Warum ist das gerade in unseren Breiten so schwer?
Behr: Als „Weinlandkreis“ mit seinen geringen Jahresniederschlägen und seinen hohen Durchschnittstemperaturen stehen wir bei der vorsorgenden Umsetzung dieser Ziele besonders unter Druck. Die Trockenjahre 2003, 2015 und 2018 haben uns das noch einmal unmissverständlich klar gemacht!
Welche Auswirkungen hatten diese Jahre?
Behr: Unsere Wälder können sich nicht mehr ausreichend erholen und sind geschwächt, so dass ihnen auch immer mehr Krankheiten und Schädlinge zusetzen. Deshalb braucht der Wald dringender denn je Nachwuchs, der sich zielgerecht entwickeln kann. Auch bei reduzierten Wildbeständen kann die Jagd ja dennoch Freude machen!
Helfen Zäune, wie sie von den Jägern gefordert werden?
Behr: Nach den Aussagen im Bayerischen Waldgesetz sowie im Bayerischen Jagdgesetz soll die Naturverjüngung im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen aufwachsen können – zumal die Zäunung sehr teuer und mit hohem Aufwand für Kontrolle, Unterhalt und Reparatur verbunden ist. Dennoch ist der waldbauliche Erfolg der Zäunung über einen Zeitraum von zirka zehn Jahren hinweg nicht automatisch garantiert, denken Sie nur an Stürme, Pilzsammler und Wildschweine, die zum Teil nicht viel von Zäunen halten! Deshalb kann die Zäunung für uns nur eine „Krücke“ für den äußersten Notfall sein. Zudem sind Zäune in aller Regel viel zu kleinflächig, so dass wir damit unsere Waldumbauziele nicht erreichen können.
Die Jäger schlagen auch vor, kleinere Verjüngungsflächen zu gießen, wenn das möglich ist.
Behr: Im Trockenjahr 2018 sind alleine im Landkreis Kitzingen wahrscheinlich rund 100 000 gepflanzte Jungbäume vertrocknet. Dagegen haben viele Pflanzen der Naturverjüngungen diese schwierige Zeit unbeschadet überstanden. Auch deshalb wird die Naturverjüngung in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger. Wenn wir Baumarten pflanzen, dann vor allem solche, die klimatolerant und momentan noch nicht in unseren Altbeständen vertreten sind, um unsere Wälder noch gemischter und widerstandsfähiger zu machen. Wenn uns die Jäger helfen möchten, diese Bäumchen in extremen Trockenjahren zu gießen, dann sind sie herzlich willkommen!
Also helfen nur höhere Abschusszahlen, die von den Jägern nicht mehr akzeptiert werden. Die argumentieren, dass sie schon am Limit seien.
Behr: Durch die naturnahe Waldbewirtschaftung sind unsere Wälder in den letzten Jahrzehnten für viele Wildarten wesentlich interessanter geworden. Wild findet mehr Nahrung, vermehrt sich deshalb stärker und kann sich besser verstecken. Für eine ausreichend intensive Bejagung ist es deshalb auch erforderlich, jagdhandwerklich entsprechend nachzuziehen. Da gibt es nach meiner Erfahrung in vielen Jagdrevieren noch viel, viel Luft nach oben zum Beispiel in Form von gemeinsamen, revierübergreifenden Jagden. Solchen Ansätzen gegenüber sollte man offen sein und nicht von vorneherein das Limit sehen.
Das heißt?
Behr: Auch die Jagd muss sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen und bereit sein, sich weiter zu entwickeln. Das gilt, meiner Meinung nach, gerade in Zusammenhang mit dem Klimawandel, in dessen Verlauf die Weichen für viele Wälder jetzt neu gestellt werden müssen. Ansonsten werden alle verlieren – auch die Jagd!
Was halten Sie von der Forderung, mehr Wildbiotope in der Flur anzulegen?
