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Lebensmittelretter gesucht


Autor: Julia Lucia

Kitzingen, Freitag, 23. März 2018

Kisten, überall grüne Kisten. Mit Karotten, mit Äpfeln, mit Brot oder mit Wurst. Ohne Kisten geht in der Kitzinger Tafel nichts und ohne Mitarbeiter erst recht nichts.
Brigitta Mehrmann (von links) und Heidi Thompson helfen bei der Gemüseausgabe.


Kisten, überall grüne Kisten. Mit Karotten, mit Äpfeln, mit Brot oder mit Wurst. Ohne Kisten geht in der Kitzinger Tafel nichts. Jede Kiste hat ihren Platz und den Überblick haben die ehrenamtlichen Helfer – und noch ein bisschen mehr die Gruppenleiter. An jedem Ausgabetag, immer mittwochs und samstags im Tafelladen beim Bauhof, ist eine Mannschaft von acht bis zehn Helfern für die Verteilung zuständig. Heute hat Carola Stetting das Sagen. Seit zwölf Jahren hilft die Rentnerin bei der Tafel. Manchmal denkt sie ans Aufhören. „Aber wer macht dann die Arbeit?“, fragt sie. Mehr Helfer, vor allem jüngere, bräuchte die Tafel, sagt sie und schlichtet Joghurt, Quark und Pudding in eine grüne Kiste.

Seit drei Jahren dabei

Angelika Klein nickt. „Entweder wollte ich in meiner Rente im Altenheim oder bei der Tafel helfen“, erzählt sie von ihren Anfängen. Drei Jahre ist das jetzt her. „Ich wollte einfach was Gutes tun“, ergänzt Brigitta Mehrmann. Seit sieben Jahren ist die 70-Jährige dabei. „Ich bin hier mit Leib und Seele“, sagt sie mit rauchiger Stimme und lacht. Überhaupt ist die Stimmung gut. „Es ist eine ganz tolle Clique“, nennt Heidi Thompson einen Grund, warum sie bei der Tafel hilft. Ein Nicken geht durch die Runde.

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Wenige Männer

Hubert Quett ist seit 9.30 Uhr in den dunklen Kellerräumen. Neonröhren leuchten an den Decken. Ein genauer Blick und die Tomate kommt in die grüne Kiste. Schimmel an der Orange – weg damit. Der 65-Jährige ist einer der wenigen Männer bei der Ausgabe. „Ja, die Frauen sind in der Überzahl“, sagt er lachend. Zumindest im Laden. Die Lebensmittel für die Tafel holen Fahrer jeden Tag ab. Zehn Männer wechseln sich dabei ab.

Gewinn für beide Seiten

Lebensmittel mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum, kaputte Verpackungen, Sortimentswechsel oder einfach ein Überangebot sind Gründe, warum zehn Supermärkte und Discounter im Landkreis Lebensmittel an die Kitzinger Tafel spenden. Ein Gewinn für beide Seiten: Bedürftige kommen für wenig Geld an hochwertige Nahrungsmittel, die Händler sparen Lagerkosten und vor allem Entsorgungskosten. „Und wir sind die größten Lebensmittelretter“, sagt Fahrer Horst Zimmermann.

Kistenweise liegt abgepackter Feldsalat vor Quett. Viele der einst grünen Blätter sind matschigbraun. Jede Plastikbox macht er auf, schüttet den Feldsalat in die Kiste – frei zur Entsorgung. Zwei Bauern aus dem Landkreis holen den Bioabfall der Tafel kostenlos ab. Plastik und Restmüll dürfen die Tafelmitarbeiter auf Bauhofcontainer verteilen. Hier kommt die Stadt Kitzingen der Tafel ebenso entgegen wie beim Tafelladen. Mietfrei darf die Tafel die Räume unterm Bauhof nutzen.

Geringfügig mehr, nämlich zwei Euro, müssen die Bedürftigen für jeden Einkauf zahlen. Dafür bekommen sie Waren im Wert von bis zu 100 Euro. Doch sie nehmen nicht alles. „Wir haben schon richtige Feinschmecker dabei“, sagt Quett, der seit drei Jahren hilft. Wer kein Feinschmecker ist, hat andere Gründe, die Lebensmittel zu verschmähen.

465 Bedürftige

Schwarzbrot ist ein Ladenhüter. Viele der 465 Bedürftigen, an die ein Berechtigungsausweis verteilt wurde, sind anerkannte Flüchtlinge und Moslems. Sie wollen Weißbrot. „Auf den Produkten aus Schweinefleisch bleiben wir sitzen“, erklärt Angelika Klein. „Chicken – Huhn“, preist sie ein belegtes Sandwich einer Frau mit Kopftuch an. Sie schaut skeptisch, lehnt sicherheitshalber ab. Das Sandwich kommt wieder in die Kiste.

