Druckartikel: "Der Sonntagsbraten ist sicher"

"Der Sonntagsbraten ist sicher"


Autor: Ralf Dieter

Schwarzenau, Freitag, 17. Februar 2017

Aber die fränkischen Schweinehalter müssen sich auf Veränderungen einstellen.
Referenten und Gastgeber der Tagung in Schwarzenau: Eduard Mack, Christian Meyer, Erik Thijssen, Brigitte Baumeister, Dr. Stefan Berenz und Dr. Peter Lindner.


Einfach haben sie es nicht, die rund 1680 Schweinehalter in Unterfranken. Die Anforderungen steigen. Sowohl von Seiten der Gesetzgeber, als auch von Seiten der Verbraucher. Von einer spürbaren Verunsicherung bei den Ferkelerzeugern sprach denn auch jüngst der Leiter des Lehr-, Versuchs- und Fachzentrums für Schweinehaltung, Dr. Peter Lindner, bei der Schweinefachtagung in Schwarzenau. Sein dringender Rat an die Anwesenden: Eine Erzeugung gegen die Überzeugung in der Gesellschaft macht keinen Sinn.

Das Essverhalten unterliegt einem ständigen Wandel. Brigitte Baumeister arbeitete das in ihrem Vortrag eindrücklich heraus. Waren in den 70er Jahren internationale Speisen wie Pizza oder Quiche en vogue, spielten ein Jahrzehnt später Umweltthemen eine Rolle. Pestizide im Essen, Gentechnik auf dem Acker: Die Deutschen machten sich Gedanken um ihre Nahrung. In den Jahren 2000 bis 2009 verstärkte sich dieser Trend noch. Gesund und Bio lauteten die Schlagworte. „Diese Zeit war geprägt von der BSE-Krise“, erinnerte die Leiterin des Fachzentrums Ernährung am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Würzburg.

Und jetzt? Welche Trends prägen die Gegenwart? Fünf Tendenzen hat Baumeister ausgemacht. Für die Schweinehalter bedeuten sie sowohl Risiko als auch Chance.

Regionale Produkte sind auch weiterhin „in“. Selbst der Lebensmitteleinzelhandel ist voll auf dieser Schiene. Die Verbraucher fordern dabei allerdings Transparenz. Gleichzeitig wollen viele ihre Nahrung selbst herstellen und selbst bestimmen, wann sie wo und was verzehren. Außerdem wird die Zahl der Menschen, die sich fleischlos ernähren, voraussichtlich weiter steigen. Die gute Nachricht für alle Schweinehalter lautet dabei allerdings: Jeder Trend verursacht einen Gegentrend. Grillen wird beispielsweise auch weiterhin zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten der Deutschen gehören.

Für die international renommierte Zukunftsforscherin und Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler gibt es drei Megatrends, die das Ernährungsverhalten in den kommenden Jahrzehnten bestimmen werden: Essensangebote wird es rund um die Uhr geben, das Essen wird mit einer Moral verbunden sein und somit zu eine Art Ersatzreligion. Und: Schnelles Essen wird mit hoher Qualität verbunden. Stichwort: Fast Good. „Gesunde Ernährung und Genuss sind kein Widerspruch“, betonte denn auch Baumeister. Die Verbraucher der Zukunft werden Qualität vor Quantität stellen, Lebensmittelmüll möglichst vermeiden wollen, Essen ganz bewusst in der Gemeinschaft genießen und sich genau überlegen, was sie wo und wie einkaufen. Nicht zuletzt wird ihnen eine artgerechte Tierhaltung besonders wichtig sein.

Was das für die Schweinehalter bedeutet? Keine Katastrophe, aber Veränderungen. „Der Sonntagsbraten ist auch in Zukunft gesichert“, meinte Baumeister. Aber die Erzeuger müssten sich fragen, welches Marktsegment am besten zu ihnen passt: Viel und günstig produzieren? Regional und eventuell sogar Bio-regional produzieren? Liegt der Schwerpunkt auf einer artgerechten Tierhaltung, vielleicht auch auf besonderen Rassen? Wie auch immer. Die Ernährungsfachfrau riet den Betriebsleitern, offen zu kommunizieren, den Dialog mit den Verbrauchern und der Gesellschaft zu suchen. Ihr Appell: „Geben Sie Ihrem Betrieb ein Gesicht.“

