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A9 bei Münchberg: Unfall mit 18 Toten jährt sich - Ersthelfer über Zeugen: "Blieben alle sitzen"


Autor: Isabel Schaffner

Münchberg, Montag, 04. Juli 2022

Auf der A9 bei Münchberg ereignete sich 2017 ein Bus-Unfall mit 18 Toten. Jörg-Steffen Höger versorgte damals mit seiner Tochter die Verletzten und erlebte die Ignoranz der anderen Autofahrer.
Nach dem Unfall auf der A9 bei Münchberg 2017 versorgten Jörg-Steffen und Annika Höger die Businsassen als Ersthelfer.


  • A9 bei Münchberg: 2017 geriet ein Reisebus in Vollbrand - 18 Menschen starben
  • "Wie in Katastrophenfilm": Jörg-Steffen Höger und seine Tochter sind Ersthelfer
  • "Alle anderen Autofahrer blieben sitzen" - einer filmt in Rettungswagen
  • Wie man als Unfall-Zeuge eigentlich handeln solle

Am Sonntag (3. Juli 2022) jährte sich das dramatische Bus-Unglück auf der A9 bei Münchberg in Oberfranken zum fünften Mal. Damals kollidierten ein Reisebus und ein Lkw. In der Folge starben 18 Menschen, 30 wurden verletzt. Jörg-Steffen Höger war zu diesem Zeitpunkt mit seiner Tochter auf dem Weg nach Bayreuth. Zu zweit teilten sie sich als Ersthelfer auf 25 bis 30 Personen auf. Hilfe von den vielen anderen Autofahrer bekamen sie nicht. Höger ließ im Gespräch mit inFranken.de seine Erlebnisse Revue passieren und sagt: "Nur ein paar beruhigende Worte wären viel wert gewesen."

Unfall auf A9 bei Münchberg 2017: Ersthelfer sah Rauchwolke schon von weitem

Es sei ein gewöhnlicher Morgen, wie jeder andere, gewesen. Der Feuerwehrmann und Rettungssanitäter Höger nahm seine damals 17-jährige Tochter Annika auf seinem Arbeitsweg nach Bayreuth zur Schule mit. Schon von weitem sah er auf der A9 eine Rauchwolke aufsteigen. "Ich bekam es auch über meinen Feuerwehr-Funkmeldeempfänger mit. Einsatzkräfte wurden auf die Autobahn mit der ersten Alarmmeldung geschickt, es würde ein Lkw brennen. Der Verkehr staute sich allmählich", berichtet er inFranken.de.

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Die starke Rauchentwicklung verhieß nichts Gutes. Höger habe seine Beobachtungen der Integrierten Leitstelle durchgegeben. Sehr hilfreich für die anrückenden Einsatzkräfte sei die Information gewesen, dass sich die Unfallstelle etwa 300 Meter nach einer Behelfsauffahrt befand. "Ich bekam die Anweisung, bis zur Einsatzstelle vorzurücken, um eine Lagemeldung durchzugeben. Ich stellte mein Schild 'Feuerwehr im Einsatz' auf das Autodach und fuhr durch die Rettungsgasse zur Einsatzstelle vor."

Die Rettungsgasse habe auf dem kurzen Weg dorthin funktioniert. Nach hinten sei sie allerdings nahezu nicht vorhanden gewesen, wie man später festgestellt habe. "Nach kurzer Sichtung der Lage nahm ich Kontakt mit der etwa zeitgleich eintreffenden Polizeistreife auf. Tatsächlich brannte nicht nur der Lkw, sondern auch der Reisebus dahinter stand mittlerweile in Vollbrand", so Höger. 

"Wie in einem Katastrophenfilm" - Vater und Tochter müssen triagieren

Vater und Tochter erwartete ein furchtbares Szenario: "Ich fühlte mich wie in einem Katastrophenfilm. Mehrere Personen befanden sich auf der Autobahn und teilweise noch im Bus. Hinter den brennenden Fahrzeugen kam die Polizeiabsperrung, auf der rechten Spur stand der brennende Lkw-Anhänger und dahinter der Bus. Ungefähr 25 bis 30 Personen liefen teilweise im Schock, teilweise leicht oder schwerer verletzt, mit Brandverletzungen auf der Autobahn durcheinander. Manche Businsassen suchten aufgeregt ihre Angehörigen oder Freunde", erinnert er sich der heute 58-Jährige.

