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Das Schnitzel kommt vom Hof


Autor: Daniela Röllinger

Michelfeld, Freitag, 09. März 2018

Vom Stall bis zum Schlachtraum sind es nur ein paar Meter: Herbert Wirsing ist einer der wenigen Metzger, die noch Hausschlachtungen anbieten.
Routiniert füllt der Metzger die Wurst in die Gläser.


Hans taucht den Finger in die rot-weiße Masse und steckt ihn dann in den Mund. „Sehr gut. Wunderbar“, sagt er. „Des kannst' so lass.“ Grünes Licht für Herbert Wirsing: Der Metzger kann die Wurst in die Gläser füllen.

Ende Februar/Anfang März steht der Termin fest im Kalender von Hans und Marianne: Das Ehepaar lässt ein Schwein schlachten und geht dem Metzger dabei zur Hand. Seit 18 Jahren kommen sie dafür zu Herbert Wirsing nach Michelfeld, vorher wurde in Enheim geschlachtet. „Wir essen selbst geschlachtete Wurst gern“, sagt Hans. Doch nicht nur wegen des Geschmacks geben sie der Hausschlachtung den Vorzug vor dem anonymen Schwein aus der Großmetzgerei. „Man weiß, wo das Fleisch her kommt, womit das Tier gefüttert wurde, es gibt keine weiten Transportwege“, erklärt Marianne. „Das Fleisch kann man guten Gewissens essen.“

Lang war der Transportweg des Schweines tatsächlich nicht. Nur wenige Meter sind es vom Stall in Michelfeld bis zum Schlachtraum – einmal quer über den Hof von Herbert Wirsing. Gestresst wirkt es nicht, als es aus dem Transportwagen gelassen wird, nur ein wenig verwundert. Es quiekt ein paar Mal, wirkt aber nicht hysterisch oder ängstlich. Herbert Wirsing setzt das Bolzenschussgerät an, man hört den Knall, das Tier fällt um, die Muskeln zucken noch kurze Zeit. Wirsing hängt das Schwein, das er zuvor vier Monate lang tagtäglich in seinem Stall gefüttert hat, am Hinterlauf auf, setzt das Messer an, lässt es ausbluten. Das Ganze dauert nur wenige Minuten.

Dass ihr Genuss mit dem Tod eines Lebewesens verbunden ist, darüber denken die meisten Menschen nicht nach, wenn sie sich Wurst beim Metzger holen, in das Wienerle beißen, das Schnitzel genießen. Miterleben wollen sie das Töten erst recht nicht. Für Herbert Wirsing ist es Routine. Metzgerarbeit, die dazu gehört. Auch Hans hat kein Problem, sich das lebende Schwein wenige Tage vor dem Schlachttermin persönlich auszusuchen und war schon oft dabei, wenn „sein“ Tier getötet wurde. Er ist, ebenso wie seine Frau, mit dem Schlachten aufgewachsen. „Das gab es bei uns schon immer.“ Sogar zur Hochzeit haben beide einst ein Schwein geschenkt bekommen, erinnert sich Marianne „Das vergess' ich nie!“

Etwa zehn Hausschlachtungen macht Herbert Wirsing im Jahr. Früher waren es mehr, sagt er, während er das im Eimer aufgefangene Blut kräftig durchrührt. Das braucht er am nächsten Tag, Hans und Marianne wollen Blutwurst. Wie lange er rühren muss? „Das kann ich gar nicht sagen“, sagt er lachend, „das spürt man.“ Und berichtet weiter, was sich verändert hat: Früher wurden alle Teile des Schweines verwertet. Heute sind die Leute wählerischer. Von Fett wollen viele nichts mehr wissen. Was einst Griebenschmalz wurde, wandert heute oft in den Müll.

