Annika habe sich damals passenderweise in der Ausbildung zur Rettungssanitäterin befunden. Zwar könnten die beiden als Rettungskräfte mit solchen Situationen umgehen, "doch solch eine Masse an Verletzten ist eine absolute Ausnahme und der Unfall sticht aus unseren Einsätzen heraus. Es war in jedem Fall eine emotional angespannte Situation", berichtet Höger.
Autofahrer filmt mit Handy in Krankenwagen - Ersthelfer übt Kritik
Die anderen Autofahrer, die nicht anders konnten, als im Stau stehenzubleiben, "blieben alle im Auto sitzen und schauten zu. Wir bekamen von ihnen keine Unterstützung. Schlimmer noch: Einer versuchte sogar, von der Mittelleitplanke aus mit dem Handy in einen Krankenwagen zu filmen", rekapituliert Höger. Jeder von ihnen hätte helfen können, betont er. Es sei offensichtlich gewesen, dass die Businsassen mit dieser Ausnahmesituation psychisch "nicht klarkamen".
"Ein paar beruhigende Worte oder Gestiken hätten sehr geholfen. Man kann eine Person beiseite nehmen, sich kurz vorstellen und einfach da sein. Das wäre viel wert gewesen. Es beruhigt, wenn man zumindest hört, dass Hilfe auf dem Weg ist." Die Unfallzeugen hätten außerdem schlichtweg ihre Verbandskästen aus ihren Autos bringen können. "Ausreden, man habe Angst, etwas falsch zu machen, der Kurs sei so lange her, man habe Zeitdruck, oder die falschen Klamotten an, zählen nicht", sagt Höger.
Klar sei, dass man nicht Leib und Leben für andere riskieren müsse. Doch nach dem Strafgesetzbuch sei jeder verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Obendrein seien Ersthelfer durch die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. "Man sollte trotz der Ausnahmesituation ruhig bleiben. Auch ohne medizinische Kenntnisse kann man helfen, indem man alleine schon den Notruf absetzt. Dabei kommt es auf genaue Angaben zu Örtlichkeit, Anzahl der Verletzten und Verletzungsart an. Nur so können die Einsatzkräfte zielgerichtet anrücken", erklärt der ehemalige Kreisbrandmeister. Jeder könne zudem mit einem Warndreieck aus dem Auto eine Unfallstelle absichern.
Auffrischung von Erste-Hilfe-Kurs "leider keine Pflicht" - viel Wissen geht verloren
"Es gibt leider keine Pflicht, den Erste-Hilfe-Kurs aufzufrischen. Allerdings geht viel Wissen nach wenigen Jahren verloren", so Höger. Er findet deshalb, man sollte sich eigenständig dazu entscheiden, es wieder ins Kurzzeitgedächtnis zu holen. "Als Geschädigter bei einem Unfall würde ich mir selbst ja auch Hilfe wünschen. Das sollte man von jedem erwarten können. Es ist ein Geben und ein Nehmen."
Für seine Tochter und ihn sei das Leben nach dem Unfall auf der A9 bei Münchberg normal weitergegangen. "Ab und zu spricht man über den ein oder anderen besonderen Einsatz und reflektiert den Ablauf. Wir würden jederzeit wieder so handeln. Kontakt zu den Businsassen hatten wir nicht mehr", sagt Jörg-Steffen Höger, der weiterhin als Brandmeister und Rettungssanitäter tätig ist.