Anfang und Ende einer langen Saison
Autor: Ralf Dieter
Kitzingen, Montag, 14. Oktober 2019
Der Kitzinger Bleichwasen hat für die Schaustellerfamilie Uebel und Sachs eine besondere Bedeutung. Bis Sonntag läuft der Rummel.
Der Bleichwasen in Etwashausen ist für Karl und Patrick Uebel ein ganz besonderer Ort. Die beiden Schausteller aus Niederwerrn starten hier in jede Saison – und beenden sie an gleicher Stelle.
„Ein schöner Platz“, sagt Karl Uebel und blickt sich um. Zwischen den Bäumen hat er mit seinen Mitarbeitern die großen und kleinen Fahrgeschäfte und die Essensstände aufgebaut. Es riecht nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Vom Auto-Scooter dringt das Juchzen der Kinder herüber. Bis Sonntag sind die Fahrgeschäfte geöffnet. Dann werden die Fahrzeuge und Stände in Container verpackt und nach Schweinfurt gefahren. In einer großen Halle im Industriegebiet lagern Karl Uebel und sein Sohn Patrick die Teile ein. „Vorher werden sie noch gewaschen und poliert“, sagt der 57-Jährige. Ein paar Wochen ist dann Ruhe – zumindest in Deutschland.
1948 ist das Unternehmen Uebel und Sachs gegründet worden. 1985 hat es Karl Uebel von seinem Vater übernommen. In diesem Jahr hat er seine 34. Saison als Schausteller beendet. Ein Knochenjob? Karl Uebel überlegt. „Eigentlich nicht“, sagt er. Die Fahrgeschäfte sind viel leichter auf- und abzubauen, als das vor 30 Jahren noch der Fall war. „Für den Autoscooter brauchten damals sechs Mann zwei volle Tage“, erinnert er sich. Jetzt ist die Arbeit dank moderner Technik innerhalb von sechs Stunden erledigt. „Zu zweit.“
Vor 20 Jahren hat er den Autoscooter gekauft. „Meine beste Investition“, sagt Karl Uebel. Mehr als 40 Tonnen wiegt das komplette Fahrgeschäft. Dank Hydraulik lässt es sich leicht zusammenpacken und in einen einzigen Container laden. „Früher brauchten wir vier.“ Das spart nicht nur Platz, sondern auch Personal. „Die meisten Schausteller kriegen kaum noch Mitarbeiter“, sagt Uebel, der viele Kollegen aus Jahrzehnte langer Arbeit kennt, und fragt: „Wer will schon noch am Wochenende arbeiten?“.
Uebel senior ist in das Geschäft hinein gewachsen. „Der Job ist abwechslungsreich“, sagt er und sein Sohn Patrick nickt. Jede Woche an einem anderen Ort sein, neue Menschen kennenlernen. Menschen, die gut gelaunt auf den Rummelplatz kommen.
„Auf den großen Volksfesten sind tatsächlich alle Generationen vertreten“, berichtet Patrick Uebel. Auf kleineren Plätzen wie dem Bleichwasen kommen vor allem Familien mit kleinen Kindern. „Die Nachfrage ist wieder konstant“, erzählt Patrick Uebel. Vor zehn Jahren hatte er sich noch Sorgen um die Zukunft gemacht. „Da sind die ersten Smartphones in die Läden gekommen“, erinnert er sich. Die Folge: Gerade junge Kunden sind an den Fahrgeschäften ausgeblieben. „Die hatten kein Geld mehr.“
Jetzt laufen die Geschäfte wieder normal – und das vom Frühjahrsfest in Kitzingen an Ostern bis zur Etwashäuser Kirchweih Mitte Oktober. Wer glaubt, dass sich die Familie Uebel danach in die Winterruhe begibt, der täuscht sich gewaltig. „Anfang November geht es in die USA“, sagt Karl Uebel. Vor mehr als zehn Jahren hat er ein Konzept für einen Weihnachtsmarkt in den Vereinigten Staaten erstellt und das Papier an verschiedene Handelskammern geschickt. „Die Mentalität der Amerikaner haben wir ja von den Volksfesten in Kitzingen, Schweinfurt und Würzburg gekannt“, erzählt er. Und tatsächlich: Das Konzept kam gut an. Die Familie Uebel war schon in Colorado und Ohio. Seit ein paar Jahren ist sie auf dem Weihnachtsmarkt von Philadelphia zu finden. Vom 17. November bis zum 24. Dezember bedeutet das jede Menge Arbeit. „Nach Heiligabend haben wir dann auch ein paar Wochen Ferien“, sagt Patrick Uebel.