Bitte ein Pilz
Autor: Ralf Dieter
Kitzingen, Montag, 07. Oktober 2019
Die Trockenheit der letzten Jahre gibt den Pilzfreunden Mainfranken zu denken. Neue Arten etablieren sich in den hiesigen Wäldern. Alte haben es schwer.
Dieses Waldgebiet kennen sie noch nicht. Langsam tasten sich René Emil Klein und Christoph Wamser voran. Immer tiefer hinein geht es in den Forst. Immer wieder deuten die beiden auf den Boden. Was dort wächst, fasziniert sie seit ihren Kindheitstagen.
Klein und Wamser sind Mitglieder der „Pilzfreunde Mainfranken“ und zwei von einer Handvoll Pilzsachverständiger im Raum Kitzingen/Würzburg. Mindestens dreimal die Woche sind sie in der Natur unterwegs. „Immer woanders“, sagt Klein. „Das ist total spannend.“
Heute ist der Treffpunkt etwas außerhalb von Neusetz, einem Ortsteil von Dettelbach. Am Waldrand wachsen Ahornbäume. „Kein gutes Habitat“, sagt Wamser. „Ähnlich wie die Rosskastanie geht auch der Ahorn keine Symbiose mit Großpilzen ein.“ Ein Problem ist das nicht: Ein paar Meter weiter wachsen Eichen und Buchen. „Schon besser“, sagt Klein. Die ersten Funde lassen nicht lange auf sich warten.
Der Regen der letzten Tage hat gut getan. Endlich sind wieder Pilze auf dem Waldboden zu erkennen. „Letztes Jahr gab es so gut wie nichts“, erinnert sich Klein. „Die komplette Morchelsaison ist ausgefallen.“ Der Klimawandel macht auch den fränkischen Pilzexperten Sorgen. Die extreme Trockenheit machte bereits einigen Arten den Garaus. „Dafür kommen immer mehr mediterrane Sorten wie der amerikanische Giftriesenschirmling, der für 15 Prozent aller Pilzvergiftungen verantwortlich ist, oder der Falsche Wiesenchampignon zu uns“, erklärt Wamser. Nur schade, dass die meisten von ihnen sehr klein und eher ungenießbar sind.
Etwa 16.000 Pilzarten gibt es in Deutschland, in Mainfranken sind über 5000 nachgewiesen. „Immer wieder gibt es neue Funde“, freut sich Wamser und sucht den Boden mit seinen Blicken ab. Einen „Leberreischling“ hat er schon in seinen Korb gelegt. „Das Steak des armen Mannes“, sagt er und gibt sein Lieblingsrezept preis: In Scheiben schneiden und wie ein Schnitzel panieren. „Schmeckt super.“ Pilze sollten jedoch immer nur als Beilage und nicht als Hauptspeise gegessen werden, betont er. Nie zu viel auf einmal, sonst sind sie schwer verdaulich. „Und ordentlich durchgaren“, rät Klein.
Seit neun Jahren laden Klein und Wamser Interessierte zu Pilzexkursionen ein. „Früher waren die Teilnehmer fast alle älter als 50“, erinnert sich Klein. Jetzt sind auch Familien dabei, Menschen zwischen 25 und 50. „Das Interesse an Pilzen ist gestiegen“, freut er sich. Das liegt einerseits an einem veränderten Ernährungsverhalten. Etliche Vegetarier und Veganer interessieren sich für die heimischen Speisepilze. Andererseits steigt ganz allgemein das Interesse an der Natur. Sehr zur Freude der beiden Pilzexperten. „Wer einen Bezug zur Natur gewonnen hat, der will sie in der Regel auch schützen“, erklärt Biologielehrer Klein.
Das gestiegene Interesse birgt allerdings auch Gefahren. Wer „in die Pilze geht“, sollte sich auskennen. „Immer wieder vergiften sich Menschen“, bedauert Wamser, stellt aber auch klar: „Die meisten Vergiftungen sind auf einen falschen Transport zurückzuführen.“ Oft nehmen die Menschen auch zu alte oder zu junge Pilze mit. Einen absolut verlässlichen Trick gebe es nicht, um essbare und nicht essbare Pilze auseinanderzuhalten. „Man muss die Pilze lernen“, betont Wamser. Die Gattungen und ihr Habitat verstehen. Nur weil Tiere eine bestimmte Sorte essen, sei diese nicht gleich für den Menschen genießbar. „Diese Legende ist Unsinn“, betont Klein.