Ein Jahr im Landtag: Klingen (AfD) wagt auch den Alleingang
Autor: Michael Mößlein
Kitzingen, Dienstag, 05. November 2019
Der Politiker aus Markt Einersheim sitzt für die Rechtspartei im Landtag. Dort hat er unruhige Zeiten in seiner Fraktion erlebt, und dass die Luft für die Opposition dünn ist.
Wer von einem Vertreter der AfD einen Politiker erwartet, der mit lautstarken Parolen auf sich aufmerksam macht, der die Bühne sucht, um politische Überzeugungen unters Volk zu bringen, der dürfte von Christian Klingen enttäuscht sein. Daran hat das zurückliegende Jahr, in dem er für die rechte Partei im Bayerischen Landtag sitzt, nichts geändert. Daran mag es liegen, dass die persönliche Bilanz des 54-Jährigen aus Markt Einersheim fast so farblos daherkommt wie dessen weißes Haar.
Das Gespräch mit dieser Redaktion findet in Klingens Bürgerbüro in Kitzingen statt. Dieses ist im ersten Stock der Marktstraße 15, einem Haus am Marktbrunnen, in das ein unscheinbarer Hauseingang führt. Die Klingel ist derzeit defekt. Einziger Hinweis auf Klingens AfD-Büro: Ein DIN-A4-Zettel an der Glastür.
Über Gegner verliert Klingen im Gespräch kein böses Wort
Der Abgeordnete profiliert sich nicht und teilt im Gespräch mit keinem Satz aus. Über politische Gegner verliert er kein böses Wort. Im Gegenteil: "Selbst mit den Grünen kann man vernünftig reden", sagt er. Als Opposition versuche die AfD im Landtag zu schauen, wo sich Anträge mit eigenen Meinungen decken. Diese würden dann unterstützt, sagt Klingen, der auch den Alleingang nicht scheut. So stimmte er laut der Webseite Abgeordnetenwatch am 17. Juli als einziger AfD-Vertreter für den Gesetzentwurf "Artenvielfalt stärken – Bienen retten". Dass ihre Anträge gegen CSU und Freie Wähler keine Mehrheiten erhalten, das gehe anderen Oppositionsparteien genauso wie der AfD, meint Klingen.
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Umweltpolitik ist sein Steckenpferd. So gefällt ihm neben seiner Mitarbeit im Medienrat besonders seine Arbeit im Landtagsausschuss für Umwelt und Verbraucherschutz. So kam er zu seiner ersten Rede im Plenum; er leugnete darin den menschengemachten Klimawandel. Vor seiner Zeit als Abgeordneter arbeitete er an der Uni Würzburg in der Stabsstelle für Arbeitssicherheit, Tier- und Umweltschutz. Thematisch hat sich für Klingen also nicht viel geändert. Geändert haben sich jedoch die Arbeitszeiten: Der geregelte Acht-Stunden-Tag als Beamter wich dem Leben als Politiker, mit Sitzungen bis spät in die Nacht. Von Dienstagvormittag bis Donnerstagabend ist er grundsätzlich in München, im Plenum, in Arbeitskreisen und Ausschüssen, abends oft bei Veranstaltungen, erzählt er. Am Wochenende stehen Termine in seiner Heimat sowie als Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Kitzingen im Kalender. Viel Freizeit bleibt da bei einer 70- bis 80-Stunden-Woche nicht. Freunde beschwerten sich manchmal, Termine mit ihm zu finden, gibt er zu. Weil sein Hauptberuf als Politiker ihn zwingt, viel zu sitzen, hat Klingen mit Sport begonnen.
Die AfD-Fraktion ist in zwei Flügel gespalten
Neben Klingen gehören 19 weitere Abgeordnete der AfD-Fraktion im Landtag an. Zwei Abgeordnete haben ihr im Streit über die politische Ausrichtung den Rücken gekehrt. Bekannt ist, dass der Rest der Fraktion in zwei Flügel gespalten ist: Den "völkischen" um Fraktionsvorsitzende Kathrin Ebner-Steiner, zu dem auch der weitere unterfränkische AfD-Landtagsabgeordnete, Richard Graupner, zählt, und einen gemäßigteren. Letztgenanntem, "der bürgerlichen Mitte", wie er es ausdrückt, rechnet sich Klingen zu. Er möchte konstruktiv mitarbeiten, "nicht hereinbrüllen".
Wie sich der parteiinterne Streit auf seine Arbeit als Landtagsabgeordneter ausgewirkt hat, darüber möchte Klingen nicht sprechen. Doch vor der Wiederwahl von Ebner-Steiner zur AfD-Fraktionsvorsitzenden Ende September hatte er laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung gemeinsam mit zwei weiteren AfD-Abgeordneten der Frontfrau der Rechtsaußen vorgeworfen, mit "schier unglaublichen Machtstreben (...) jede Grenze" zu überschreiten. Dies sei "nicht die AfD, in die wir eingetreten sind", werden die drei AfD-Parlamentarier zitiert. Klingen war der AfD-Klausur dann auch fern geblieben.