Sie heißen Isabella, Bianca, Angela oder Juliana - aber auch Kodrianka, Mars, Wostorg und sogar Kischmisch Lutschistji. Es gibt sie in klein und süß, groß und prall, mit einer Note von Muskat oder Stachelbeere, in rot, blau oder weiß, mit und ohne Kerne. Und es gibt wohl kaum jemanden, der sie nicht mag: Tafeltrauben. Einer, der Trauben nicht nur gerne isst, sondern sich ganz genau mit den Früchtchen auskennt, ist Hartmut Schmidt. Der Obernbreiter ist Rebveredler, verbindet Edelreißer also mit einer reblausresistenten Unterlage aus einer Wildrebe. Deshalb gehen alljährlich tausende von jungen Reben durch seine Hände, bevor sie irgendwann beim Winzer, in Weinlauben, als Hausstöcke oder Pergolabegrünung ausgesetzt werden. Und als leidenschaftlicher Rebensammler kann man bei ihm inzwischen aus 90 verschiedenen Tafelreb-sorten wählen.

"Das ist einmalig in Europa - zu mir kommen inzwischen schon andere Sammler aus Deutschland und darüber hinaus, wenn sie neue Sorten suchen."


Obwohl er mit dieser Vielfalt ein Vorreiter ist, bleibt Hartmut Schmidt bescheiden. "Mir macht das einfach Spaß. Es ist spannend, immer wieder neue Sorten auszuprobieren."
Der gelernte Winzer ist in der Rebschule seines Vaters aufgewachsen, die sein Opa 1921 gegründet hat. "Er hatte noch eine Baumschule dabei, mein Vater später Rosen, das habe ich aber aufgegeben." Heute führt er den Betrieb in der 3. Generation als reine Rebschule.

Die Tafeltraubenvermehrung war schon immer ein wichtiges Standbein in dem Traditionsbetrieb. Heute ist es das Hauptstandbein des 51-Jährigen. "Ich veredele im Jahr etwa 250 000 Reben - aber nur ein Drittel sind Rebsorten für den Weinbau, wie Silvaner, Müller-Thurgau oder Riesling." Seine Sorten bezieht er aus aller Herren Länder: Moldavien, Russland, USA, Kanada, Ukraine, Japan, Frankreich und vielen anderen Regionen. "Es gibt eine unglaubliche Vielfalt - das macht Tafeltrauben auch so interessant." Für den Weinbau hat er alle gängigen Sorten im Programm.

Das einzige, was Schmidt nicht selbst zieht, ist die Unterlage, also diese robuste, alte Wildrebe, auf die er die empfindlicheren Sorten veredelt.

Die Wurzeln der Rebe produzieren einen Saft, den Rebläuse nicht mögen - weshalb es in Weinbaugebieten unerlässlich ist, Reißer damit zu veredeln. "Es gibt außer dieser Züchtung kaum eine Rebe, die resistent gegen die Reblaus ist." Deshalb dürfe in Weinbaugebieten wie Franken keine nicht-veredelte Weinrebe ausgesetzt werden - auch nicht als Hausstock.
Seine Stecklinge zieht Schmidt alle selbst, in einer 7000 Quadratmeter großen Schnittanlage. "Das sieht aus wie ein Weinberg, nur dass bei mir mehr Laub an den Stöcken ist." Das trage zur Holzreife bei - sind die Reißer nämlich nicht reif genug, kann Schmidt sie nicht verwenden. Im Winter schneidet er sie aus seinen Mutterrebenbeständen und lagert sie als lange Ruten ein. Die Unterlagsreben bezieht Schmidt aus Italien.
Bevor der Frühling in Fahrt kommt, werden die Weinreben per Hand in "veredelungsfähige" Stücke geschnitten. "Ein Auge muss noch dran sein, damit die Rebe wieder ausschlagen kann." Für diese Arbeit und fürs Einlegen in die Veredelungsmaschine beschäftigt der Betrieb mehrere Frauen aus dem Ort. "Pro Tag gehen dann 4000 Reben durch die Maschine." Das Gerät setzt einen ganz speziellen Schnitt: Eine der Ruten bekommt einen Pfropfen, die andere das Gegenstück dazu, damit die beiden Stücke genau in einander passen. Die Wunde wird durch heißes Wachs verschlossen, damit keine Keime in die Pflanzen gelangen können.
In mit Erde gefüllten Kisten über einander geschichtet werden die Reben dann für vier Wochen bei 28 Grad Celsius vorgetrieben. "So verwachsen sie besser", erklärt Schmidt. Dann trennen sich die Wege der Wein- und der Tafelsorten.

Erstere pflanzt der Schmidt im Mai in seiner 1,5 Hektar großen Vermehrungsfläche im Freiland aus.

Dort dürfen sie wachsen, bis es im November das nächste Mal ins Lager geht - diesmal werden die Reben allerdings gekühlt. "Wir sortieren sie, schneiden sie ein Stück ab, damit sie weniger Platz wegnehmen und überwintern sie wurzelnackt in kühl-feuchtem Klima." Zwischen März und Mai - genau ein Jahr nach dem Veredeln - werden die Triebe an die Winzer verkauft.
Die Jungreben der Tafeltrauben kommen im Mai hingegen nicht ins Freie, sondern bekommen eingetopft ihren Platz in einem der sieben Treibhäuser, bis sie nach und nach an Baumschulen und Gartencenter verkauft werden. "Kunden können Reben aber auch einzeln ab Hof kaufen oder online bestellen." Auch hier war Schmidt eine Art Vorreiter: Bereits Anfang der 90er Jahre hat er einen Online-Versand eingerichtet. Die Hauptversandzeit sind der Herbst und das Frühjahr nach der Veredelung. Im Gegensatz zu den Weinreben, die Schmidt nur frankenweit vertreibt, reisen seine Tafeltrauben bis nach Kiel oder Garmisch-Patenkirchen, nach Aachen ebenso wie nach Frankfurt an der Oder.

"Wir haben das ganze Jahr über etwas zu tun - es wird nie langweilig."

Dabei sind selbst in guten Jahren 20 Prozent der Arbeit "umsonst". "Ausschuss gibt es immer, wenn wir die Reben sortieren. In guten Jahren können wir 80 Prozent vermarkten, in schlechten auch mal nur 60 Prozent." Was an allem möglichen liegt, nur nicht am Mehltau. "Fast alle meine Tafeltrauben-sorten sind resistent gegen diese Krankheit - es will ja niemand einen Hausstock spritzen." Im Gewächshaus gibt es übrigens auch keine chemischen Schädlingsbekämpfungsmittel: Hier arbeitete eine Hühnerschar "im Akkord", scharrt nach tierischen Schädlingen und klaut sich dabei auch mal die eine oder andere Traube.
Apropos Traube: In Schmidts Schnittanlage wachsen natürlich auch die Früchte der zig verschiedenen Traubensorten. Diese kann man derzeit bei ihm am Hof kaufen - seine Töchter Charlotte, Josefine und Selma bieten die süßen Früchte an ihrem Stand an, ebenso wie leckere Marmeladen und Hochprozentiges. Vielleicht will ja eine mal in Papas Fußstapfen treten?