Die Informationen Högers an seine Kollegen habe ein Großaufgebot an Einsatzkräften bewirkt. Bis diese eingetroffen seien, habe es allerdings 15 bis 20 Minuten gedauert. "In der Zwischenzeit stand ich mit meiner Tochter vor der Herausforderung, zu entscheiden, wen wir zuerst versorgen." Dabei wähle man in der Regel zunächst diejenigen aus, die sitzen oder liegen, da sie oft ernster verletzt sind als hektisch Umherlaufende. Diese Ersteinschätzung wird auch Triagierung genannt.

Annika habe sich damals passenderweise in der Ausbildung zur Rettungssanitäterin befunden. Zwar könnten die beiden als Rettungskräfte mit solchen Situationen umgehen, "doch solch eine Masse an Verletzten ist eine absolute Ausnahme und der Unfall sticht aus unseren Einsätzen heraus. Es war in jedem Fall eine emotional angespannte Situation", berichtet Höger.

Autofahrer filmt mit Handy in Krankenwagen - Ersthelfer übt Kritik

Die anderen Autofahrer, die nicht anders konnten, als im Stau stehenzubleiben, "blieben alle im Auto sitzen und schauten zu. Wir bekamen von ihnen keine Unterstützung. Schlimmer noch: Einer versuchte sogar, von der Mittelleitplanke aus mit dem Handy in einen Krankenwagen zu filmen", rekapituliert Höger. Jeder von ihnen hätte helfen können, betont er. Es sei offensichtlich gewesen, dass die Businsassen mit dieser Ausnahmesituation psychisch "nicht klarkamen". 

"Ein paar beruhigende Worte oder Gestiken hätten sehr geholfen. Man kann eine Person beiseite nehmen, sich kurz vorstellen und einfach da sein. Das wäre viel wert gewesen. Es beruhigt, wenn man zumindest hört, dass Hilfe auf dem Weg ist." Die Unfallzeugen hätten außerdem schlichtweg ihre Verbandskästen aus ihren Autos bringen können. "Ausreden, man habe Angst, etwas falsch zu machen, der Kurs sei so lange her, man habe Zeitdruck, oder die falschen Klamotten an, zählen nicht", sagt Höger.

Klar sei, dass man nicht Leib und Leben für andere riskieren müsse. Doch nach dem Strafgesetzbuch sei jeder verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Obendrein seien Ersthelfer durch die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. "Man sollte trotz der Ausnahmesituation ruhig bleiben. Auch ohne medizinische Kenntnisse kann man helfen, indem man alleine schon den Notruf absetzt. Dabei kommt es auf genaue Angaben zu Örtlichkeit, Anzahl der Verletzten und Verletzungsart an. Nur so können die Einsatzkräfte zielgerichtet anrücken", erklärt der ehemalige Kreisbrandmeister. Jeder könne zudem mit einem Warndreieck aus dem Auto eine Unfallstelle absichern.

Auffrischung von Erste-Hilfe-Kurs "leider keine Pflicht" - viel Wissen geht verloren

"Es gibt leider keine Pflicht, den Erste-Hilfe-Kurs aufzufrischen. Allerdings geht viel Wissen nach wenigen Jahren verloren", so Höger. Er findet deshalb, man sollte sich eigenständig dazu entscheiden, es wieder ins Kurzzeitgedächtnis zu holen. "Als Geschädigter bei einem Unfall würde ich mir selbst ja auch Hilfe wünschen. Das sollte man von jedem erwarten können. Es ist ein Geben und ein Nehmen."

Für seine Tochter und ihn sei das Leben nach dem Unfall auf der A9 bei Münchberg normal weitergegangen. "Ab und zu spricht man über den ein oder anderen besonderen Einsatz und reflektiert den Ablauf. Wir würden jederzeit wieder so handeln. Kontakt zu den Businsassen hatten wir nicht mehr", sagt Jörg-Steffen Höger, der weiterhin als Brandmeister und Rettungssanitäter tätig ist.