlebnis Franken“ aktiv ist: „Meine Eltern sagen, dass ich mir schon als Kind beim Spazierengehen immer alles in den Mund gesteckt und probiert habe.“ Dass sie die Prüfung zur Wildkräuterfachfrau ablegte und allerhand Zusatzausbildungen absolvierte, ist aber einem Spreißel zu verdanken. „Das war ein ganz dickes Trumm. Es steckte in meiner Ferse und tat höllisch weh. Mein Mann wollte mich zum Arzt fahren, aber ich hab' lieber Wegerich gesammelt. Und innerhalb von drei Tagen war alles wieder gut.“
Drei Wegeriche für die Gesundheit
Das hat die junge Frau, die mittlerweile in der Kitzinger Stadtverwaltung arbeitet, so beeindruckt, dass sie sich intensiver mit Kräutern und Naturheilkunde befasst hat. „Das ist dann zu einer richtigen Sucht geworden.“ Einmal habe sie sich bei einer Wanderung im Wald an Spitzahorn-Blüten und -Blättern so satt gegessen, dass sie anschließend in der Wirtschaft gar nichts mehr bestellen wollte.
„Probier' doch mal!“, fordert sie die achtjährige Davina auf. Das Mädchen hat zusammen mit seiner Mama, seiner Schwester und anderen Interessierten eine Kräuterführung gebucht. Nun, auf dem Weg durch den Schlosspark am Schwanberg, hält Stefanie Roßmark der Grundschülerin ein hellgrünes Buchenblatt hin. Davina schaut ihre Mutter fragend an. Als diese nickt, kostet sie. „Jaaaa – geht schon“, meint sie kauend. „Schmeckt ein bisschen nach Zitrone.“
„Und schaut mal da – kennt Ihr das?“ Stefanie Roßmark deutet auf ein grünes Gewächs, das bei den allermeisten Menschen Wehklagen auslöst: Giersch. Doch die Rödelseerin adelt das hartnäckige Garten-„Unkraut“: „Junge Gierschblätter haben mehr Vitamin C als Zitronen. Man kann sie unter jeden Salat mischen. Auch die Blüten.“
Lieber als Giersch mag Stefanie Roßmark Brennnesseln. „Ich zupfe die oberen, zarten Blätter mit einem Handschuh ab und rolle daheim mit dem Nudelholz darüber – dadurch entfernt man die Brennhaare. Die Samen röste ich und gebe sie über den Salat – lecker!“ Das Gleiche macht sie mit Sauerampfer-Samen.