Bevor die Wurst gemacht werden kann, ist erst mal Kraft gefragt. Der Metzger hievt das Schwein in eine Blechwanne mit heißem Waschwasser. Die Borsten müssen abgebrüht und abgerieben werden. Herbert legt eine Kette um den Körper, zieht kräftig an den Enden. Hin und her geht es, das Metall schrubbt über die Haut. Dann fährt er mit einer Metallglocke fest darüber, entfernt die dicken Haare. Die letzten Reste flammt er mit dem Bunsenbrenner ab, dazu hängt das Tier wieder am Haken. Abspritzen, nochmal abschaben. Dann setzt der Metzger das Messer an. Ein tiefer Schnitt, routiniert holt er den Verdauungstrakt heraus. Das schwere Paket aus dicken grauen Schnüren hängt über seinem Arm – wie Anschauungsmaterial für den Biologieunterricht. Leber, Zunge, Herz, Lunge, Zwerchfell dagegen werden aufgehoben, die Innereien verwertet. Vorher schaut sich der Fleischbeschauer die Leber genauer an, vom Zwerchfellmuskel nimmt er eine Probe. Auch bei der Hausschlachtung muss geprüft werden, ob mit dem Tier alles in Ordnung war.

Wurst, Bratwurst, Fleischkäse, Braten, Schnitzel, Cordon bleu – all das wird am nächsten Tag gemacht. Hans und Marianne haben eine Liste zusammengestellt, was sie gerne hätten. Sie freuen sich über die gute Qualität des Fleisches. „Da ist fast kein Fett dran.“ Beide packen routiniert mit an, auch Sohn Bernd kommt am Vormittag dazu und die Enkel Lisa und Till. „Das erste Mal waren sie schon mit zwei Jahren beim Schlachten dabei“, erzählt Opa Hans, während der Metzger die gewünschten 24 Cordon bleu und die Schnitzel schneidet, den Schinken vakuumiert, die Bratwurstmasse in die Därme füllt. 70 Paar sollen es werden. „Ein paar mehr ist auch gut“, sagt Marianne.

Natürlich wird die Masse probiert. Der Metzger schmeckt ab, der Auftraggeber prüft und ist begeistert. „Der Herbert macht das super. Wenn wir nicht zufrieden wären, würden wir nicht mehr kommen.“ Frisches Brot steht bereit, mit Brät beschmiert schmeckt es köstlich – auch den Kindern. Genauso wie das Kesselfleisch, das fast unbemerkt im großen Kessel vor sich hin kocht. Die Kinder kennen sich aus, wissen, was schmeckt. „Ich will Zunge“, fordert die sechsjährige Lisa, als es an das Probieren des Fleisches geht. Immer wieder holt sie sich von den kleinen Stücken, die Hans zurechtschneidet für die Krakauer, den weißen Pressack und die Griefenwurst, das ist die „rote Wurst“, die der vierjährige Till besonders gern mag. Die, für die das Blut gebraucht wird.

„Nicht jedes Teil ist für jede Wurst geeignet“, erklärt der Metzger und sortiert gemeinsam mit Hans die großen Fleischbrocken, die er aus dem Kessel geholt hat. Hans schneidet die Stücke unterschiedlich groß. „Ich mag größere Stückchen Zunge im weißen Pressack.“ In die Leberwurst kommt natürlich Leber, außerdem Wammerl und gekochtes Fleisch. Die Masse wird fein gemahlen. Noch feiner wird der Fleischkäse gekuttert, also zerkleinert – damit die Masse nicht zu warm wird, kommt Eis hinein. „Sonst verliert sie die Bindung.“ Auch ein Teil der Schwarte wird beim Wurstmachen verwendet, gemahlen, als Gelatine.

Mit der Füllanlage spritzt Herbert Wirsing die Masse in Gläser und Därme. Zuhause wird Marianne sie kochen, ein bis zwei Stunden lang. So bleiben sie haltbar. Das Fleisch wird erst mal auf Tischen ausgebreitet, so dass es ein bisschen abtrocknen kann, bevor sie es einfriert. Die Würste hängt sie an die Wäscheleine. Ein ungewöhnliches Bild? Nur für denjenigen, der seine Wurst immer im Geschäft holt. Für einen leidenschaftlichen Hausschlachter ganz normal.

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