Das Ballett der Männer
Autor: Von unserer Mitarbeiterin Leonie Schneider
Zellingen, Freitag, 21. April 2017
Showtanz ist die Leidenschaft der „Turedancer“ aus Zellingen - und das nicht nur zur Faschingszeit. Zu Besuch bei einer Gruppe mit einem ganz besonderen Hobby.
Und fünf, sechs, sieben, acht, zählt Vanessa Schulz ein. Die Choreografie sitzt, die Gruppe bewegt sich perfekt synchron. Die Tänzer haben schwarze Stöcke in der Hand, mit denen sie im Takt auf den Boden klopfen. Trainerin Schulz steht vor der Bühne, beobachtet und gibt Anweisungen. „Stöcke weiter hoch, Rücken 90 Grad!“ Die Turedancer aus Zellingen (Lkr. Main-Spessart) stecken in den letzten Vorbereitungen für die 10. Bayerische Männerballett-Meisterschaft an diesem Samstag in Dettelbach (Lkr. Kitzingen).
Schon fünfmal Sieger
Schon fünf Mal konnte die Tanzgruppe den Siegerpokal mit nach Hause nehmen. „Wir haben den Anspruch, eine gute Show abzuliefern und das Publikum zu begeistern. Es kommt auch auf die Leistung der anderen Teams an, wie gut wir abscheiden. Aber am wichtigsten ist es, dass wir selbst zufrieden sind und Spaß haben“, sagt Florian Lang, der bereits seit neun Jahren Teil der Turedancer ist. Die Gruppe besteht aus zehn aktiven Tänzern zwischen 19 und 32 Jahren. Männerballett – für diese Altersgruppe ein eher ungewöhnliches Hobby.
1#googleAds#100x100In seiner Studienzeit erntete Florian Lang einige schiefe Blicke, wenn er jemandem erzählte, was er in der Freizeit macht. „Die dachten erst, ich hüpfe im Tutu an einer Stange herum und hoch das Bein“, sagt er. Das, was die jungen Tänzer tatsächlich auf die Bühne bringen, ist wohl am ehesten als Showtanz mit Akrobatik zu beschreiben.
Benannt nach dem Zellinger Torturm
Die Turedancer, der Name ist eine Anspielung auf das Wahrzeichen Zellingens, den Torturm („Ture“), legen viel Wert auf eine perfekte Inszenierung und ausgefeilte tänzerische Leistung. Für die Bayerische Meisterschaft haben sie sich zum Ziel gesetzt, den Titel aus dem vergangenen Jahr zu verteidigen. „Dafür ist es auch wichtig, dass das Motto ankommt und das Gesamtpaket passt. In der laufenden Saison war die Resonanz des Publikums zur aktuellen Show sehr gut“, sagt Tänzer Achim Gerschütz. Die Show thematisiert den Día de los Muertos aus Mexiko, ein fröhliches Volksfest zu Ehren der Toten. Statt einfach nur unterschiedliche Szenen darzustellen, erzählen die Tänzer innerhalb des Tanzes eine Geschichte. Dazu wurden unterschiedliche Kostüme mit glitzernden Jacken und Hüten passend zum Tag der Toten geschneidert.
Idee aus dem Bond-Film
„Auf das Thema hat uns der James-Bond-Film Spectre gebracht, in der Anfangsszene wird eine Parade zum Tag der Toten in Mexiko City gezeigt“, erzählt Trainerin Vanessa Schulz. Die Kulissen fallen dieses Mal sehr aufwendig aus, da ist es praktisch, Schreiner mit im Team zu haben. Für die Bayerische Meisterschaft mussten Achim Gerschütz und Cornelius Lehrmann ihr selbst gebautes, 3,20 Meter hohes Skelett noch einen Kopf kürzer machen, weil der Verband deutscher Männerballette nur Kulissen von drei Metern Höhe zulässt.
Ähnlich streng ist die Bewertung der Tänze. Die Jury sieht es gerne, wenn viele verschiedene Stilrichtungen eingebunden werden, sodass eine bunte Choreografie entsteht. Dieses Mal sind Salsa-Schritte dabei, der Hüftschwung ist für die jungen Tänzer kein Problem. Ansonsten baut die Gruppe gerne Elemente aus Hip-Hop oder Breakdance ein. Die Abläufe und Choreografien arbeitet das Trainerteam aus Vanessa Schulz und Christian Drescher aus. Drescher ist selbst seit zehn Jahren ein Turedancer, Schulz hat bei der Garde getanzt und bringt Erfahrungen aus Ballett und Hip-Hop mit.
Üben auf den Turnmatten
Die Hebefiguren verlangen den Tänzern beim Training die meiste Geduld ab. „Da muss man länger herumbasteln, bis sie stehen. Auch manche Akrobatikelemente müssen wir erst einmal langsam auf Turnmatten üben“, erzählt Trainer Christian Drescher. Vanessa Schulz ist sehr perfektionistisch, aber das deckt sich gut mit dem Ehrgeiz der Turedancer. „Jeder muss wirklich wollen, es gibt keine Ersatzleute wie beim Fußball. Alle stehen in der Startelf“, sagt sie und fügt an, dass Neuzugänge immer gerne gesehen sind. „Wir sind als Gruppe eine Einheit und auch privat gute Freunde“, sagt Tänzer Julian Wohlfahrt. Am wichtigsten ist den Jungs der Spaß am Tanzen – und das Bier nach dem Training. Insgesamt dauert die aktuelle Show zehn Minuten, auf Wettbewerben darf dieser Zeitrahmen auch nicht überschritten werden. „Viel länger würden wir das gar nicht aushalten, danach ist das Kostüm schon durchgeschwitzt“, sagt Cornelius Lehrmann. Dazu läuft selbst zusammengeschnittene Musik, die auch mal schmunzeln lässt: Die Figur El Catrina tritt zu Adeles „Hello“ auf, typisch mexikanische Klänge werden von „Aber bitte mit Sahne“ durchbrochen.