Behr: Unsere landwirtschaftliche Flur mit oftmals besten Böden wird sehr intensiv genutzt. Das hatte zur Folge, dass auch viele ökologisch wertvolle Kleinstrukturen zurückgegangen sind. Grundsätzlich halte ich es deshalb für einen guten Ansatz, solche Strukturen im Interesse der Gesamtökologie wieder verstärkt zu etablieren – mit oder ohne Förderprogramme. Es sollte mit der Umsetzung dieses Ziels allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, man könne damit die Rehe vom Wald fernhalten und so den Verbiss beseitigen.
Das Gesetz gibt klare Vorgaben?
Behr: Fakt ist, dass das Rehwild als Kulturfolger durch Jagd dem Lebensraum anzupassen ist und nicht umgekehrt. Deshalb stellt das Bayerische Waldgesetz ja auch klar, dass im Zweifelsfall nach dem Grundsatz „Wald vor Wild“ zu verfahren ist. Dass das nicht bedeutet „Wald ohne Wild“, sollte zwischenzeitlich unstrittig sein.
Haben Sie Verständnis dafür, dass die Bedingungen auf der Fränkischen Platte für die Jäger anders sind als, beispielsweise, im Steigerwald?
Behr: Ich habe nicht nur Verständnis dafür, das ist mir völlig klar. Andererseits muss aber auch klar sein, dass die geringen Waldanteile auf der Platte nicht all die Wildbestände beherbergen können, die aus der äsungs- und deckungsreichen Flur im Herbst für das Winterhalbjahr in den Wald zurückwandern. Genau deshalb formuliert das Jagdgesetz ja auch, dass die Wildbestände den landeskulturellen Gegebenheiten anzupassen sind. Und die sind nun derzeit einmal so wie sie sind! Deshalb regen wir seit vielen Jahren an, in den Gaulandschaften während der Sommermonate das Rehwild auch auf den Feldjagden intensiver zu bejagen.
In waldarmen Gebieten regen die Jäger an, mehr Zwischenfrüchte zu pflanzen, um den Nahrungsdruck zu nehmen.
Behr: Der verstärkte Zwischenfruchtanbau ist grundsätzlich sinnvoll. Durch Förderprogramme und die „Greening“-Maßnahmen ist da in den letzten Jahren auch viel Positives passiert! Es sollte aber auch der Eindruck vermieden werden, dass der Anbau von Zwischenfrüchten den Wildverbiss vermeiden kann. Rehwild braucht auch künftig Rauhfaser aus holziger Äsung, weshalb auch künftig ein tragbares Gleichgewicht von Wald und Wild angestrebt werden muss.
Das heißt: Wir brauchen stabile Wälder?
Behr: Na klar. Und die sind in ganz Bayern wichtig. Denken Sie nur an den Lawinen- und Erosionsschutz im Alpengebiet. Und bei uns, auf der Fränkischen Platte, ist der Klimawandel das große Thema. Damit wir diese Herausforderungen bewältigen können, müssen alle an einem Strang ziehen! Seit 2008 haben wir hier bei uns etwa zehn Prozent der Waldfläche verjüngt, aber das reicht nicht. Wir müssen noch viel mehr machen. Dazu brauchen wir auch ein verständnis- und verantwortungsvolles Handeln der Jägerschaft!
Wird deren Petition Erfolg haben?
Behr: Dies zu beurteilen, ist nicht meine Aufgabe. Hierüber wird der Petitionsausschuss entscheiden.
Das Gutachten
Alle drei Jahre erstellen Klaus Behr und seine Mitarbeiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen für die zehn Hegegemeinschaften im Landkreis Kitzingen ein Forstliches Gutachten zum Zustand der Waldverjüngung. Dieses soll den Grundbesitzern, den Revierinhabern und der Unteren Jagdbehörde am Landratsamt Kitzingen forstfachliche Orientierung für die Abschussplanung der nächsten drei Jahre geben.