Trotz all der prognostizierten Veränderungen: Verzagen müssen die hiesigen Schweinehalter nicht. Die Lust am Fleischverzehr ist nach wie vor ungebrochen, wie die Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zeigen. 53 Prozent der befragten Bundesbürger gaben an, dass sie am liebsten Fleisch essen – der Spitzenwert in der Tabelle. Nudeln landeten auf Platz zwei, Gemüsegerichte mit 20 Prozent auf Platz 3. Der Fleischverzehr ist in den letzten Jahren annähernd konstant geblieben. Etwa 60 Kilo werden pro Kopf und Jahr gegessen. Rückläufig ist allerdings der Konsum von Schweinefleisch – von 38,7 Kilo pro Kopf und Jahr im Jahr 2012 auf 36,9 Kilogramm in 2015.

Dennoch sprach Dr. Lindner von einer Erfolgsgeschichte der deutschen Schweinefleischerzeugung in den letzten Jahren. Die Bruttoeigenerzeugung stieg im letzten Jahrzehnt um über 20 Prozent an. Der Grund: Deutschland entwickelte sich zu einem wichtigen Exportland für Schweinefleisch. Und die Deutschen selber? Die essen immer noch viel Fleisch. Für den Geschmack der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu viel.

Bei 400 bis 600 Gramm pro Woche liegt der empfohlene Wert. Frauen liegen mit – statistisch berechneten – 600 Gramm am oberen Rand. Männer mit einem Kilo Fleisch pro Woche deutlich darüber. Ob sich das in absehbarer Zeit ändern wird? Die Zahl der Verbraucher, die auf Fleisch verzichten wollen, wird weiter steigen, prognostizierte Baumeister.

Auf die fränkischen Schweinehalter werden auch deshalb Veränderungen zukommen. Einen Vorgeschmack gab ihnen der Vorsitzende der europäischen Schweinehalter, Erik Thiyssen. Er hat 2009 eine große Anlage in Sachsen gekauft, ist 2014 mit seiner Familie dorthin gezogen. Mehr als 60 niederländische Schweinehalter taten es ihm gleich. Nach der Schweinepest Ende der 90er Jahre wurde die Produktion in den Niederlanden immer schwieriger. Die Bürger wehrten sich gegen immer größere Hallen und Betriebe. Etwa 1,1 Millionen Sauen wurden damals im Nachbarland gehalten, in Deutschland etwa doppelt so viele. „Die Niederlande sind aber neun mal so klein“, erinnerte Thyssen.

Mit fallenden Preisen erlebte das Nachbarland 2014/2015 eine regelrechte „Schweinekrise“. Liquiditätsengpässe, Schließungen. Thiyssens Prognose: Aus 5000 Betrieben werden weniger als 2000. Die Zahl der Schweine pro Betrieb wird weiter steigen. Entwicklungen, die auch in Deutschland möglich sind. Sein Rat an die fränkischen Schweinehalter lautete deshalb: „Lassen Sie sich gut beraten, beobachten Sie genau den Markt und das Konsumverhalten.“ Die Produktionsbedingungen werden sich nach seinen Worten sicherlich verändern. Aufhören sei keine Schande, so Thiyssen. „Es gibt auch eine Zukunft ohne Schweine.“

Ganz so pessimistisch wollte Dr. Lindner die Zukunft nicht beschreiben: Die Schweinehaltung verspreche auch weiterhin Erfolg – vorausgesetzt, die Tierhaltung erfolgt im Einklang mit den Vorstellungen der Gesellschaft.

Zahlen: In Unterfranken gibt es zurzeit rund 1680 Schweinehalter. Die meisten Betriebe (rund 1300) haben weniger als 100 Schweine im Stall. Insgesamt gibt es in Unterfranken rund 200 000 Schweinemastplätze und zirka 23 000 Zuchtsauen.

Im Landkreis Kitzingen werden derzeit rund 225 Schweinehalter gelistet. Die Mehrzahl – 150 – hält weniger als 100 Tiere. Etwa 35000 Schweinemastplätze gibt es im Landkreis und rund 5000 Zuchtsauen.

„Lassen Sie sich gut beraten, beobachten Sie genau den Markt und das Konsumverhalten. Aufhören ist keine Schande“
Ratschlag von Erik Thijssen an die fränkischen Schweinehalter