Ethik und Ernährung: Fleisch erst nach der Sintflut
Autor: Alice Natter
Würzburg, Freitag, 23. Dezember 2016
Vegetarisch zu leben – diese Pflicht gab es im Christentum nie, sagt Theologe Michael Rosenberger. Doch wie viel Tier darf's sein? Ein Gespräch über Ethik beim Essen.
Ist das, was bei uns auf den Teller kommt, ethisch korrekt und gut? Vegane oder vegetarische Ernährung ist Trend, doch der durchschnittliche Fleischkonsum in Deutschland seit Jahren unverändert hoch. Die Debatten darüber werden heftig geführt, und sie zeigen: Es geht um mehr als nur um Ernährung. Wer sind wir und wie gehen wir mit der Welt um, die die Christen als Schöpfung Gottes betrachten? Der Moraltheologe Professor Michael Rosenberger, aus Kitzingen stammender Priester der Diözese Würzburg, beschäftigt seit sich seit langem mit Ernährungstrends, der ethischen Diskussion über Fleischverzicht und damit, wie ein vernünftiger Fleischkonsum aussehen kann. In seinem neuen Buch, gerade erschienen im Echter Verlag, fragt Rosenberger: „Wie viel Tier darf's sein?“ Im Gespräch erläutert er, warum unsere Käsevielfalt mit Fasten zu tun hat.
Michael Rosenberger: Das ist eine lange Geschichte, die fast 20 Jahre zurückreicht. Damals wurde das Thema Fleischkonsum vom Wuppertal Institut in der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ für den Bund für Umwelt und Naturschutz und Misereor angesprochen. An der Auswertung, vor allem auch des Echos auf die Studie, war ich relativ stark beteiligt. Seitdem begleitet mich das Thema. Ernährung ist ein unglaublich starkes Thema, das viele globale und gesellschaftspolitische Fragen umfasst – ob ökologisch, sozial oder tierethisch. Und wenn es um das Thema Ernährung geht, werden wir sensibel. Daher hatte ich schon lange den Wunsch, eine Ethik der Ernährung zu schreiben. In dem Buch, das ich 2014 endlich herausgebracht habe, waren der Fleischkonsum und seine Folgen natürlich auch Thema.
Ist das Buch jetzt, nur zum Fleischthema, eine Reaktion auf die veganen und sonstigen Ernährungstrends der vergangenen Jahre?Rosenberger: Das war sicher auch ein äußerlicher Anlass. Die Zahl der veganen Restaurants und der Produkte in den Supermarktregalen ist sprunghaft angestiegen. Innerhalb von nur ein, zwei Jahren wurde die Möglichkeit geschaffen, dass ein Mensch ohne großen Aufwand vegan leben kann. Offensichtlich spüren die Menschen, dass da etwas nicht so ganz stimmt mit dem Fleischkonsum.
Rosenberger: Die Soziologen, die diese Szene analysieren, sprechen von zwei Gruppen von Veganern: die Trend-Veganer und die ethischen Veganer. Da muss man gut unterscheiden. Die einen ernähren sich tatsächlich nicht aus ethischen Gründen und der Tierhaltung vegan. Die andere Gruppe sehr wohl. Das Interessante ist aber, dass von den Mode-Veganern doch einige die ethischen Aspekte überdenken und dann auch ethische Motive für ihre vegane Lebensweise übernehmen.
Rosenberger: Wenn man auf die Frage des Tierschutzes schaut: Im Alten Testament gibt es durchaus das Idealbild einer Welt, in der kein Lebewesen ein anderes verzehrt. Das findet man beispielsweise in der ersten Schöpfungserzählung, wo den Tieren wie den Menschen ausdrücklich nur die grünen Pflanzen zur Nahrung gegeben werden. Der Fleischverzehr war dann erst nach der Sintflut-Erzählung erlaubt, nachdem also schon einiges schiefgelaufen ist und man merkt, dass Mensch und Tier so friedlich nicht miteinander leben können und es doch viele Konflikte gibt. Allerdings werden gleich ein paar Einschränkungen gemacht, so dass man nicht über die Stränge schlägt und zu viel Fleisch ist.
Ein bemerkenswerter Wandel.Rosenberger: Es ist interessant, dass das von den ersten Kapiteln an grundgelegt ist und sich dann durch die Bibel zieht. Einerseits gibt es kein prinzipielles Verbot. Andererseits heißt es: Sei behutsam mit dem Fleischverzehr. Und sorge auf jeden Fall dafür, dass das Tier ein gutes Leben hat und dass es bei der Schlachtung möglichst schmerz- und angstfrei getötet wird. Darauf wird Wert gelegt.
Welche Idee steckt dahinter? Die Liebe zum Lebewesen, zum Nächsten, also auch zum Tier?Rosenberger: Ja, und religiös betrachtet: dass es die Liebe Gottes zu diesem Lebewesen gibt. Gott hat das Tier geschaffen, und er liebt dieses Tier. Da müssen wir als Menschen entsprechend damit umgehen, das ist die Logik.