Druckartikel: Das wilde Heer über Nordheim

Das wilde Heer über Nordheim


Autor: Tessa Korber

Kitzingen, Freitag, 29. Dezember 2017

In den Rauhnächten zwischen Weihnacht und Dreikönig herrschen andere Gesetze
Sagen aus Unterfranken, unter anderem aus Nordheim: Zu finden im Buch „Maingeister.“


Ein wenig Erinnerung haben die meisten noch an die Rauhnächte. „Meine Großmutter pflegte aus zwölf Zwiebeln, die sie auseinander blätterte, das Wetter der nächsten zwölf Monate vorherzusagen“, sagt Werner Tschechne aus Rüdenhausen. Die Mutter von Heinz Schmitt aus Kitzingen hat noch selber im Haus und in den Ställen geräuchert. „Mit Weihrauch“, erinnert er sich, „den sie auf der Schaufel vor sich hertrug.“ Aber auch die Kräuterbündel, die zu Maria Himmelfahrt gebunden wurden, konnte man dazu verwenden.

Weiß noch jemand, dass man weder Wäscheleinen spannen noch weiße Wäsche aufhängen durfte in dieser Zeit? Oder gar Kartenspielen? Dass man am besten überhaupt daheim blieb? Was waren das überhaupt für Nächte, diese Rauhnächte am Ende des Jahres?

Es sind zunächst einmal zwölf an der Zahl. Für die einen beginnen sie mit dem Thomastag, der Wintersonnwende am 21. Dezember, für die anderen an Heiligabend. Als Besonderheit entstanden sind sie aus dem Kalendarium. Ein Jahr mit zwölf Mondmonaten hat nur 354 Tage. Um auf das Sonnenjahr zu kommen, musste man am Ende elf Tage, das sind zwölf Nächte, einschieben. Noch heute sprechen wir deshalb – meist ohne es zu wissen – von der Zeitspanne vom 24. bis 31. Dezember als von „zwischen den Jahren“!

Diese Tage und Nächte galten seit jeher als etwas besonderes, sie lagen jenseits der Zeit, galten als „tote Tage“, als Zeitspanne, in der die Naturgesetze aufgehoben waren, in der die jenseitige Welt näher an die diesseitige rückte. Es war eine gefährliche und spannende Zeit zugleich.

Das Wahrsagen war möglich in ihr, ob mit oder ohne Zwiebeln. Es genügte schon, seine Umgebung genau zu beobachten, Nacht für Nacht, oder seine Träume zu erforschen, um die nötigen Schlüsse zu ziehen. Dabei stand jede Nacht für einen Monat des kommenden Jahres. Es war eine Zeit, in der man mit den Tieren sprechen konnte. Aber eben auch eine Zeit, in der das Totenreich offen lag.

Vor allem Silvester galt als gefährlich, weil sich da stets das „Wilde Heer“ aufmachte, eine Ansammlung wüster Gestalten und Geister, denen man nur entging, indem man sich mit dem Gesicht auf den Boden legte. Das laute Krachen und Böllern in dieser Nacht sollte ursprünglich einmal die bösen Gespenster fern halten.

Die Rauhnächte wollen aber auch eine Zeit der inneren Einkehr sein. Hausputz steht an, im übertragenen Sinne auch ein Hausputz des Geistes. Das Räuchern steht ja selber für eine höhere Art von Sauberkeit. Neben der Vorausschau mit Hilfe diverser Orakel wird auch die Rückschau gepflegt. Wer wünscht sich nicht Jahr für Jahr nach dem Trubel der Feiertage ganz von selbst eine Phase der Ruhe, der Zeit für sich selbst und der inneren Betrachtung, um das vergangene Jahr zu rekapitulieren?

Oft bleibt es bei dem Wunsch, häufen sich doch wieder die sozialen Verpflichtungen und Treffen. Aber ganz verschwindet er nie, der Wunsch, zwischen den Jahren endlich mal Zeit für sich selbst zu finden. Nicht zuletzt deshalb erinnern sich wieder mehr Menschen in diesen Tagen der Rauhnächte, indem sie räuchern und meditieren, weniger im Sinne von Brauchtumspflege denn als Entspannungsritual.

So hat es die Großmutter von Heinz Schmitt mit ihrer Schaufel sicher nicht gemeint. In der rosaroten Wellnesswelt von heute sind die düsteren Aspekte jener Zeit verloren gegangen. Dabei deutet schon der Name genau darauf hin. Obwohl: Ganz sicher ist man sich nicht: Kommt das „Rauh“ in den Rauhnächten vom rauhen Klima des beginnenden Winters, vom Räuchern oder doch vom mittelhochdeutschen Wort ruch, das gleichermaßen haarig, pelzig und wild bedeutet – so wild wie eben die Wesen sind, die sich in diesen Nächten herumtrieben.

Auch in Unterfranken gab es sie, die Mythen und Erzählungen um die Rauhnächte. Der Künstler Kurt Neubauer aus Nürnberg hat eine davon aufgespürt und in seinen Sagenband „Maingeister“ aufgenommen. „Die Idee war, dass zeitgenössische Autoren die alten Geschichten neu interpretieren“, sagt der Maler und Grafiker, der jede dieser Geschichten liebevoll illustriert hat. Er hat sie auch alle selbst vor Ort recherchiert und ausgewählt.

Für das erste Buch war er in seiner Heimat Nürnberg auf die Suche gegangen, dann für das zweite rund um das oberfränkische Walberla. Jetzt hat er sich nach Unterfranken aufgemacht. „Märchen und Sagen waren schon immer meine Leidenschaft. Ich liebe es, Orte zu entdecken, die mit ihnen verbunden sind, wo Geschichte und Gegenwart eine Verbindung eingehen.“

Ein solcher Ort war Nordheim für Kurt Neubauer. Besonders die Fähre hatte es ihm angetan. Und gerade um die rankt sich eine Sage über das Wilde Heer, jenen wüsten Haufen, der bevorzugt in der Silvesternacht zugange ist. Der Bamberger Schriftsteller Thomas Kastura hat es übernommen, die Geschichte neu zu erzählen.

Die heutige Fährfrau Judith Flammenberger kommt nicht drin vor, auch nicht moderne Fähre mit ihren Stahlseilen. Es geht um einen mittelalterlicher Vorfahr des heutigen Fährbetriebs, wie es ihn sicher gegeben hat; der erste Beleg für den Fährbetrieb findet sich im 15. Jahrhundert, doch ist er wohl noch älter.

„Es war eine bitterkalte Dezembernacht“, so beginnt die Erzählung standesgemäß. Eine unbekannte Stimme ruft nächtens „Hol über“. Und weil es eine Rauhnacht ist, so hört man Waffenklirren und Pferdewiehern, doch zu sehen sind nur Schemen. Ach, hätte der Fährmann doch gewusst, was der Leser dieses Artikels weiß: Den Reitern der Wilden Jagd darf man nie, nie ins Gesicht sehen. Doch er wusste es nicht. Und so kam es, dass....

Aber das sollte man selber lesen – an einem ruhigen Abend, an dem man weder Wäsche aufhängt noch Karten spielt, sondern friedlich und sicher vor der rauhen Welt in einem Sessel sitzt und den Rauch einer Kerze aufsteigen lässt.