Spinat geht super

Auch mit klassischem deutschen Wintergemüse wie Rosenkohl oder Wirsing tun sich viele schwer. „Spinat geht super“, erklärt Quett bei der Gemüseausgabe. Doch nicht immer gibt es genügend für alle. Die Helfer müssen gut kalkulieren, wie viel sie jedem geben. Nicht jeder akzeptiert diese Entscheidung. Das stört Angelika Klein und ihre Kollegen. Auch dass manche Kunden wenig Dankbarkeit zeigen – für die Lebensmittel, die sie fast umsonst bekommen, und für die Arbeit, die die Helfer leisten.

Durchschnittsalter 69

Brigitta Mehrmann holt eine Mandarine aus einer der grünen Kisten, schält sie, steckt sich genüsslich einen Schnitz in den Mund. Sie hilft gerne, aber schön wäre es, wenn mehr helfen würden. 69 ist das Durchschnittsalter der etwa 40 Helfer. 79 Jahre ist Gruppenleiterin Carola Stetting alt. Etwa alle drei Wochen sind sie und ihre acht bis zehn Helfer an der Reihe. Von 9.30 bis 16 Uhr wird dann gearbeitet. Viele können nicht so viele Stunden helfen – das ist allen Helfern bewusst. Aber: „Auch wer nur ein paar Stunden im Monat helfen will, ist bei uns willkommen“, erklärt Stetting und blickt kontrollierend durch den Raum.

Viele Taschen

Etwa zehn Männer und Frauen schlängeln sich mit vielen Taschen an den Ausgabetischen vorbei. Käse, Wurst und Konserven wandern in die Beutel. „Die sind alle so lieb hier“, sagt eine junge Frau, die für sich und ihren Partner Lebensmittel bei der Tafel holt. Quett lächelt, holt ein paar Äpfel aus einer grünen Kiste und legt sie in ihre Tasche.

Karotten sind weg

Die Schlange vor und im Laden wird kürzer. 90 Minuten Verkauf sind vorbei. 53 Bedürftige haben heute Lebensmittel geholt. Jetzt heißt es für die Helfer aufräumen. Paprika, Zwiebeln und Tomaten waren gefragt. Auch die Karotten-Kiste ist so gut wie leer. Sprossen und Kopfsalat haben keine Abnehmer gefunden. „Vielleicht würden Rezepte helfen?“, überlegt Stetting. Doch wer soll das leisten? Schon jetzt kommen die Helfer gerade so rum. Ideen gibt es viele, zum Beispiel ein Fahrdienst für diejenigen, die nicht zum Bauhof kommen können. Oder einen Service, der Kranken eine Kiste mit Lebensmitteln vorbeibringt.

Dann das Aufräumen

Kisten klappern. Was bis zum nächsten Verkauf hält, wird aufgeräumt. Das Brot wird ausgepackt und ebenso weggeworfen wie schnell verderbliches Obst oder Gemüse, Joghurt und Wurst in den Kühlschrank geräumt. Die leeren Kisten werden zusammengelegt und gestapelt. Fertig für die Fahrer, die am nächsten Morgen wieder Lebensmittel holen. Gesprächsfetzen und Lachen fliegen durch den Raum. Wieder haben Carola Stetting, Hubert Quett, Angelika Klein und die anderen einen Ausgabetag hinter sich gebracht. Überall zufriedene Mienen – die noch zufriedener wären, wenn es noch mehr helfende Hände gäbe.

Die Kitzinger Tafel

Gründung: Am 4. Februar 2003, zehn Jahre nach der ersten Tafel in Deutschland, gründeten 13 Bürger die Kitzinger Tafel.

Ziel: Bedürftige, denen das Geld hinten und vorne nicht zum Leben reicht, mit Lebensmitteln zu versorgen.

Standort: Seit 2009 befindet sich die Tafel samt Laden im Bauhof in der Äußeren Sulzfelder Straße. Das Tafel-Büro, in dem Ausweise beantragt werden können, ist in der Kitzinger Sparkasse, Eingang Schweizer Gasse. Geöffnet ist jeden Donnerstag von 13 bis 16 Uhr.

Ausgabe der Lebensmittel: Jeder Ausweisinhaber ist berechtigt, entweder am Mittwoch oder am Samstag Lebensmittel gegen einen Beitrag von 2 Euro und der Vorlage des Tafelausweises abzuholen. Öffnungszeiten: jeweils von 14 bis 15.30 Uhr.

Die Tafel heute: Die Kitzinger Tafel ist eine von über 900 in Deutschland. In Bayern gibt es über 160. Der Verein hat rund 170 Mitglieder, etwa 40 helfen aktiv bei der Sammlung, Sortierung und Ausgabe der gespendeten Lebensmittel für bis zu 1250 Bedürftige mit.

Ehrenamtliche Mitarbeit: Ohne das Engagement ehrenamtlicher Helfer wäre die Unterstützung unmöglich. Als Fahrer, in der Warenausgabe oder im Lager werden ständig neue Helfer gebraucht. Infos bei Aloisia Ihrig-Braune Tel. (0 93 21) 54 55.

„Es ist eine ganz tolle Clique.“
Ein Grund, warum Heide Thompson bei der Kitzinger Tafel hilft.