Gegessen wird, was aus dem Garten kommt
Autor: Angelika Becker-Völker
Mainstockheim, Freitag, 06. April 2018
Selbstversorgung mit Gemüse von den eigenen Beeten ist gar nicht so schwer – und sie kann sogar etwas für bequeme Genießer sein.
Der Tee aus Erdbeer-, Himbeer-, Melisse- und Pfefferminzblättern aus dem Garten der Kellers bringt ein wenig Wärme in den kühlen Frühjahrstag, an dem wir die Mainstockheimer (Lkr. Kitzingen) Familie besuchen. Die Blätter waren getrocknet, aber Barbara und Martin Keller ernten selbst zwischen Schneeflecken noch Frisches. Sie erzählen uns, wie man sich durchs ganze Jahr von eigenen Beeten versorgen kann – zumindest mit Obst, Gemüse und Kräutern.
Hühner haben die Kellers keine. Eier kaufen sie also, aber sonst kommen 75 Prozent ihrer Lebensmittel aus dem etwa 400 Quadratmeter großen Garten, überschlägt Barbara Keller. Irgendwann will sie sich auch Hennen anschaffen. „Wenn wir nicht mehr so viel unterwegs sind.“ In Italien und Frankreich haben sie enge Kontakte. „Zu Leuten, die wie wir Saatgutarbeit machen.“
Und das zeigt schon, dass Selbstversorgung nicht nur Säen, Pflanzen und Ernten ist, sondern eine Lebenseinstellung, ja eine politische Haltung. Martin und Barbara Keller setzen sich ein für Samen, die nicht von Agrarkonzernen stammen, ohne Gentechnik entwickelt sind und im Gegensatz zu Hybridsaatgut unkompliziert vermehrt werden können. Das gibt es beispielsweise in Raritätengärtnereien. Die Unabhängigkeit von Konzernen liegt ihnen politisch am Herzen. Selbstgewonnenes Saatgut hat aber weitere Vorteile: Es passe sich dem Garten an, entwickele sich weiter, werde immer besser und die Früchte reiften versetzt.
Genuss ist das Wichtigste
Begonnen, über Selbstversorgung nachzudenken, hat die Familie, als die Kinder auf der Welt waren. „Da tauchte die Frage auf: Wie ernährt man sich?“, sagt Barbara Keller. Gesundheit und Unabhängigkeit vom Konsumangebot sind aber nur ein Teil der Philosophie. Schnell wird deutlich, dass es beim Selbstversorgergarten besonders um eines geht: den Genuss.
„Es ist schön, im Jahreslauf zu leben“, sagt Martin Keller. Sie liebe es, in der Erde zu wühlen, sagt seine Frau. „Ich glaube, das erdet wirklich.“ Sie schwärmen vom Geschmack reifer Erdbeeren, die gerade den Transport vom Garten in den Mund vertragen, von Salat, der frisch geerntet am besten ist, von Gemüsen, die es im Laden nicht gibt. Und besonders gefällt ihnen das Zubereiten und Essen. „Es ist ein schönes Gefühl, selber etwas machen zu können“, sagt Martin Keller.
Deshalb raten sie Garten-Neulingen, einfach das anzubauen, was sie gerne essen. Etwa Kürbis, den sie in Stückchen mit Öl beträufelt, Fetakäsewürfeln, Kräutermischung, Salz und Pfeffer 20 Minuten backen und mit gerösteten Kürbiskernen genießen. Oder Zuckererbsen, die sie im April am Zaun säen und im Juni im Risotto verspeisen. Sie empfehlen „Schweizer Riesen“, weil die schön bunt blühen. Und dann natürlich Tomaten, das Lieblingsgemüse der Deutschen.
So gewinnt man Samen
Barbara Keller vermehrt samenfeste Tomaten (keine Hybriden) so: Die ersten Früchte einer Pflanze – damit die Nachkommen auch früh tragen – sehr reif ernten, Kerne und Saft herauslöffeln, etwa zwei Zentimeter hoch in ein Schraubglas geben, Deckel locker auflegen und warm stellen (über 20 Grad Celsius). Nach zwei Tagen trennen sich Saft und Kerne, diese im Sieb waschen und auf einem Küchentuch trocknen lassen. Kühl, dunkel und trocken im Schraubglas aufbewahrt, halten sie sich viele Jahre.