Fürstin und Mutter von zwölf Kindern
Autor: Roland Flade
, Dienstag, 25. November 2014
Jesko Graf zu Dohna hat die Erinnerungen der Emma Fürstin zu Castell-Rüdenhausen herausgegeben. Ein spannender Einblick in das Leben einer Adligen im 19. und 20. Jahrhundert.
Emma Prinzessin zu Ysenburg-Büdingen war 18 Jahre alt, als sie im Mai 1859 mit dem ihr eben angetrauten Mann, dem 29-jährigen Grafen Wolfgang zu Castell-Rüdenhausen, Erbe eines alten Familienbesitzes, in ihrer neuen Heimat eintraf. „Ganz Rüdenhausen war ein Blumengewinde und reich mit Fahnen dekoriert, sah sehr freundlich und festlich aus“, notierte Emmas Mutter zufrieden.
„In dem freundlichen Schlosshofe vor dem festlich geschmückten Schlosse stand Wolfgangs Verwandtschaft zum Empfang und begrüßte meine Emma unendlich herzlich“, schrieb die Mutter in einem Brief. „Mit leuchtenden Augen führte Wolfgang sie in ihre wunderhübschen Zimmer, in denen sich noch viele Geschenke fanden.“
Die Einwohner Rüdenhausens freuten sich ebenfalls, wie Emmas Mutter feststellen konnte: „Sämtliche Bürger zogen im Hofe auf und Wolfgang führte seine Emma herunter, erhielt eine Masse kleiner Geschenke von Mädchen, Kindern, Bauern usw. Das Ganze machte einen außerordentlich gemütlichen Eindruck und Wolfgangs Freundlichkeit mit den Leuten gefiel mir sehr.“
Emma und Wolfgang zogen in das erst kurz zuvor fertiggestellte Neue Schloss. Was sich hier und in den adeligen Familien des fränkischen Umlands (unter anderem Castell-Castell, Schönborn und Bechtolsheim) in den nächsten sechs Jahrzehnten ereignete, steht in Emmas Erinnerungen, die jetzt als Veröffentlichung der Gesellschaft für fränkische Geschichte erschienen sind.
Hauptquelle war ihr gutes Gedächtnis; zudem verwendete sie aufbewahrte Briefe. Für die letzten vier Jahrzehnte ihres Lebens haben sich auch Tagebücher erhalten. Aus ihren Fotoalben wurden zahlreiche Aufnahmen, zum Teil in Farbe, in den Band übernommen.
Der Herausgeber Jesko Graf zu Dohna leitet das Fürstlich Castell’sche Archiv in Castell. Im Jahr 2005 erschien sein bemerkenswertes Buch „Die 'Jüdischen Konten’ der Fürstlich Castell’schen Credit-Cassen und des Bankhauses Karl Meyer KG“, in dem sich die Castell-Bank selbstkritisch mit der Haltung ihrer führenden Kräfte zum Nationalsozialismus und zu ihren jüdischen Kunden auseinandersetzte.
Emma Fürstin zu Castell-Rüdenhausen legte ihre „Lebenserinnerungen einer alten Frau“ – so der Originaltitel – 1916 auf Bitten einer ihrer Töchter zunächst auf 1350 Seiten handschriftlich nieder. Im Herbst 1919 begann sie einen Nachtrag abzufassen. Der letzte Eintrag stammt vom 12. Januar 1920. Eine zweite, ebenfalls handschriftliche und leicht veränderte Version, befindet sich im Castell’schen Archiv. Der Hausgeber hat die Veränderungen kenntlich gemacht, alle Personen, soweit möglich, mit biographischen Angaben erläutert und zeitgeschichtliche Hintergründe in Fußnoten beleuchtet.